Eggingen – Wenn Touristen und Einheimische mit der Museumsbahn, die als Sauschwänzlebahn bekannt ist, fahren, genießen sie die herrliche Landschaft und die Eisenbahnfreunde bestaunen die historische Technik. Diese nostalgische Bahn hat in der Region in früheren Jahren eine große Rolle gespielt. Jüngere Generationen können sich dies heute gar nicht mehr vorstellen. Fertiggestellt wurde die Strecke 1890 und es ist festzustellen: Sie brachte den Fortschritt ins Wutachtal.

Wie es früher war, erzählte der frühere Betriebshauptaufseher Karl Müller im Gespräch mit dieser Zeitung. Als es in früheren Zeiten noch keine Lastwagen gab, die Güter transportierten, mussten diese Aufgabe Pferdefuhrwerk, Ochsen- oder Kuhwagen übernehmen. Dann kam jedoch die Bahn und revolutionierte das Transportwesen. Angefangen von Personen über Holz, landwirtschaftliche Produkte, sogar Traktoren und andere Landmaschinen, bis hin zu lebenden Tieren wurde alles auf der Schiene transportiert.

Alte Filme zeigen oftmals Bäuerinnen, die mit einem Korb voller Hühner auf irgendeinen Markt fahren oder einen Bauer, der ein kleines Schwein im Rucksack trägt. Für die in der Nähe des Bahnhofs gelegene Zwirnerei Untereggingen ZUE, die bereits 1878 gegründet worden war, war der Bahnverkehr besonders wichtig, so konnten die hergestellten Produkte mit der Bahn in alle Welt versendet werden. Sogar Kuhhäute, die nach dem Schlachten, in den meisten Fällen Notschlachtungen, schnell zur Weiterverarbeitung transportiert werden mussten, beförderte die Bahn. Auch in Eggingen war das so.

Der Egginger Bahnhof war auch Rangierbahnhof, das hieß, Waggons konnten auf ein zweites Gleis zum Ab- und Aufladen geschoben werden. Dabei gab es auch Güter für die Gemeinden Obereggingen, Mauchen, Bettmaringen, Ober- und Untermettingen. Karl Müller war während seiner Berufslaufbahn in fast allen Bahnhöfen im Wutachtal eingesetzt. Zwar gab es in Eggingen kein Überholgleis, aber dafür in Ofteringen und Eberfingen.

Er weiß noch genau, wie so ein Tagesablauf im Bahnhof war. Oft kamen beispielsweise Einwohner aus Eggingen zum Bahnhof an den Schalter, um die genaue Uhrzeit zu erfahren. Bei der Bahn gab jeden Morgen um 8 Uhr ein Signal, nach dem dann die Uhr gestellt wurde. Manch einer wird heutzutage darüber schmunzeln, doch in früherer Zeit hatte nicht jeder eine gut funktionierende eigene Uhr am Arm oder in der Tasche. Diese musten täglich neu aufgezogen werden und wenn die Uhr auch tagsüber präzise lief, so konnte es vorkommen, dass diese in der Nacht auch einfach stehen geblieben ist.

Für die Bahn war natürlich die Pünktlichkeit wichtig, denn die Züge mussten immer beim nächsten Bahnhof angekündigt und bestätigt werden. Zudem übten die Bahnbeamten noch einen weiteren Dienst aus: Nur über die Bahnlinie konnten Telegramme versendet werden. Dazu mussten die Bahnbeamten damals das Morsen lernen und diese gaben dann die Telegramme weiter an die Postbeamten, die sie zu den Empfängern brachten. So war auch der Postbeamte öfter im Bahnhof anzutreffen, besonders da es nach Obereggingen keine Telegrafenleitung gab.

Was Karl Müller auch noch gut in Erinnerung geblieben ist, ist dass der damalige Pfarrer in Obereggingen, Dekan Karl Armbruster, regelmäßig aus seiner Heimat in Achern Kirschen und anderes Obst per Bahn geschickt bekommen hat. Müller hat dann immer beim Pfarrer angerufen, dass wieder eine Kiste mit Obst gekommen war. Der Pfarrer holte diese dann mit seinem VW ab und hin und wieder gab es auch einen kleinen Schwatz.

Der Betriebshauptaufseher war aber nicht allein im Bahnhof. Bei jedem Bahnhof gab es in der Regel eine ganze Besatzung. Bahnbedienstete, die für das Ab- und Aufladen zuständig waren oder für die jeweiligen Schranken gab es Schrankenwärter. In Stühlingen zählte die Besatzung beispielsweise rund zehn Bedienstete. Es wurde meistens in Schichen gearbeitet und erst wenn der letzte Zug durchgefahren und bestätigt war, konnte der Feierabend beginnen.

Was heute viele nicht mehr wissen: In Eggingen gab es auch eine Güterhalle, in der angelieferte Waren gelagert wurden. Eine schlimme Zeit gab es vor und während der Währungsreform. In der Region gab es fast gar nichts, so erinnert sich Karl Müller. Er musste zu dieser Zeit zum Dienst nach Erzingen und nicht einmal ein Fahrrad war zunächst zu finden. Als ein Nachbar dann doch noch eines aufgetrieben hatte, konnte er zum Dienst fahren. Dann plötzlich über Nacht, gab es auch in Eggingen wieder Fahrräder. Die Händler wollten den Kunden weismachen, sie seien mit der Bahn gekommen, aber Karl Müller wusste, es war kein Zug mit Fahrrädern angekommen.

Die Bahnstrecke Basel – Immendingen führte durch das Wutachtal. Sie wurde zur strategischen Eisenbahn ernannt und von der Nato in den Jahren 1962 bis 1965 aufwendig restauriert. Zum 1. Januar 1976 wurde sie allerdings stillgelegt, nachdem zuerst Teile zwischen Weizen und Blumberg und dann auch der Rest außer Betrieb worden waren. Erst mit der Museumsbahn kam dann wieder Leben in einen Streckenabschnitt, der reich an historischer Ingenieurskunst und idyllischer Landschaft ist.