Ein ausgesprochen quirliges und amüsantes Theaterstück boten die Zwölftklässler der Freien Waldorfschule Dachsberg ihrem begeisterten Publikum. Zusammen mit einigen Gastschauspielern zeigten sie die Komödie „Das Haus in Montevideo oder Traugotts Versuchung“ von Curt Goetz. Das im Jahr 1945 am Broadway uraufgeführte und 1950 auch auf deutsch in Berlin gezeigte vieraktige Schauspiel thematisiert Moral, Versuchung und Lohn der Tugend.

Die tote Tante

Es basiert auf einem 1924 entstandenen Einakter desselben Autors, der den Titel „Die tote Tante“ trug. Der Andrang bei der Vorstellung am Samstag war so groß, dass die Zwischentür geöffnet und die Tribünen nach hinten verschoben werden mussten, um vor der Bühne Platz zu schaffen für weitere Stuhlreihen. Der erste und der vierte Akt spielen im Haus einer deutschen Professorenfamilie, der zweite und dritte Akt in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Professor Traugott Nägler führt mit seiner Frau und seinen zwölf Kindern ein äußerst tugendhaftes Leben. Viele Jahre zuvor hatte Nägler aufgrund seiner unverrückbaren Moralvorstellungen seine unverheiratete schwangere Schwester verstoßen, die daraufhin nach Südamerika auswanderte.

Die Erbschaft

Nach ihrem Tod erhält der Pastor die Nachricht, dass Näglers älteste Tochter Atlanta von der Tante als Erbin eingesetzt worden sei. Der Professor, der zunächst das Erbe ausschlagen will, wird mit dem Argument, er könne dadurch zum Wohltäter werden, dazu überredet, sich vor Ort das Erbe anzusehen.

Es besteht aus einem Haus, in dem viele junge Mädchen leben, sowie einer Geldsumme, an die eine Bedingung geknüpft ist. Das Haus, vom Professor zunächst für ein Bordell gehalten, entpuppt sich als Stiftung für alleinstehende junge Mädchen, denen die Schwester des Professors ein Schicksal wie ihr eigenes ersparen wollte, nachdem sie unter einem Künstlernamen als große Sängerin Karriere gemacht hatte.

Uneheliches Kind als Bedingung

Die Bedingung allerdings, die an die Auszahlung des Geldbetrags geknüpft ist, lautet, dass im Hause des Professors binnen Jahresfrist ein uneheliches Kind zur Welt kommen müsse. Atlantas Freund Herbert ist ohne ihr Wissen mit nach Montevideo gereist, um endlich allen Mut zusammen zu nehmen und beim Professor um Atlantas Hand anzuhalten. Der Professor, der inzwischen bereits Briefe aus der Heimat bekommen hat, die von der Erwartung großzügiger Spenden sprechen, kommt in seiner Moral ins Wanken und überlegt, ob nicht zuerst ein Kind und dann die Heirat die Lösung seiner Probleme bedeuten könnte, entscheidet sich dann aber doch für die Aufrechterhaltung der Moral.

Zurück in Deutschland wollen Herbert und Atlanta auf demselben Schiff heiraten wie Atlantas Eltern damals, das für ihre Namensgebung Pate gestanden hatte. Dabei erfahren sie, dass seit fünf Jahren keine Trauungen mehr auf der Atlanta vorgenommen werden dürfen, weil sie nach neueren Messungen 27 Zentimeter zu kurz ist, um offiziell als Schiff zu gelten, und dass damit ihr Kapitän auch nicht das Recht hat, Ehen zu schließen. Der Clou daran indes ist, dass auch alle früher darauf geschlossenen Ehen damit ungültig wurden. Das wiederum bedeutet, dass die Frau des Professors zwölf uneheliche Kinder zur Welt gebracht hat und das Erbe also ihr zufällt.

Schauspielerische Leistungen meisterlich

Die Verkörperung der Charaktere durch die jungen Schauspieler gelang meisterlich. Sergiusz Deweth als Professor Nägler ließ seine Kinder – wie die Orgelpfeifen aus den verschiedenen Klassenstufen munter zusammengesetzt – am Tisch vor dem Essen Turnübungen absolvieren, hat stets einen passenden lateinischen Spruch auf den Lippen und die Moral geradezu mit Löffeln gefressen, könnte man salopp sagen.

Seine Frau, gespielt von Sophia Sanden, redet ihrem Mann nach dem Mund, hat aber zugleich vieles verinnerlicht von dem, was er ihr und den Kindern abverlangt. Lediglich als sie erfährt, dass ausgerechnet sie mit ihrem Moralapostel in wilder Ehe gelebt und zwölf uneheliche Kinder geboren hat, verliert sie kurz die Fassung und fällt nach einem hysterischen Lach-Weinkrampf in Ohnmacht.

Moral kennt keine Logik

Der Anwalt, der das Erbe verwaltet, von Gast Natanael Buchter äußerst nüchtern und pragmatisch verkörpert, bekommt auf seine Frage nach der Relevanz vom Ursprung, ob Henne oder Ei, vom Professor zu hören, Moral habe nichts mit Logik zu tun. Atlanta, von Noemi Buchter als liebevolle und erstaunlich unverbogene Tochter gegeben, machte ihrem Herbert, dem herrlich sächselnden Gastschauspieler Andreas Jonschker, Mut.

Ebenso bodenständig wie lakonisch wirkte Pascal Rödelberger als Pastor in seinen Entgegnungen auf die rhetorischen Moraleskapaden des Professors. Johanna Zillikens und Emma Döller ergänzten das Personal dieses Stückes als Bedienstete, Sophie Stülpnagel fungierte als Verwalterin des Hauses in Montevideo, und auch Klassenbetreuer Marc Husser stellte seine schauspielerische Ader unter Beweis als angeheiterter Bürgermeister. Der geniale, nie ins Seichte abgleitende Wortwitz des Textes kam Satz für Satz hervorragend zur Geltung, das Publikum amüsierte sich köstlich. Und am Ende hatte die tote Schwester von Professor Traugott Nägler ihre „wundervolle Rache“ erreicht...