In Zeiten wie diesen sind positive Momente wertvoller denn je, um ein Leben zu meistern, das durch Auflagen und Empfehlungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie mehr oder minder stark beeinträchtigt wird. Das Erwachen der Natur sollte trotz der schwierigen Lage unserem Seelenleben guttun. Natur pur gibt es in der Region genügend. Wir folgen in einer kleinen Serie dem Dorfbach Dillendorf, der mal wild, mal gebändigt, mal frei, mal genutzt zu Tal fließt. Heute Teil II.

Der Dorfbach im Dorf

Nachdem sich der Dorfbach von seiner Quelle aus mehr oder weniger frei gen Dillendorf bewegen konnte, verschwindet er innerhalb des Dorfes im Untergrund. Einige Schachtdeckel zeigen an, wo die Wasserführung in etwa verläuft. Auf Höhe des Maierhofes plätschert einer von sieben heute noch aktiven Dorfbrunnen, dieser mit der Jahreszahl 1991, vor sich hin. Er diente wie die meisten seiner Art über Jahrhunderte als Viehtränke. Hier in der Nähe teilt sich der unterirdische Dorfbach in zwei Bachläufe auf.

Das könnte Sie auch interessieren

Unverbaut plätscherte er zu meiner Jugendzeit noch offen durchs Dorf. Schwärme von Schwalben, Gelegenheit, an heißen Sommertagen die Füße zu kühlen, im Winter im Eis zu stampfen, und immer Aufpassen – so hieß es – bei Glasscherben. Das Dorf ohne Bach war für uns Kinder unvorstellbar. Trotzdem gab es dann tausend plausible Gründe, diese Idylle in den Untergrund zu verfrachten.

Mühle und Mühlenladen

Ein offenes Wasserrad, das hinter dem heutigen Anwesen von Hedwig Eichkorn unentwegt seine Runden drehte, ist dabei ebenfalls abhandengekommen. Mit seiner Hilfe ließ sich der ortsansässige Künstler Emil Meyer seine Steinchen für seine Mosaikarbeiten rund schleifen. Dass dieses Mühlenrad auf einen zweiten Mühlenbetrieb der „Tröndles“ zurückreicht, dies erfuhr ich erst jetzt, in diesen Tagen bei meiner Tour zum Thema „Dorfbach“. Jene Mühle, die mir in guter bis sehr lebhafter Erinnerung ist, erreichte der Dorfbach ein gutes Stück weiter talabwärts. Hier betrieb Otto Gantert, Landwirt, Müllermeister, später der letzte Bürgermeister der selbstständigen Gemeinde, eine Mühle, in der wir, wie das ganze Dorf, unser frisch gemahlenes Mehl bezogen. Im Verlauf der Jahre wurden daraus ein Mühlenladen und ein Warendepot der Ein- und Verkaufsgenossenschaft. Rolf Gantert, einer der beiden Söhne, zeigte mir nebst originärem Bachverlauf samt Hochkanalkonstruktion die Stelle, an der das Wasser das größte Mühlenrad im gesamten Schwarzwald bewegt hatte. Ein Großbrand beendete alle Spuren des mächtigen Mühlenanwesens. Doch geblieben ist bis heute der Hausname „S‘Müllers.“

Abwärts in Richtung Ehrenbach

Die Dorfbebauung endet hier und geht nun in die „Stadtwiese“ über, die hieß schon immer so, obwohl Dillendorf nie ein Stadtrecht besaß. Auf dieser Streuobstwiese talabwärts, entlang der Kreisstraße, schießt gegenwärtig das Wasser des Dorfbaches wieder ans Tageslicht. Den Wiedereintritt in Gottes freie Natur begleitet seit einiger Zeit eine glückliche Schar von Freilandhühnern mit ihrem „Sing-Sang“, fernab industrieller Vermarktungsstrategien. Nach dem Wegducken des Wassers unter der Brücke nach Brunnadern fließt der Dorfbach weiter und vorbei am Wanderparkplatz „Böhler“, eine Einrichtung, die im Zuge der Dillendorfer Flurbereinigung entstanden ist.

Biber gestaltet die Landschaft neu

Zufällig traf ich bei meiner Vorortbegehung auf drei Männer, die sich offenbar ebenfalls für den Dorfbach interessierten. Steffen Wolf (Stadtförster), Georg Schanz (Chef des Bauhofes) und Jürgen Friedrich vom Stadtbauamt stapften mit Werner Schaldach vom Wasserwirtschaftsamt entlang einer Wasserfläche unterhalb des „Böhlers“. Die Gewässerschau offenbarte ihnen und nun auch mir, dass hier ein Biber den unscheinbaren Dorfbach im Bereich der einstigen Wässerwiesen in eine gigantische Seen- und Auenlandschaft verwandelt hatte.

Der Nager, der hier am Werke war, fühlt sich offensichtlich in seinem Refugium am Dorfbach pudel-, beziehungsweise biberwohl.
Der Nager, der hier am Werke war, fühlt sich offensichtlich in seinem Refugium am Dorfbach pudel-, beziehungsweise biberwohl. | Bild: Erhard Morath

Der dafür angelegte breite, mächtige Damm zeugt von einem dem Nager angeborenen Können, das weit über das Fällen von Sträuchern und Bäumen hinausragt. Überwiegend Weiden nebst Erlen standen mit ihren „Füßen“ metertief im Wasser. Eine solche Naturlandschaft, zumal eines solchen Ausmaßes, ist mir zeitlebens im Bereich unseres Dorfbaches noch nie begegnet. Doch der Urheber der imposanten Wasserfläche scheint weitere „Angehörige“ seines Clans bachabwärts zu haben, denn auch dort stieß ich auf Holzhaufen (Biberburgen) am und im Wasser, die ich spontan keinem anderen Tier hätte zuordnen können. Biberbach oder Biberwiesen? Eine solche neue Namensgebung wäre wohl passend und gar nicht so weit hergeholt. Der Nager scheint sich hier nämlich pudel-, beziehungsweise biberwohl zu fühlen. Seinen Spuren sprechen Bände.