Frau Weishaar, mit welchen Erwartungen sind Sie ins Amt gestartet?

Ich hatte die Erwartung, dass der Gemeinderat die direkteste Ebene ist, auf der demokratisch Einfluss darauf genommen werden kann, wie wir unser Zusammenleben und die Zukunft gestalten. Die Demokratie ist meiner Ansicht nach eine wichtige Errungenschaft. Sie lebt davon, dass die Gewählten sich für die Interessen der Bürger einsetzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie persönlich gut aufgenommen fühlten Sie sich in das Gremium bzw. in Ihre Fraktion?

Ich fühlte mich von den „Alten Hasen“ mit Respekt und gut aufgenommen.

Erhielten Sie Unterstützung seitens der Verwaltung, sich über Ihre Rechte und Pflichten als Ratsmitglied umfassend zu informieren? Welche?

Alle Gemeinderäte, alte wie neue, wurden im Sommer 2019 im Rahmen einer Klausurtagung vom Bürgermeister und Amtsleitern vorbereitet. Wir wurden über Kommunalrecht, Baurecht, Finanzen sowie den Bauhof und den Stadtwald informiert und hatten Besichtigungen von Großprojekten.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie empfinden Sie die Diskussionskultur im Rat?

Überwiegend gut, sie ist sachbezogen und kultiviert. Damit meine ich, dass man sich ausreden lässt. Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, dass einzelne Beiträge auf wenig Gegenliebe stoßen und unüberlegt verworfen werden. Gelegentlich würde ich mir mehr Austausch wünschen, zumal die Fülle von Tagesordnungspunkten in den Gemeinderatssitzungen meist sehr umfangreich ist. Dadurch bleibt zu wenig Zeit, über einzelne Themen so intensiv zu diskutieren, wie sie es verdient hätten.

Welche kommunalpolitischen Themen brennen Ihnen unter den Nägeln?

Das sind einige. Dringend notwendig finde ich, dass alle kommunalpolitischen Entscheidungen im Hinblick auf den Klimawandel getroffen werden. Es genügt nicht, Maßnahmen von der „großen Politik“ zu erwarten. Wir müssen immer auch versuchen, Problemlösungen auf kommunale Ebene herunterzubrechen und vor Ort zu realisieren. Wir brauchen in Bonndorf mutige Ideen für ein Verkehrskonzept, zukunftsweisende Regeln fürs Bauen (Gewerbe und Wohngebäude) sowie der Wasser- und Energieversorgung und die Vermeidung der Landschaftsvermüllung.

Wir brauchen außerdem ein Konzept für die weitere Entwicklung der Stadt und der Ortsteile. Aufgaben gibt es zu Genüge: Die Integration neuer Mitbürger, das Verhindern von Parallelgesellschaften, die Alterung der Gesellschaft, Veränderungen im Familienleben, ein rückläufiges Interesse am Vereinsleben. Wo setzen wir Prioritäten? Welche Rahmenbedingungen müssen wir schaffen, um nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Stadt und Ortsteile zu hinterlassen? Antworten auf diese Fragen sollten wir mit den Bürgern suchen, mit ihnen im Dialog bleiben, und zwar nicht nur vor den Wahlen. Allerdings gehört dazu, dass auch die Bürger aus ihrer Komfortzone kommen und gesprächsbereit sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie haben Sie die Monate ohne Sitzung in der Corona-Phase empfunden? Wurden Sie in dieser Phase von der Verwaltung und auch durch die Fraktionsspitze ausreichend über Entwicklungen informiert oder hätten Sie sich mehr gewünscht?

Ich empfand das wie eine Auszeit. Die Informationsbriefe aus dem Rathaus waren zwar gut, doch ich hätte mir auch da mehr Austausch und Transparenz einzelner Entscheidungen gewünscht. Wie sich hinterher zeigte, hat sich doch einiges angestaut.

Hat sich Ihre Einstellung zur kommunalpolitischen Arbeit in Bonndorf geändert, seit Sie selbst im Gremium mitwirken? Haben Sie beispielsweise mehr Verständnis dafür, dass die Mühlen der Verwaltung manchmal nur langsam mahlen, oder durchaus Wünschenswertes nicht, oder nicht sofort umsetzbar ist?

Ja. Von außen betrachtet, stellt man sich eben manches anders vor, als wenn man unter Berücksichtigung vorliegender Informationen eine Entscheidung treffen muss. Das hatte ich zwar so erwartet, dennoch ist es in der Praxis eine neue Erfahrung. Eine völlig neue Situation trat ein, als der Bürgermeister überraschend seinen vorzeitigen Ruhestand ankündigte. Das löste so etwas wie ein Vakuum im Gremium aus, und ich habe das Gefühl, auch die gesamte Verwaltung war perplex. Als wider Erwarten kaum ernst zu nehmende Bewerber für die Bürgermeisterwahl auf den Plan traten und dann auch noch die Corona-Krise alles auf den Kopf stellte, verstärkte sich diese handlungsleere Phase meinem Empfinden nach noch mehr.

Ich war in dieser Krisensituation froh, dass Amtsinhaber Michael Scharf den Rücktritt vom Rücktritt verkündigt hat. Da momentan aber nicht abzusehen ist, wie lange und inwieweit die Corona-Krise unser Leben beeinträchtigen wird, fände ich es jetzt wichtig, dass die Bürger Klarheit bekommen, ob Michael Scharf seine ursprüngliche Amtszeit zu Ende führen möchte. Andernfalls sollte man möglichst bald einen Termin für die Bürgermeisterwahl festlegen. Was das Tempo der Mühlen der Verwaltung angeht, sehe ich, dass manche Dinge verblüffend schnell, andere wiederum sehr mühsam vorankommen.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €