Wer in Bonndorf zu Fuß stadtauswärts Richtung Sportplatz geht, passiert nach der Abzweigung „Bildstöckle“ linker Hand ein stattliches Anwesen, an dessen Längsseite sich eine mehrere Meter lange Inschrift auf drei massiven Holzbohlen befindet. Flüchtig betrachtet sieht es nach einer Aneinanderreihung von Buchstaben aus. Die stilisierte Hellebarde könnte auch auf einen spätmittelalterlichen Sinnspruch in einer altüberlieferten Sprache hindeuten. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein Zitat, das auf Wolfgang Goethes Schauspiel „Götz von Berlichingen“ – uraufgeführt anno 1774 – zurückgeht. Mit etwas Geduld und bei korrekter Wortbildung liest es sich wie folgt: „Im Zorn entfuhrs dem alten Recken ihr koennt mich allesamt am Arsche lecken.“

Spruch aus Goethe-Drama

Erika und Heinz Thommen bewohnen das markante Haus im Bungalowstil mit viel Grün und Garten. Sie fühlen sich in der Löwenstadt im Sportplatzweg 11 sehr wohl und sind heimisch geworden. „Nein, wir haben nichts gegen eine Zeitungsnotiz einzuwenden“, meint Erika Thommen. Als sie vor elf Jahren das Haus kauften, habe ihnen Ralf Hirschbeck die „geheime“ Inschrift übersetzt und erklärt, nicht er, sondern sein Vater Hans Hirschbeck, habe diesen Spruch aus dem Goethe-Drama anfertigen und Anfang der 80er Jahre anbringen lassen. Es lässt sich erahnen, dass es dazu sehr unterschiedliche Meinungen gegeben hatte.

Götz von Berlichingen

Doch Hans Hirschbeck, so sein Sohn heute, ließ sich nicht von seinem fest ins Auge gefasste Vorhaben abbringen. Wer sich mit der historischen Gestalt des Götz von Berlichingen, einem fränkischen Reichsritter namens Gottfried „Götz“ von Berlichingen zu Hornberg, näher auseinandersetzt, stellt fest, dass der ein überaus bewegtes Ritter-, gelegentlich Raubritterleben an den Tag legte.

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Er hatte zu dem seine liebe Müh‘ mit höfischen Anstandsregeln. Den Verlust seiner rechten Hand im Erbfolgekrieg Bayern gegen die Rheinpfalz kompensierte er durch die Anfertigung einer metallenen Prothese – eine für damalige Verhältnisse technische Meisterleistung eines Dorfschmieds – das bescherte ihm den Beinamen „Ritter mit der eisernen Hand.“

Spruch weckt Aufmerksamkeit

Für den jungen, anfangs noch unbekannten Autor, Wolfgang Goethe, sorgte sein Werk mit dem drastischen Zitat, „dank einiger pöbelhafter Ausdrücke“ wie ein Theaterkritiker damals anmerkte, für große – vermutlich sogar gewollte Aufmerksamkeit. Friedrich der Große ärgerte sich ebenfalls über das „ekelhafte Gewäsch“ auf der Bühne, das jedoch beim Publikum mit großem Beifall bedacht wurde und bestens ankam. Heute ist das Götz-Drama alljährlich das zentrale Stück der Jagsthausener Burgfestspiele. Der Schauplatz ist die Götzenburg, die einst der Stammsitz der legendären Gestalt des Götz von Berlichingen war.

Beweggründe sind unbekannt

Über die Beweggründe von Hans Hirschbeck, an seinem eigenen Wohnhaus in der verklausulierten Weise, das ebenso mutige wie freche Zitat anzubringen, lässt sich vortrefflich sinnieren, heute und in Zukunft. Erika und Heinz Thommen, die Neuen im Hause Hirschbeck, freuen sich, wenn Menschen vom Gehweg aus die Inschrift betrachten und frohgelaunt, gelegentlich verunsichert bis ratlos weitergehen. Triviale Weltliteratur kann so schön sein.

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