In Zeiten wie diesen sind positive Momente wertvoller denn je, um ein Leben zu meistern, das durch Auflagen zur Eindämmung der Pandemie mehr oder minder stark beeinträchtigt wird. Das Erwachen der Natur sollte trotz allem unserem Seelenleben guttun. Natur pur gibt es in der Region genügend.

Frisches Gras dank Dorfbach

Denke ich an meine Jugendzeit in Dillendorf zurück, die maßgeblich von der Landwirtschaft geprägt wurde, so lassen sich Bilder abrufen, die aufzeigen, wie positiv das Erwachen des Frühlings schon damals wirkte. Gerade in den Tagen um und nach Ostern neigten sich die Wintervorräte aus Heu, Gerstenstroh und Futterrüben fürs Vieh ihrem Ende zu. Sehnlichst fieberten Mensch und Tier dem ersten Grünfutterschnitt entgegen. Dabei hatten jene sechs Bauern, die in Richtung Dillendorfer Säge bewässerte Wiesen, sogenannte „Wässerwiesen“ unterhielten, stets ein Stück weit die Nase vorn. Sie hatten nämlich die Möglichkeit, den aufgestauten Dorfbach so umzuleiten, dass die Wiesen mit Wasser versorgt wurden.

Der noch zarte Dorfbach nimmt Fahrt auf und fällt in einer Kaskade auf das Niveau der beiden Sportplätze in Dillendorf. Unter einem Gitterrost rauscht das Wasser am Clubheim vorbei in Richtung Dorf.
Der noch zarte Dorfbach nimmt Fahrt auf und fällt in einer Kaskade auf das Niveau der beiden Sportplätze in Dillendorf. Unter einem Gitterrost rauscht das Wasser am Clubheim vorbei in Richtung Dorf. | Bild: Erhard Morath

Die Organisation für die Beteiligten war ebenso einfach wie effizient. Jedem stand nach einem über Generationen gehandhabten Brauch das Recht zu, an einem bestimmten Werktag seine eigene Wiese zu wässern. Dazu wurde im Bett des Dorfbaches ein Damm aus Grassoden und Steinen errichtet, sodass das Wasser für einen Tag und eine Nacht die etwas tiefer liegenden Wiesenflächen flutete. Tags darauf war der nächste Bauer an der Reihe. Der Sonntag war Ruhetag im Dorf, dies galt auch für die Ausübung des Wasserrechts.

„Wasserstehler“

Der optimale Erfolg für eine frühe „Mahd“ frischen Grases hing grundsätzlich davon ab, dass jeder Bauer an dem festgeschriebenen Wochentag seinen Damm „baute“. Es soll gelegentlich vorgekommen sein, dass die Ehrlichkeit zu nächtlicher Stunde auf der Strecke blieb, weil „Unbekannte“ in der Dunkelheit regelwidrig ihre eigene Bewässerung optimiert hatten. Bei manchen lautstarken „Stammtischgefechten“ soll schon mal das Schimpfwort „Wasserstehler“ gefallen sein.

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Die Bewässerung der Wiesenauen war aber eine Erfolgsgeschichte. Das Grünfutter konnte eher und üppiger gemäht werden. Dies freute die Tiere im Stall und sorgte für mehr Milchgeld. Die Schattenseite des krassen Umstiegs auf das grüne, nasse Gras war eine alsbald einsetzende ziemlich wässerige Ausscheidung unserer Stalltiere. Das Vorbeigehen hinter einer den Schwanz hebenden Kuh konnte sehr unangenehme Folgen haben.

Geheimnis der Dorfkinder

Uns Dorfkindern blieb nicht verborgen, dass in dem Bachlauf teils stattliche Fische, vermutlich Forellen, hin und her flitzten. Das mühsame Fangen mit der Hand, in dem man unter ein überhängendes Grasbüschel griff, war nur selten von Erfolg gekrönt. Deshalb leiteten wir – von der Erwachsenenwelt unbemerkt – den Bach ab. Das dann noch vorhandene bisschen Wasser erlaubte es, die Fische wie reifes Obst einzusammeln. Sie landeten entweder in irgendeiner Pfanne zu einem gemeinsamen „geheimen“ Nachtessen oder wurden in der Gemeinschaftsgefrieranlage unserer Eltern ohne deren Wissen zwischen gelagert.

Von der Quelle zum Dorfeingang

In einer Höhe von 750 Meter über dem Meer, in einer hügeligen Wiesenlandschaft, östlich und westlich von Waldflächen gesäumt, lassen sich mehrere unscheinbare Quellschüttungen für das Zustandekommen des Dorfbaches ausmachen. Unübersehbar fällt ein in die Jahre gekommener Hochbehälter ins Auge, der anno dazumal das kalkhaltige Quellwasser für die Wasserversorgung im Dorf sicherstellte. Heute bezieht Dillendorf sein Trinkwasser aus Bonndorf und der Gruppenwasserversorgung des Hochschwarzwaldes. Wer genügend Zeit hat, kann hier auf bewohnte Dachsbauten stoßen und die „Grimbarts“ als stattliche Bewohner buchstäblich riechen.

Just in dieser Gegend waren vor etwa hundert Jahren alemannische Reihengräber nachgewiesen worden. Und dies war kein Zufall; denn bei Erdbewegungsarbeiten für den zweiten Sportplatz im Jahre 1995 tauchten archäologische Spuren einer Wohnbebauung aus der Zeit der alemannischen Landnahme auf. Die Sichtung und Bewertung, wie mir Oskar Hogg, der damalige Sportvereinsboss aktuell bestätigte, fanden statt und führten dann aber lediglich zu einer Verzögerung der Bauarbeiten.

Andeutungsweise lässt sich das einst so wichtige Bachbett für die Wiesenbewässerung noch erahnen.
Andeutungsweise lässt sich das einst so wichtige Bachbett für die Wiesenbewässerung noch erahnen. | Bild: Erhard Morath

Das zarte Bächlein nimmt schon nach wenigen Metern Fahrt auf, fällt alsbald in einer Kaskade weithin sichtbar auf das Niveau der beiden Sportplätze. Der Kalkgehalt des Wassers beschert dem Sportverein regelmäßig die Aufgabe, das Bachbett auszuräumen, denn der Kalk „wächst“. Unter einem Gitterrost rauscht das Wasser am Clubheim vorbei und stürzt sich hinunter zu den ersten Häuern des Dorfes. Hier freuen sich Bachforellen über den hohen Sauerstoffgehalt des Quellwassers, das hier zusätzlich aus der „Fuchsquelle“ aufgefrischt wird. Von hier geht´s zur Unterführung der Tillostraße. Das Wasser quert dann ein landwirtschaftliches Gelände und sagt dem Tageslicht „Auf Wiedersehen“, weil es in Rohre gebannt wird.

Serie: Über den weiteren Verlauf des Baches und weitere historische Geschichten werden wir noch berichten.