Wäre ich früher mit einem Sixpack in der Hand über den Schulhof gestreunt, hätte ich eine Strafarbeit riskiert. Heute bin ich mit meinem Ex-Klassenlehrer von 1991 bis 1993 verabredet, Tilman Frank. Er schrieb mir, dass er am Lehrereingang auf mich warte. An diesem Ort hat sich einiges verändert.

Das Schulgebäude ist in die Breite gegangen, auf dem Pausenhof kann man jetzt an einem Turngerüst herumkraxeln. Wir wollten in den Pausen eigentlich nur ungestört herumstehen. Einmal um den halben Bau herum gelaufen, entdecke ich ihn, den Blick zur Mühlenstraße gewandt. Vielleicht denkt er an seine weiße Ente, die er dort parkte und niemals abschloss, wie er uns verriet, weil es eh nix zu holen gäbe.

Keine Launen, keine (erkennbaren) Macken, kein Autoritätsgehabe – so sahen die ersten Schüler den Lehrer Tilman Frank, der jetzt in Ruhestand geht.
Keine Launen, keine (erkennbaren) Macken, kein Autoritätsgehabe – so sahen die ersten Schüler den Lehrer Tilman Frank, der jetzt in Ruhestand geht. | Bild: Juliane Kühnemund

Der Bart ergraut, das Kopfhaar ausgedünnt – aber in der Summe ganz der Alte. Auch dem alten Laster hält er die Treue. Er lässt eine Rauchwolke aufsteigen und schaut ihr nach. „Hallo, Tilman!“, rufe ich. Seit der Schulentlassung sind wir per Du, glaube ich. Falls nicht, sind wir es spätestens jetzt.

Als sich Tilman Frank im Schuljahr 1991/92 auf Bonndorf einließ und unsere Klasse R 7b übernahm, wunderten wir uns über den Neuen. Irgendwie schienen seine Eltern bei ihm Vor- und Nachnamen vertauscht zu haben. Weitere Irritationen mit ihm blieben uns erspart. Keine Launen, keine (erkennbaren) Macken, kein übertriebenes Autoritätsgehabe – unter den Lehrern blieb Herr Frank „The Normal One“.

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Frank schließt den Lehrereingang auf und startet einen Rundgang. Sein Ex-Schüler bereitet sich auf eine Reise in die Vergangenheit vor. Doch er warnt: „Alles ist anders geworden.“ An der Tür, hinter der früher der Rektor (Herr Gut) residierte, hängt heute ein Schild mit dem Namen der Sozialarbeiterin. Zu unserer Zeit gab es nur den Vertrauenslehrer: Herr Frank. Nebenan war das Büro von Frau Maier, der Sekretärin. „Über ihrem Schreibtisch hing ein Spruch, den ich mir angeeignet habe“, erinnert sich Tilman Frank. Er lautet: „Von wem ich mich ärgern lasse, entscheide ich immer noch selber.“

Wenn Frau Maier über die Sprechanlage einen Schüler anwies, in der Großen Pause das Rektorat aufzusuchen, wusste man, was los war. Uns Ewattinger rief sie gelegentlich im Kollektiv auf. Wir mussten dann im Filmsaal antanzen, weil jemand den Schulbus beschmiert haben soll. Die Anschuldigungen entbehrten jeder Grundlage.

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Der Filmsaal ist Geschichte, er musste dem Rektorat weichen. Dort verbrachte Tilman Frank ungeplant einen Großteil seiner letzten Lehrerjahre. Nach dem Abflug eines jungen Kurzzeitrektors musste im November 2017 der Senior einspringen. „Seither hatte ich kaum mehr Unterricht“, sagt er und klingt darüber nicht erfreut. Zudem verschwanden der Aufenthaltsraum, dessen Nutzen vor allem darin bestand, Hausaufgaben abzuschreiben, sowie das Sprachlabor

Auch das legendäre Raucherzimmer, in dem Herr Frank und der Club der paffenden Pauker zwischen dem Unterricht verschnauften, existiert nicht mehr. Wer in Bonndorf zum Kartenholen geschickt wurde, musste sich am Checkpoint Tilman durch eine Wand aus weißem Rauch hindurchkämpfen. Die Lässigkeit, mit der Herr Frank und Co. auf ihren Polstermöbeln fläzten, verströmte eine Jugendraumatmosphäre. Fehlten nur noch der Plattenspieler und die Stones. „Bis zu meiner Ankunft durfte im Lehrerzimmer gequalmt werden“, erinnert er sich, dann entschieden die Nichtraucher: „Jetzt reicht‘s!“ Übergangsweise wich die Camel-Connection ins Konrektor-Büro von Herrn Weißer aus. Irgendwann wurden sie ins Holzlager verbannt, bis sie sich in den Heizraum zurückzogen.

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Wir erreichen unser einstiges Klassenzimmer, mutmaßlich das Kleinste der Schule, aber in coronafernen Zeiten groß genug für 16 Heranwachsende. Weil der Raum ursprünglich als Besen-, Abstell- oder Folterkammer konzipiert war, mussten wir ihn renovieren. Der Vater einer Mitschülerin verkleidete die Rückwand mit Holzpaneelen, die uns Jungs von der letzten Reihe zum Anlehnen einluden. Über den Anstrich ließ Herr Frank die Klasse entscheiden, jedoch nicht ohne über die beruhigende Wirkung von Grüntönen aufzuklären. Wir entschieden uns für ein sanftes Mint. „Rabauken wart ihr trotzdem“, sagt er rückblickend. Wie wären wir erst gewesen, wenn wir die Wände rot angemalt hätten?

Auf dem Flur stellt eine Fototafel das aktuelle Personal vor. Aus unserer Zeit sind nur noch zwei Gesichter übrig: Herr Frank und Frau Schwenninger. „Der Altersschnitt dürfte momentan bei etwa 35 liegen“, sagt Frank. „Als ich mit 36 nach Bonndorf kam, hieß es: Endlich mal ein Junger. Zehn Jahre später war ich immer noch der Jüngste.“

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Seine ersten Stationen hatte er am Kolleg in St. Blasien und in Vaihingen an der Enz. Auch der Vater war Lehrer und später Dozent an der Pädagogischen Hochschule, weswegen die Familie in den 1950ern von Villingen nach Freiburg zog. „Eigentlich wollte ich Arzt werden“, verrät Frank. Mit einem Abischnitt von 3,5 verfehlte er aber den Numerus clausus. Er studierte vier Wochen lang Bierbrauen in Weihenstephan, bevor er in die Fußstapfen des Vaters trat und seine Berufung fand.

Für Bonndorf entschied er sich, weil es ihn mit Frau und drei Kindern in Heimatnähe zog. Nach Vaihingen, einer der größten Schulen Baden-Württembergs, hat er den Schritt in die Kleinstadt nie bereut. Gegenüber Kollegen erlaubte er sich die Belehrung: „Ihr wisst gar nicht, wie gut es euch hier geht.“ Er sagt: „Eigentlich sollte man jedem Großstadtlehrer ein Jahr Bonndorf gönnen.“

Einen Standortnachteil erkannte er: In Bonndorf beginnt der Unterricht früher. In seinem ersten Schuljahr stellte er einen Änderungsantrag: 19 stimmten dagegen, einer dafür. „Inzwischen belegen Studien, dass sich bei einem späteren Unterrichtsbeginn die schulischen Leistungen um bis zu 20 Prozent verbessern lassen.“ Doch wie vor 29 Jahren ertönt der erste Gong um 7.25 Uhr. „Für unsere Schüler aus Feldberg oder Grimmelshofen bedeutet das, dass sie um 5.30 Uhr aufstehen müssen.“

Frank unterrichtete Mathe und Gemeinschaftskunde. In der achten Klasse wollte ich von ihm wissen, warum wir nur zwei Wochenstunden Gemeinschaftskunde haben, aber sechs Mathe, worauf er antwortete, dass die Regierung offensichtlich kein Interesse an kritischen Bürgern habe. Er muss lachen. „Das habe ich wirklich so gesagt?“ Er steht trotzdem zu der Aussage. „Dass Mathe immer so hochgehängt wird, finde ich unangemessen. Sind Differenzialquotienten oder Pyramidenstümpfe denn so wichtig? Wichtiger als das Verständnis für demokratische Institutionen?“ Und noch etwas wird seiner Meinung nach zu hoch gehängt: Die schriftlichen Abschlussprüfungen, wie er es gerade in den Corona-Wochen wieder erlebt habe. „Was für ein höherer Wert wird darin gesehen, sich fünf Stunden lang in die Stadthalle zu hocken und einen Aufsatz zu schreiben? Mein Vater wurde in der 13. Klasse eingezogen und hatte nur ein Kriegsabitur. Trotzdem ist etwas aus ihm geworden.“

Wir haben uns auf einer Parkbank niedergelassen. Ein krächzender Krähenschwarm zieht über unsere Köpfe. „Die fliegen nach Ewattingen“, merkt Frank an. Während ich mir eine Gegenfrotzelei überlege, spricht er über „die lapidaren Sätze mit enormer Wirkung“. Flapsige Sprüche gegenüber Schülern habe er immer zu vermeiden versucht. „Mit Kommunikation kann man viel anrichten. Wir tragen eine unglaubliche Verantwortung, jeden Tag und jede Unterrichtsstunde.“

Ich kann mich nicht erinnern, dass Tilman als Herr Frank jemals laut geworden wäre. Er auch nicht. „Ich bin öfters leiser geworden“, sagt er. Er gibt zu, dass ihm der Umgang mit den „Unangepassten“ am meisten Spaß gemacht habe. Vielleicht, weil auch er einer war. „Es muss einem Lehrer nicht zum Nachteil gereichen, wenn er als Schüler selbst in einem gewissen Missverhältnis zur Schule stand.“

Fünf Stunden frei gestalteter Nostalgieunterricht liegen hinter uns. Ein Elternpaar kommt des Weges. Die Frau spricht dem Lehrer ihrer Tochter spontan ein Kompliment aus. Als Interimsrektor habe er einen „sensationellen“ Job gemacht, sagt sie. Tilman Frank lobt seinen Nachfolger und wirkt mit sich und seiner Vergangenheit im Reinen. „Mich wird niemand vermissen“, sagt er. Mag sein. Fehlen wird er trotzdem.