Sich mit Gemüse aus dem eigenen Garten zu ernähren, erlebt eine verblüffende Renaissance. Die Gründe dafür sind vielfältig und längst nicht nur in der Corona-Pandemie oder stetig neu aufflammenden Lebensmittelskandalen zu finden. Derweil wird die neue Gartenkultur nicht nur in privaten Hausgärten gepflegt. Auch am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) vermittelt Katrin Rebmann ihren Schülern Erfahrungen im Anbau von Gemüse sowie Sachkenntnis für bewusste Ernährung.

Alische präsentiert das Bewässerungssystem für die Tomatenpflanzen, die in Pflanzkübeln gedeihen.
Alische präsentiert das Bewässerungssystem für die Tomatenpflanzen, die in Pflanzkübeln gedeihen. | Bild: Martha Weishaar

Die Idee, unmittelbar vor dem Gebäude der Martin-Gerbert-Schule einen Kräutergarten anzulegen, entstand bereits vor zwölf Jahren. „Auslöser war eine extrem destruktive Klasse“, blickt die Sonderpädagogin zurück. Die Jugendlichen und ihre Lehrerin packten gemeinsam mit Landschaftsgärtner Guido Woll an.

Blüten der Königskerze sind eine schmackhafte Zutat für Kräuterteemischungen, erklärt Afranur.
Blüten der Königskerze sind eine schmackhafte Zutat für Kräuterteemischungen, erklärt Afranur. | Bild: Martha Weishaar

Das körperliche Arbeiten in der Klassengemeinschaft mit einem konkreten Ziel vor Augen wirkte beinahe Wunder. Es bedurfte einiger Kraftanstrengung, das unwirtliche, am Hang gelegene Gelände für einen Kräutergarten herzurichten. Die Jugendlichen gruben, schaufelten oder harkten ihre Aggressionen geradezu weg. Im Verlauf der Jahre wurde der Garten sukzessive erweitert. Mehrere Pflanzkübel, Hoch- und weitere Gemüsebeete sowie ein Blühstreifen vor der Südseite des Schulgebäudes kamen durch Zutun etlicher Schülerjahrgänge hinzu.

Unzählige Kräuter bereichern den Garten. Marcelina erklärt, was mit den Kräutern alles gemacht werden kann.
Unzählige Kräuter bereichern den Garten. Marcelina erklärt, was mit den Kräutern alles gemacht werden kann. | Bild: Martha Weishaar

Katrin Rebmann betrachtet das Konzept ganzheitlich. „Die Schüler gehen gerne in den Schulgarten. Bei der körperlichen Arbeit werden sie ihre überschüssige Energie los“, beschreibt sie einen willkommenen Nebeneffekt des Gartenprojektes. Im Werkunterricht werden hölzerne Wurmkisten oder Pflanzkübel gebaut. Nach dem Prinzip der Permakultur wird aus Garten- und Lebensmittelabfällen nährstoffreiche Komposterde zubereitet. Eigens angesetzte Jauche aus Beinwellblättern ergänzt das Nährstoffangebot für die Pflanzen. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem aus Tonkugeln oder Tontöpfen nässt die Kulturen auch an Wochenenden oder während der Ferien.

Blüten der Taglilie sind eine schmackhafte kulinarische Ergänzung, verrät Alina.
Blüten der Taglilie sind eine schmackhafte kulinarische Ergänzung, verrät Alina. | Bild: Martha Weishaar

Ebenso schützt das Aufschichten von Grasschnitt rund um das Wurzelwerk die Pflanzen vor Austrocknen. Die passionierte Hobbygärtnerin und ihre Schüler sind experimentierfreudig. Neben einer Vielzahl von Kräutern gedeihen Kartoffeln, Zucchini, Kohlrabi, Radieschen, Grünkohl, Bohnen, Kürbis, Meerrettich oder auch Staudensellerie in den Beeten. „Die Aufzucht ist teilweise sehr mühsam, bis man vom Samenkorn über kleine Pflänzchen, die pikiert werden, tatsächlich ernten kann“, fasst Katrin Rebmann den arbeitsintensiven Prozess zusammen. Der verlangt den Schülern zuweilen ein hohes Maß an Geduld ab. Sämtliches Gemüse wird in der Schulküche verarbeitet. Auf diese Weise isst der eine oder andere auch mal etwas, das er von zu Hause nicht kennt.

Begeistert von Kräutern und Blumen

Begeistert beschreiben die Lehrerin und ihre Schützlinge Kräuter und Blumen. „Es gibt eigentlich kein Unkraut. Jedes Gewächs hat seine Berechtigung und sei es nur, dass der Distelfalter zur Fortpflanzung nun mal Disteln braucht“, sagt die Pädagogin. Schier endlose Verwendungsmöglichkeiten von Kräutern und Blumen zählt sie bei der Gelegenheit auf. „Es gibt viele essbare Blüten, etwa Malve, Johanniskraut, Phlox, Lavendel, Kornblume oder Taglilie, mit denen beispielsweise Salate angereichert oder Sirup und Aromazucker hergestellt werden können.“

Duftrosen als Sirup

Derweil summt und brummt es um die Blütenpracht. Im Schulgarten werden alle Sinne angesprochen. Die Schüler staunen über den intensiven Duft der Colapflanze, kosten essbare Blüten, streichen behutsam über die samtweichen Blätter des Wollziest. Sie lernen, dass man aus Ringelblumen Salbe herstellen kann, Zitronenmelisse im Trinkwasser ein aromatisches Getränk bewirkt. Duftrosen werden gemeinsam zu köstlichem Sirup, getrocknetes Maggikraut zu Würzsalz oder getrocknete Blüten der Königskerze im Mix mit anderen Pflanzen zu wohlschmeckendem Tee verarbeitet.

Spaß am Schulgarten

Wenn im Herbst Äpfel und Früchte der Feldhecken reif sind, geht Katrin Rebmann mit ihren Schützlingen raus, sammelt Hagebutten, Holunder oder Schlehen, um daraus Saft oder Marmelade herzustellen. Die Schüler haben Spaß am Schulgarten. Einzelne kennen Gartenarbeit vom Elternhaus, für viele ist diese Erfahrung neu. Im praktischen Tun erlernen sie all die Wissensinhalte in Bezug auf Pflanzen, ökologische Zusammenhänge, Insekten oder Kriechtiere. Zumal Katrin Rebmann ihren Schützlingen Freiraum zum Experimentieren lässt. „Wir wollen gemeinsam beobachten, was die Pflanzen brauchen. Welche besser an der Sonne, welche besser im Schatten gedeihen. Und wenn wir unsere Ernte gemeinsam verzehren, bestenfalls bei einer Lagerfeuerküche, fördert es die Geselligkeit.“ Ihr größter Wunsch ist es, dass viele der Schüler die Erfahrungen aus dem Schulgarten aufgreifen und dereinst in ihrem Alltag umsetzen.