Viehseuchen, etwa die Afrikanische Schweinepest, sind nicht erst in heutiger Zeit ein die Existenz bedrohendes Problem. Vor allem im 18. Jahrhundert plagten Krankheiten der Nutztiere die ländliche Bevölkerung auch in unserer Region. Votivtafeln in Kirchen geben darüber beredte Beispiele.

Auch auf dem Votivgemälde in der Dillendorfer Sakristei geht es um den Schutz des Viehs vor Seuchen. Hierfür wurden auch Gelübde abgelegt.
Auch auf dem Votivgemälde in der Dillendorfer Sakristei geht es um den Schutz des Viehs vor Seuchen. Hierfür wurden auch Gelübde abgelegt. | Bild: Erhard Morath

Nahezu täglich erreichen uns neueste Zahlen und Statistiken zur Situation um das Coronavirus. Über dessen Herkunft oder entsprechende Maßnahmen zur Vermeidung seiner Entstehung herrscht einmütige Vielfalt – weltweit. Ratlosigkeit, Aktionismus und Verschwörungstheorien reichen sich die Hände, als Gebot der Stunde gilt die Maskenpflicht und Abstandsregeln zu den Mitmenschen. Just in diese Szenerie platzte am 10. September auch noch die Nachricht des Friedrich-Löffler-Instituts über das Auftauchen der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg mit der Gefahr eines Übergreifens auf landwirtschaftliche Betriebe.

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Dabei sind sich Virologen und Landwirtschaftsministerium einig und hoffen, unter anderem mit Zäunen den Wildwechsel aus Osteuropa und dessen Folgen in den Griff zu bekommen und ein Übergreifen auf landwirtschaftliche Zuchtbetriebe zu verhindern. Zwar besteht für Menschen in diesem Fall keine unmittelbare Ansteckungsgefahr. Für Schweine verläuft die Krankheit aber in jedem Falle tödlich. Zwar wenig tröstlich, aber wahr: Viehseuchen gab es hierzulande zu allen Zeiten. Davon erzählen etliche Votivgemälde.

Dillendorf

In der Sakristei in Dillendorf wird ein Votivgemälde aufbewahrt, das die „ehrsame Gemaind Dillendorf um abwendung einer laydigen Viehsucht“ anno 1789 hatte anfertigen lassen. Die beiden Worte EX VOTO (lateinisch: vovere bedeutet Gelübde) besagt, dass das Gemälde „mit einem Gelübde“, also in Verbindung mit einem Versprechen (Wallfahrt, Prozession, Gebetszyklus) der Gemeinde Dillendorf einherging. Der vor der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind kniende Benediktinermönch tritt als Bittsteller und Vertreter der Pfarrgemeinde auf. Sein Flehen um Abwendung der „Viehseuch“ nehmen, neben der Gottesmutter zu sehen, links der heilige Fridolin (mit Bischofsstab) und rechts der heilige Wendelin (mit Hirtenstab) entgegen. Beide Heiligen waren und sind in unserer Gegend besonders populär und wurden bei Viehseuchen angerufen. Interessant erscheint die Abbildung und Darstellung der Viehherde – ein Beleg dafür, wie Rindvieh zum Ende des 18. Jahrhunderts in der Region ausgesehen hat.

Münchingen

Eine Votivtafel aus dem Jahr 1788 , die in der Münchinger Kirche an der Empore zu bewundern ist, deutet an, dass die „grassierende Viehsucht“ auch dort die bäuerliche Bevölkerung in große Not gebracht hat. In der Münchinger Darstellung taucht über einer Dorfansicht mit teilweise erkrankter Viehherde die Gottesmutter auf, flankiert von St. Fridolin (links) und St. Bartholomäus (kniend) sowie St. Sebastian (beide rechts). Die Münchinger dürfen für sich voller Stolz in Anspruch nehmen, dass sie dieses Gelübde von 1788 bis heute alljährlich am 20. Januar am Gedenktag des Märtyrers St. Sebastian mit einem Feiertag und gemeinsamen Gottesdienst in Ehren halten.

Brunnadern, Ewattingen, Achdorf

Hinweise auf Viehkrankheiten und -seuchen in der näheren Umgebung von Bonndorf und Wutach liefern Votivgemälde, auf die Emil Kümmerle aus Brunnadern hingewiesen hat. Auf einer Votivtafel aus dem Jahr 1761 bedankt sich die „brunaderen“ beim Heiligen Wolfgang „durch dessen Forbit widerum geholfen wurde“. Eine dargestellte Viehherde im unteren Gemäldebereich weist auf eine Krankheit im Viehbestand hin.

1764, drei Jahre später, bittet die „lebliche gemeind Achdorf mit dieser daffell (den Heiligen Sebastian) diesen Orth von der Leidigen Sucht genediglich abzuwenden. Die Votivtafel, die die „Ehrsame Gemeinde Ewatigen“ zu Ehren des Heiligen Wolfgang spendete und mit einem Gelübde untermauerte, stammt aus dem Jahr 1794.

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Auch ohne wissenschaftliche Begleitung lässt sich aus diesen Votivtafeln überwiegend aus der heutigen Seelsorgeeinheit Bonndorf-Wutach ablesen, dass die Bevölkerung zwischen 1761 und 1794 durch Krankheiten und Viehseuchen arg gebeutelt war. Welche „Hygienemaßnahme“, welche Naturheilkräfte, Rezepturen aus überliefertem Wissen zur Anwendung kamen, lässt sich aus heutiger Sicht nicht nachweisen. Sicher scheint aber, dass unsere Vorfahren im Glauben an Gott und Volksheilige um Hilfe baten, Wallfahrten und Prozessionen unternahmen sowie Gottesdienste feierten oder Gelübde ablegten, davon zeugen diese aufgespürten Votivgemälde.

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Was sich aus heutiger Sicht für viele als naives Verhalten darstellt, als mittelalterlicher Aberglaube oder völlig sinnloses Unterfangen belächeln lässt, war für die von Armut und Hungersnot bedrohte damalige Bevölkerung mehr als ein Hoffnungsschimmer – dank tief verwurzelter Gläubigkeit, oft auch als letzte Möglichkeit, dem Verlust von Haus und Hof, der Verarmung und dem Tod zu entgehen.

Dass wir heutzutage auf Medikamente, Impfstoffe, Quarantäne, Einfuhrbestimmungen, Reisewarnungen, Hygienekonzepte und gelegentlich auch auf massenhaftes Abschlachten von Tieren setzen, erscheint grundsätzlich richtig und ist meist vernünftig und hinzunehmen. Hätten wir diese Möglichkeiten aber nicht, vielleicht würde diese Hinwendung zu göttlichem Beistand mit oder ohne Votivgemälde nach der Devise – Not lehrt beten – eine Wiedergeburt erfahren.

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