Die Vorstellungen davon, was Reisen interessant macht, sind vielfältig. Einzigartig hingegen dürfte das sein, was Artur Schuler auf seinen Reisen erlebt und erkundet. Der Mann ist ein Grenzgänger im eigentlichen Sinn des Wortes. In 32 Tagesetappen wanderte er im Verlauf der zurückliegenden sechs Jahre entlang der baden-württembergischen Landesgrenze. Dabei gewann er einen einzigartigen Einblick, wie Landschaften Menschen prägen und diese dennoch über Landesgrenzen hinweg gut miteinander auskommen. „Sportwandern“ nennt der 68-Jährige es, wenn er mit Nordic-Walking Stöcken Tagestouren zwischen 25 und 30 Kilometern bewältigt, im Ausnahmefall auch schon mal knapp 40 Kilometer. Mit Zug oder Bus fährt er zum Start und vom jeweiligen Ziel auch wieder in die Heimat zurück. Die Corona-Krise bremste ihn allerdings 2020 und 2021 auf seiner Grenztour aus.

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Artur Schuler geht es neben der sportlichen Herausforderung nicht allein um Landschaften, kulturelle Besonderheiten oder Sehenswürdigkeiten. Ihm geht es vor allem um die Menschen. Sind sie verschieden, je nachdem, in welchem Bundesland sie leben? Welche Eigenarten prägen die Leute? Haben sie ein gut nachbarschaftliches Verhältnis? Und welche Rolle spielt dabei die Geschichte? Antworten auf diese Fragen findet er auf seinem Weg entlang der Landesgrenze. Und den begann Artur Schuler in Nonnenhorn am Bodensee. Er wandert auf Wald-, Feld-, Rad- oder Wanderwegen. Stark frequentierte Fernwanderwege meidet er möglichst. Manche Abschnitte führen ihn auch über Landstraßen oder kleinere Sträßchen, hin und wieder sogar unter oder über Autobahnen hinweg. Nach deren Lärm genießt er die stille Natur umso mehr. Bei allem versucht der Mann, so nah wie möglich am Grenzverlauf entlang zu gehen.

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Zum Übernachten sucht er bevorzugt Landgasthöfe auf, in denen möglichst noch eine gute Stammtischkultur gepflegt wird. Denn an Stammtischen und bei zufälligen Begegnungen unterwegs erfährt er die interessantesten Geschichten. Etwa, dass die Landesgrenze in Mönchsroth, einem kleinen Grenzort zwischen Oberschwaben und Franken, mitten durch einen Frisörsalon verläuft. „Bis zur Flurbereinigung war der Herrensalon in Baden-Württemberg, der Damensalon in Bayern. Auf Wunsch wurden aber auch in Bayern Herrenschnitte vorgenommen“, berichten ihm Einheimische.

Keine Berührungsängste

Ihm wird auch erzählt, dass die Einwohner von Schöllenbach Strom und Wasser aus Hessen beziehen, die Abwassergebühr nach Baden-Württemberg, die Landwirtschaftsabgabe hingegen nach Bayern entrichten müssen. Im Hesseneck entspricht übrigens die Landesgrenze nach wie vor der alten Grenze zwischen den Bistümern Freiburg und Mainz. Die vielen Gespräche zeigen ihm auf, dass die Menschen hüben und drüben der Grenzen keine Berührungsängste haben, nur in Ausnahmefällen auf ihren Länderstolz verweisen.

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Artur Schuler wandert allein, möchte die Umgebung mit allen Sinnen wahrnehmen. Ungestört kann er in seinen Alleingängen die abwechselnden Landschaftsbilder in sich aufsaugen. Wenn er etwa von den Obstplantagen am Bodensee über Streuobstwiesen allmählich in das hügelige Weideland des Allgäus gelangt, weiter nördlich großflächige Äcker und im weiteren Verlauf entlang von Flüssen Weinberge passiert. Kontraste zwischen idyllischen Biotopen und betriebsamen Gewerbegebieten, stillen Wäldern und dem pulsierenden Leben in Städten, romantischen Flusstälern und Intensiv-Landwirtschaft bringen ihn zum Philosophieren. Ist mancherorts mittlerweile „Gras über die Grenze“ gewachsen? So wie über die alten Grenzsteine, die vereinzelt noch bezeugen, wo das Königreich Bayern (KB), das Königreich Hessen (KH) oder das Großherzogtum Baden (GB) aneinander grenzen. Bei Leukershausen stößt er auf eine weitere Kuriosität. Dort steht für Wanderer ein Grenzschnaps parat.

Badnerlied in Württemberg

Als Badener freut sich Artur Schuler, dass ein Gesangverein in „Badisch Sibirien“, dem nordöstlichsten, heute württembergischen Landesteil, seine Gesangsproben stets mit dem Badnerlied beginnt. Er fragt sich, weshalb in Baden-Württemberg auf Wanderwegschildern Kilometerangaben, in Bayern hingegen Zeitangaben stehen. Oder wie es kommt, dass in Bayern viele Windparks in Betrieb sind während es unmittelbar nebenan, in Baden-Württemberg, windstill zu sein scheint.

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Entlang des Mains durchschreitet er das „Madonnenländle“, wo anstatt Kreuze Madonnenfiguren Feldwege flankieren. Aus den Rebhängen des Tauber- und Maintales erklimmt er die Höhen des Odenwalds, um von da aus wieder zur Rheinebene hinabzusteigen. Dort angekommen erkundet er die Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz, die allerdings auf einer Länge von 179 Kilometer dem Rhein entspricht. Das Wasser trennt nicht nur Länder, sondern auch die Menschen. So orientieren sich die Rheinland-Pfälzer in ihrer Freizeit eher ins Elsass als über den Rhein nach Baden-Württemberg. Auf gerade mal acht Brücken und vier Fähren – die älteste davon ist 124 Jahre alt – kann die Landesgrenze überwunden werden.

Interessante Geschichten

Immer wieder stößt Artur Schuler auf interessante Geschichten. Etwa der des Doms zu Speyer, dessen Bau in der Zeit um 1100 in dem kleinen Ort mit damals 500 Einwohnern ein Politikum war. Oder nicht ganz so alte Themen, wie die Initiative von Theodor Heuss, der bereits 1919 den Zusammen
schluss von Baden, Württemberg und Rheinland-Pfalz zum „Südweststaat“ forderte.