Ungewohnte Geräusche aus der Wutachschlucht frühmorgens ab 6 Uhr nahe der Kapelle bei Bad Boll. Ein gleichmäßiges Schaben und Rattern waren zu hören. Unterbrochen wurde es immer wieder von einem „Stopp“-Ruf, bevor es durch ein „Hopp, Hopp“ wieder einsetzte. Ein kurzer Gang auf dem steilen Anstieg bei den Info-Tafeln und ein Blick auf die Wiese auf der Lichtung brachte die Lösung: Werner und Simon Blattert aus Dillendorf mähten eine Wiese.

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Die beiden Dillendorfer waren zugange mit ihren Pferdedamen Anni und Adele, beides prächtige Vertreter Schwarzwälder Kaltblutpferde. Der Gang auf die Mähwiese war wie eine Zeitreise, die vierjährigen Schwarzwälder zogen einen Messerbalken hinter sich her, Simon Blattert hatte die Zügel in der Hand, Vater Werner Blattert lief in raschem Schritt hinterher. Alle paar Meter ließ er anhalten, stemmte den Messerbalken mit einem Hebel in die Höhe, um das gemähte Gras zu entfernen, bevor das Gerät verstopfte. Man hatte in diesem Jahr lange gewartet, die Pflanzen auf Badwiese und Müllerswiese standen zum Teil fast mannshoch.

Der Landschaftsökologe Florian Hertenstein packt gerne mit an.
Der Landschaftsökologe Florian Hertenstein packt gerne mit an. | Bild: Wolfgang Scheu

Bis vor Kurzem stand man seitens der Naturschutzvertreter vor einem Problem. Bis 2017 konnte man mit dem Traktor das Gebiet in der Schlucht anfahren, um die Flächen zu mähen. Dann gab es den massiven Hangrutsch und die Zufahrt war versperrt. So kamen die Verantwortlichen auf die Idee, die Wiesenbereiche mit großer Artenvielfalt an Flora und Fauna von dem Pferdegespann der Familie Blattert mähen zu lassen.

Doch selbst der Pferdeeinsatz gestaltete sich nicht gänzlich problemlos. Der Balkenmäher musste umständlich auseinander und wieder zusammengebaut werden beim Gang von der einen Seite der Wutach über den engen Hockenjos-Steg.

Wutachranger Martin Schwenninger – er stieß am ersten Tag der Mähaktion zu den fleißigen Arbeitern – erklärte: „Die wertvollen Mähwiesen sollten weiterhin gemäht werden. Aus der Not heraus wurde dieses Projekt geboren.“ Der Landschaftsökologe Florian Hertenstein aus Weizen von der Planungsfirma BHM – ihr Slogan ist „Individuelle Lösungen nach Maß“ – hatte die Idee: Mähen wie vor 100 Jahren sollte die Lösung sein. Eine alte Technik, umgesetzt mit dem klassischen Arbeitstier, extra gezüchtet für die harte Arbeit im Schwarzwald – das Schwarzwälder Kaltblut. Von Werner Blattert aus Dillendorf habe er gewusst, dass dieser auch heute noch im Wald mit Pferden arbeitet.

Simon Blattert quert mit den beiden Pferdedamen die Wutach beim Hockenjos-Steg.
Simon Blattert quert mit den beiden Pferdedamen die Wutach beim Hockenjos-Steg. | Bild: Wolfgang Scheu

Gemäht mit einem Pferdegespann hatte Werner Blattert selbst noch nie, aber er war sofort Feuer und Flamme für das Experiment. Ein Satz prägt das Leben des 66-jährigen Landwirts: „Schaffe isch kei Arbet, wenn mo‘s gern macht“, lässt er an Tag zwei der Mähaktion verlauten, längst haben sie die Anfangsschwierigkeiten vergessen und es läuft. Auch Florian Hertenstein beweist, dass er anpacken kann. Seine Eltern unterhielten eine Nebenerwerbslandwirtschaft. An den steilen Lagen der Badwiese lief er am ersten Tag neben den Pferden her und drückte den Messerbalken auf die Wiese. Nach zwei Stunden lässt er sich schweißüberströmt zur Erde fallen. Eineinhalb Hektar Mähen mit zwei Pferdestärken ist ganz schön anstrengend, wie er am eigenen Leib erfährt. Aber er ist sehr zufrieden.

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„Der Erhalt der hochwertigen Mähwiese ist geglückt. Eine Alternative wäre die Beweidung durch Tiere gewesen. Aber das hätte massive Veränderungen mit sich gebracht“, erklärt er. „Die Trollblume zum Beispiel wäre durch anhaltende Trittschäden mit Sicherheit verschwunden.“ Der besondere Charme für ihn, wie für alle Beteiligten auch, ist die Kombination der Arbeit mit dem Schwarzwälder Kaltblut – eine vom Aussterben bedrohten Haustierart – und den historischen Arbeitsgeräten. Neben dem Balkenmäher steht auch ein Heurechen für die Pferdearbeit zur Verfügung, mit dem Werner und Simon Blattert das Heu in Kürze bearbeiten werden, natürlich wieder mit der blonden Anni und der braunen Adele.

Ein schönes Beispiel, wie Theorie und Praxis ineinandergreifen, um ein Problem zu lösen, sei die Aktion in der Schlucht, findet Martin Schwenninger. Es sei nicht das erste Mal, dass BHM eine Naturschutzmaßnahme in der Wutachschlucht erfolgreich umsetzt, wie er im Gespräch sagte.

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