Miriam Meier hat gleich zwei Traumberufe für sich entdeckt. Beide übt sie mit derselben Leidenschaft aus, obwohl beide Tätigkeiten keinerlei Gemeinsamkeiten haben. Nach erfolgreichem Abschluss ihrer mittleren Reife wurde Miriam Meier Floristin. „Das war seit Kindertagen mein Wunschberuf“, sagt die 22-Jährige.

Dass Floristin zu den am schlechtesten bezahlten Berufen gehört, hielt sie nicht ab. „Ich wollte etwas Handwerkliches machen und habe mich ganz bewusst für diesen Beruf entschieden. Geld stand für mich nicht im Vordergrund. Wichtiger ist mir der Spaß an der Arbeit“, vertritt die Frau ihre Überzeugung. Nach dreijähriger Ausbildung in Neustadt arbeitete sie noch ein knappes Jahr in ihrem Beruf.

Die „Beantra“ ist für Miriam Meier längst „ihr“ Schiff. Bild: Martha Weishaar
Die „Beantra“ ist für Miriam Meier längst „ihr“ Schiff. Bild: Martha Weishaar | Bild: Martha Weishaar

Obwohl sie darin Erfüllung fand, wurde sie von einer anderen Leidenschaft umgetrieben: Der Seefahrt. Ihre damalige Chefin zeigte Verständnis, Freunde und Familie ebenfalls, ganz nach dem Motto „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Im März 2019 packte das Schwarzwaldmädel seine Siebensachen und zog ans Ijsselmeer.

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Beim Skipper der „Beantra“, die in Lemmer, am östlichen Ijsselmeer ihren Heimathafen hat, fand Miriam Meier eine Anstellung als Matrosin. Während eines einwöchigen Segeltörns mit den Pfadfindern hatte sie das Schiff und seinen Eigner 2016 kennengelernt. „Mir gefiel das auf Anhieb sehr gut, die Arbeit des Matrosen hat mich inspiriert“, blickt sie zurück. Den Kontakt zu Skipper und Matrose hielt sie über die Jahre aufrecht. Als ihre Ausbildung abgeschlossen war, stellte sich die Frage: Warum nicht etwas ganz anderes machen, einen neuen Beruf erkunden? Zumal Wasser ihr Element ist. „Schon als Kind mochte ich Urlaube an der Ost- oder Nordsee.“

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Wenn Miriam Meier etwas macht, dann 100-prozentig. Die niederländische Sprache hat sie in Nullkommanichts erlernt. Mit leuchtenden Augen beschreibt sie den Alltag an Bord „ihres“ Schiffes, das 40 Tagesgäste oder 28 Übernachtungsgäste aufnehmen kann. Ihre Aufgaben als Matrosin sind vielfältig. Der Umgang mit Menschen bereitet ihr Freude.

Alle helfen mit

Auf den Segelschiffen des Ijsselmeeres ist es üblich, dass die Fahrgäste aktiv mitwirken. Miriam Meier weist sie in die Tätigkeiten ein, erklärt geduldig, was es wann zu tun gibt. Auch bei Pflege- und Instandhaltungsarbeiten packt sie an, streicht die Planken, entfernt Rost, bessert morsche Holzteile aus, kontrolliert Masten, Spulen, Seile, fettet Maschinen, tauscht Ölfilter aus oder repariert Wasserpumpen. Für Technik hat sie sich immer schon interessiert, half bereits als Kind ihrem Vater Thomas in seiner Werkstatt. Ihr Auto hat sie eigenhändig fahrtüchtig gemacht und lackiert.

Vielseitigkeit

Die junge Frau ist eine Allrounderin. Und schwindelfrei. Als Matrosin muss sie für Reparaturen in die Wanten klettern, um auf den Mast zu gelangen. 30 oder mehr Meter Höhe machen ihr nichts aus. Gelegentlich braucht es viel Konzentration, etwa wenn Schleusen passiert werden und die schweren Trosse auf Anhieb die Poller treffen müssen.

Die Tätigkeit

Matrose ist kein Ausbildungsberuf, man eignet sich die Aufgaben im Alltag an. Eine Woche wurde Miriam Meier instruiert, was es zu tun gibt. Im „Schifferdienstbuch“ jedes Matrosen wird festgehalten, welche Aufgaben er oder sie wo und für wie lange ausgeführt hat. Damit kann man sich für weitere Aufgaben bewerben. Für eine Schwarzwälderin ist der Weg zur Seefahrt – selbst auf einem Binnenmeer – kompliziert. Wer will hier schon Matrose werden?

Hürden

„Allein herauszufinden, welche Behörde und welcher Arzt für die Tauglichkeitsprüfung zuständig ist, war eine Herkulesaufgabe“, stöhnt die junge Frau. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Freiburg konnte davon überzeugt werden, richtiger Ansprechpartner zu sein. In Konstanz fand sich eine Ärztin für die notwendigen medizinischen Voruntersuchungen.

Jähes Ende

Der Traumjob auf dem Schiff fand wegen der Corona-Pandemie ein jähes Ende. Derzeit arbeitet Miriam Meier in ihrem erlernten Beruf. ihrem Chef ist klar, dass das Thema Seefahrt für die Floristin noch längst nicht abgehakt ist. Einstweilen bleiben ihr nur Erinnerungen an Holland, in das sie sich verliebt hat. Ebenso wie in den Naturpark Wattenmeer mit seinen Inseln Ameland, Schiermonnikoog, Texel oder Terschelling. Mit ihrem Leuchtturm ist das Miriam Meiers Lieblingsinsel.

Verliebt in das Wattenmeer

„Die malerischen Städtchen, die Strände, das Erlebnis, wenn ein Schiff sich trocken fallen lässt und man bei einer Wattwanderung die Tiervielfalt entdecken kann – all das wollte ich nicht missen“, schwärmt die Frau, während sie am Küchentisch ihrer Eltern Landkarten und Fotos ausbreitet.

Seeleute als Kameraden

Auch die Kameradschaft, die sie in Holland erfahren durfte, hat es ihr angetan. „Auf dem Ijsselmeer fühlen sich die Seeleute als Team, jeder hilft jedem.“ Ein Grund mehr, noch mal zurückzukehren, auch wenn es gelegentlich stürmisch ist.