Marius Dietsche nahm weite Wege in Kauf, um zu seinem Traumberuf zu gelangen. Sieben Jahre lang war er auf diese Weise fern seiner Heimat, nur dreimal in dieser Zeit besuchte er Eltern und Geschwister in Wellendingen. Priorität hatte für ihn, Beruf und Hobby zu vereinbaren. Letzteres ist für den 27-Jährigen nämlich ebenso wichtig wie sein Beruf.

Seit früher Jugend begeistert sich Marius Dietsche fürs BMX-Fahren, baute bereits im Alter von 16 Jahren mit Freunden aus seinem Heimatdorf eine eigene Dirtline. Über die Leidenschaft für seinen Sport lernte er im Lauf der Zeit zahlreiche Orte und junge Menschen aller möglichen Nationalitäten kennen. „Das machte mir viele Türen auf. Also brach ich nach dem Abitur mit meinem Rad zu einer Weltreise auf“, berichtet er. Eineinhalb mal ist der Wellendinger um die Welt gereist, um an BMX-Contests und Events teilzunehmen. Zum Studieren landete er in Melbourne, schloss dort nach zwei, anstatt in der Regelstudienzeit von dreieinhalb Jahren, erfolgreich mit dem Bachelor of Commerce ab. Nach verschiedenen Praktika und Ferienjobs hatte sich für ihn schon während der Schulzeit herauskristallisiert, dass er sich in diesem Metier verwirklichen könnte. In Australien zu studieren sei allerdings mit viel Papierkram verbunden gewesen, auch habe er für seinen Lebensunterhalt nebenher viel gearbeitet. „Melbourne war aber der beste Ort, den ich bisher kennenlernte“, schwärmt Marius Dietsche.

Nach dem Studium nach Peking

Dennoch zog es ihn kurz nach seinem Studienabschluss 2018 nach Peking. „Ich kannte die Stadt, wusste, dass dort eine coole Community ist und wollte die Sprache lernen“, begründet Marius Dietsche den Ortswechsel. Es sei einfach gewesen, in China einen Job zu bekommen. Der hatte gleichwohl wenig mit seinem Studium zu tun. Marius Dietsche verdiente sein Geld in Peking als Englischlehrer an einer Privatschule. Er selbst lernte nebenher Mandarin – die meistgesprochene der verschiedenen chinesischen Sprachen und Dialekte. „Vorher dachte ich, Melbourne mit vier Millionen Einwohnern sei eine Großstadt. In Peking leben 20 Millionen Menschen. Das ist eine völlig andere Dimension. Allerdings musste ich mich an den Smog gewöhnen. Von meiner Wohnung aus dem 26. Stock konnte ich manchmal die Straße nicht sehen, so dicke Luft hatten wir da. Es war trotzdem cool, aber irgendwann auch Zeit, wieder zu gehen“, erzählt er.

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Und er berichtet weiter von der extremen Überwachung in China. So hatte ein Polizist, der ihn bei einem Citytrip mit dem BMX fotografierte, in Nullkommanichts sämtliche Informationen über ihn auf dem Handy. „Die Überwachung funktioniert dermaßen, dass jemand, der bei Rot über die Ampel geht, die fällige Geldstrafe bereits vom Konto abgebucht bekommen hat, noch ehe er auf der anderen Seite angekommen ist“, schildert er dieses neuzeitliche Merkmal des chinesischen Systems.

Was Marius Dietsche mit seinem BMX-Rad anstellt lässt Zuschauer den Atem stocken. Sein Hobby ist für ihn ebenso Berufung wie sein Beruf.
Was Marius Dietsche mit seinem BMX-Rad anstellt lässt Zuschauer den Atem stocken. Sein Hobby ist für ihn ebenso Berufung wie sein Beruf. | Bild: privat

Nach anderthalb Jahren brach der junge Wellendinger wieder Richtung Heimat auf, mit dem klarem Ziel das Masterstudium zu absolvieren – und zwar in Form eines Fernstudiums mit paralleler Praxiserfahrung. Das Geld für das Studium hatte er in China zusammengespart. Den Master of Business Administration (MBA) hat er mittlerweile in der Tasche.

Sehnsucht nach dem Reich der Mitte

Seit Mitte Juli arbeitet Marius Dietsche im Personalmanagement eines börsennotierten, international tätigen Hightechkonzerns in Porto. Nebenbei will er seine chinesischen Sprachkenntnisse verbessern, denn möglicherweise kommt für ihn eine Rückkehr ins Reich der Mitte in Betracht. Als Hauptgrund führt er an: „Ich mag keine Winter, lebe lieber in wärmeren Regionen, wo man das ganze Jahr über Rad fahren kann. Außerdem ist in China das Essen gut und Peking eine moderne Stadt mit super Möglichkeiten zum BMX fahren.“

Marius Dietsche ist freilich auch gern in seiner Schwarzwälder Heimat, geht mit seinen Wellendinger Kumpels gelegentlich einen heben, liebt seine Familie und mag vor allem das Brot, den Käse und die köstlichen Käsespätzle seiner Mutter.

Weshalb zieht es ihn trotzdem immer wieder fort? „Ich habe halt mehr Angst vor einem langweiligen Leben als vor anderen Menschen und Ländern“, gibt der junge Mann lachend zur Antwort. Und man spürt bei diesem Lachen, dass die Welt für ihn weit offen steht – egal in welche Richtung, Hauptsache sein BMX-Rad ist dabei. Die spektakulären Sprünge, die er mit seinem Fahrrad macht, können im Übrigen im Internet betrachtet werden. Auf diese Weise halten sich auch seine Eltern, Geschwister und die BMX-Freunde auf dem Laufenden, was der junge Wellendinger irgendwo auf der Welt unternimmt.