Clemens Blattert zu Besuch in seiner Heimat. Allerdings nur zwei Übernachtungen gönnte sich der Jesuitenpater in seinem Elternhaus in Wellendingen. Dann zog es ihn wieder zu seiner Aufgabe in die Zukunftswerkstatt der Jesuiten nach Frankfurt, ebenso zu seiner neuen Aufgabe als geistlicher Rektor des Cusanuswerks in Bonn-Mehlem.

Diese Verantwortung innerhalb des Cusanuswerks der Jesuiten wurde dem 43-Jährigen am 1. Juni neu übertragen. Nun pendelt er zwischen beiden Welten, nachdem er eine knapp einjährige Auszeit in Spanien hinter sich hat. „Offroad – das war mal“, wie er selbst formuliert.

In Salamanca durchlebte Clemens Blattert das Terziat, die endgültige Prüfung der Ordensmitglieder der Gesellschaft Jesu. In dieser Zeit galt es für ihn, eine klare Antwort auf die Frage zu finden, ob er in der Gesellschaft Jesu weiterleben und darin auch sterben möchte.

Eher murrend hatte er sich Anfang 2019 der Aufforderung seines Provinzials gefügt. Hatte er doch gerade die Zukunftswerkstatt der Jesuiten in Frankfurt so gut aufgebaut. Der Orden indes verlangt Gehorsam. Wenn er bestimmt, dass eine neue Aufgabe oder eben diese letzte Prüfung ansteht, gilt es, Folge zu leisten.

Dieser Gehorsam fiel Clemens Blattert zunächst schwer, fühlte er sich doch just in diesem Augenblick in Frankfurt unabkömmlich. Rückblickend spricht er jedoch von „Luxus“, einem „Geschenk“, das ihm sein Orden machte, indem er ihn aus dem alltäglichen Geflecht scheinbarer Notwendigkeiten befreit hatte, ihm diese Auszeit zwar vordergründig aufzwang, bei näherer Betrachtung aber gönnte.

„Ich hatte zehn intensive Jahre hinter mir. Diese Pause kam genau zur richtigen Zeit. Und ich stellte schnell fest, dass es beinahe eine unverschämte Freiheit ist, im besten Arbeitsalter einfach mal ein Jahr lang nichts zu machen“, sagt er heute. Diese Erfahrung hat ihn offensichtlich zu neuer Gelassenheit geführt. Die auch äußerlich zu erkennen ist. Beim letzten Gespräch – vor dem Terziat – trug der Pater den klassischen Priesterkragen. Jetzt treffen wir ihn mit offenem Hemd, in Jeans – lässig gekleidet eben.

Allein das Erlernen einer neuen Sprache, wieder Schüler zu sein, sei für ihn eine Bereicherung gewesen. Das war gleichwohl nur der Einstieg ins Terziat, das er gemeinsam mit Mitbrüdern aus der ganzen Welt durchlebte.

Die intensive Auseinandersetzung mit den Gründungsdokumenten des Ordens, den Briefen, welche Ordensgründer Ignatius von Loyola verfasste, seiner Autobiografie habe er mit dem Erfahrungshintergrund von nunmehr 17 Jahren im Orden und elf Jahren als Priester ganz anders wahrgenommen, als dies noch im Noviziat der Fall war, schildert der Pater sein persönliches Erleben. Er spricht vom „Segen des Gehorsams“, denn aus eigenem Antrieb hätte er sich diese Auszeit nicht gegönnt, die ihm vieles aufgezeigt habe und ihn zu innerer Freiheit führte.

„Was hindert mich an einem kreativen Leben? Wofür brauche ich Zeit? Wo soll es hingehen in meinem Leben? Wofür stehe ich? Es braucht Ruhe, um Antworten auf all diese Fragen zu finden“, sagt Clemens Blattert.

Die fand er in 30-tägigen Exerzitien, einem Kern des Terziats. „Da passierte so vieles. Ich merkte, wie reich ich bin, was für eine Freiheit ich gewinne, welche Energiefresser sich im Lauf der Jahre bei mir angesammelt hatten“, beschreibt er seinen persönlichen Prozess.

„Der Jesuitenorden ermöglicht es, aus der Unfreiheit, welche uns die Welt als Freiheit vorgaukelt, auszubrechen. Dazu braucht es Stille und Freiraum für die Seele, um all die Ablagerungen und Schlacke zu entfernen, die sich im Verlauf der Jahre angesammelt haben“, sagt er. Und zieht den Vergleich zur regelmäßigen Reinigung des alten Mühlenkanals in Wellendingen, bei der er, der Sohn eines Müllers, einst mithalf. „Ich empfehle allen eine solche Einkehr für die Seele. Wer das als verlorene Zeit ansieht, hat keine Ahnung.“

Bei der letzten Predigt, die der Pater vor eineinhalb Jahren in der Heimat hielt, verglich er den Zustand der Kirche mit einem einstürzenden Turm, der diejenigen unter sich erschlägt, die ihn auffangen wollen. Inzwischen hat er neue Zuversicht geschöpft. „Ja, es gibt viel Schlimmes in der Kirche, vielen Menschen ist sie mittlerweile egal. Aber es gibt auch viel Gutes.“

Er spricht von einem Transformationsprozess, vergleicht es mit dem Sterben. Dass ein solcher gelingt, etwas Gutes aufgebaut werden kann, dazu braucht es innere Freiheit. „Wer von eigenen Ideen verbohrt ist, der kann nicht auf Gott hören“, sagt der Pater. „Dazu muss man auch den eigenen Perfektionismus mal aufgeben. Es muss nicht immer alles optimal sein. Und es braucht Vertrauen.“

Das vermittelt Clemens Blattert anderen. Jungen Menschen, die in der Zukunftswerkstatt den richtigen Weg für sich suchen. Begabten Studierenden, die sich im Cusanuswerk auf ein verantwortungsbewusstes, christliches Wirken im späteren Beruf vorbereiten und damit „Salz“ für die Gesellschaft und die Kirche werden können.