Hubert Isele ist der älteste Einwohner in Wittlekofen. Nur ein Jahr trennt ihn noch von der Vollendung seines 100. Lebensjahres. Wenn der Mann aus seinem Leben erzählt, ist das eine bewegende Reise in die Vergangenheit. Das Dorf kennt er natürlich wie seine Westentasche, denn wäre der Krieg nicht gewesen, wäre er wahrscheinlich kaum je über die Ortsgrenze hinaus gekommen. So aber wurde er als 19-jähriger Soldat nach Norwegen berufen, wo er bei Fauske und Narwik, Europas nördlichster Bahnstation, seinen Dienst verrichtete. Nach zweijähriger Gefangenschaft in Frankreich kam Hubert Isele 1947 zurück in die Heimat, die er fortan so gut wie nicht mehr verließ. „Hier bin ich geboren und hier will ich auch sterben“, sagt Hubert Isele über sein Elternhaus an der Roggenbacher Straße.

Landwirtschaft – harte Handarbeit

Allein was sich in der Landwirtschaft innerhalb des zurück liegenden Jahrhunderts veränderte, wäre ein unerschöpfliches Thema. So gut wie jede Familie betrieb in Wittlekofen dereinst eine kleine Landwirtschaft, versorgte sich selbst so gut es ging mit Lebensmitteln. Zwei Geißen und zwei Kühe sowie ein Gemüsegarten sicherten auch bei Iseles den Grundbedarf. Kartoffeln wurden mit der Harke geerntet, nicht eine Knolle blieb bei der Ernte liegen. Das Gras von Straßen- und Wegerändern musste Kleinbauern für ihr Vieh reichen. Auf Getreidefeldern wurden Ähren nachgelesen, auf Wiesen Kräuter gesammelt. Felder wurden in Handarbeit bestellt, Wägen oder Ackergeräte von Kühen, Stieren oder im besten Fall Pferden gezogen. Letzteres war allerdings ein Privileg einiger weniger großer Landwirtschaftsbetriebe.

Landhelfer in Schollach

In einen solchen durfte Hubert Isele 17-jährig als Landhelfer reinschnuppern, und zwar auf den Gfällhof in Schollach. „Der Bauer hatte einen neuen VW und einen Kramer Traktor, eigenen Wald, eine eigene Jagd und ein Sägewerk.“ Unverkennbar nötigt dieser Reichtum Hubert Isele heute noch Respekt ab. „Acht Mäher mähten bei der Heuet. Noch heute staune ich über einen Hirtenbuben aus der Stadt, der barfuß das Vieh hüten musste. Ich habe das einen Sonntag lang gemacht und wusste hinterher, dass ich das nicht länger ausgehalten hätte.“

An die 200 Dekorations-Spinnräder drechselte Hubert Isele als Rentner. Die fanden über Feriengäste ihren Weg bis nach Hamburg.
An die 200 Dekorations-Spinnräder drechselte Hubert Isele als Rentner. Die fanden über Feriengäste ihren Weg bis nach Hamburg. | Bild: Martha Weishaar

Als Straßenwart hatte Hubert Isele später das Glück, dass er das Gras entlang der Ränder seines sieben Kilometer langen Streckenabschnitts von der Steinasäge bis zur Illmühle verwenden durfte. „Mähen durften wir während der Arbeitszeit, heuen mussten wir am Sonntag“, blickt er zurück.

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Im Steinatal war indes seinerzeit etwas ganz Besonderes geboten: Freilichttheater vor der Kulisse der Roggenbacher Schlösser. „Wir haben Wilhelm Tell aufgeführt. Da kamen sehr viele Zuschauer aus der Schweiz“, erinnert sich Isele. Vor der Naturbühne sei eigens ein Weiher aufgestaut worden, um den Vierwaldstätter See nachzubilden.

Sein Cousin habe Tells Sohn gespielt. Einmal sei ein Malheur passiert, als der Helfer, der bei jedem „Schuss“ aus der Armbrust den Apfel vom Kopf des Buben auf einen Pfeil spießen musste, den Pfeil verkehrt herum gehalten hatte und der Apfel zerbrach. Aus jedem Haus habe jemand mitgewirkt, Regie habe der Dorflehrer geführt.

Vor der Kulisse der Roggenbacher Schlösser führten die Wittlekofer Bürger einst Freilichttheater auf. Hubert Isele (vordere Reihe kniend Dritter von rechts) spielte bei der Aufführung von „Wilhelm Tell“ mit, zu welcher eigens ein See aufgestaut wurde.
Vor der Kulisse der Roggenbacher Schlösser führten die Wittlekofer Bürger einst Freilichttheater auf. Hubert Isele (vordere Reihe kniend Dritter von rechts) spielte bei der Aufführung von „Wilhelm Tell“ mit, zu welcher eigens ein See aufgestaut wurde. | Bild: Privat

Nur ein ‚Auswärtiger‘ sei engagiert worden, ein Trompeter aus Wellendingen. Weil in Wittlekofen niemand Trompete spielen konnte. „Die älteste Mitwirkende war 70, das war damals sehr betagt“, erzählt er. Der Wirt vom „Hirschen“ habe bewirtet, der Gemischtwarenladen einen Verkaufsstand aufgebaut. „Ich weiß heute nicht mehr, wie wir das schafften, mitten im Sommer all die Proben und Auftritte. Aber es war ein voller Erfolg.“

Zusammenhalt lässt nach

Hubert Isele erzählt aus einer anderen Zeit. Weiß noch genau, wem die Handvoll Autos gehörte, die in den 1930er Jahren in Bonndorf fuhren. In Wittlekofen gab es zu jener Zeit gar keines. Höchstens die reichen Schweizer, die eine Jagd gepachtet hatten, kamen mit Autos ins Dorf. Wer es sich leisten konnte, hatte ein Fahrrad. Ansonsten musste man zu Fuß gehen, wohin auch immer man wollte. Heute kann Hubert Isele die Fahrzeuge, die täglich vor seiner Haustür vorbeisausen, nicht mehr zählen. So wie sich auch vieles andere veränderte. „Früher war der Zusammenhalt besser, einer half dem anderen, man traf sich in der Wirtschaft. Heute kennt man nicht mal mehr seine Nachbarn. Die Leute gehen morgens zur Arbeit und sind dann den ganzen Tag weg“, zieht er Bilanz.