Zu einem Fest, wie es viele lange vermissten, geriet das Gastspiel von Martin Wangler am neuen Kornhaus der Wellendinger Blattert-Mühle. 370 Gäste ließen sich unter freiem Himmel von Fidelius Waldvogel mit seinem neuen Kabarettprogramm begeistern. Formidabel darauf eingestimmt wurden sie mit zünftiger Musik von Most. Das Gastspiel in Wellendingen dürfte sich für den Breitnauer Kabarettisten wie ein Heimspiel angefühlt haben.

Ein Hä genügt

Der kann in seiner wahren Haut stecken bleiben, wenn er seine „Stubbewage-Bühne“ betritt, um das Schwarzwälder Original zu verkörpern. Wortkarg sei der typische Schwarzwälder. Ihm genüge ein „Hä“, um die wirklich wichtigen Dinge des Alltags zu hinterfragen oder zu kommentieren. Allenfalls bei schwierigeren Zusammenhängen bedürfe es längerer Ausführungen, also dem „Hä nei“. Erst mit dem Einzug der Luftschnapper habe man sich bemüßigt gefühlt, in ganzen Sätzen zu reden. Ganz so wortkarg ist der „Lucky Black Forest Bird“ glücklicherweise nicht.

Lehrstunde übers Speckschneiden

Nach überzeugender Feststellung „Sproch isch Idendität“ greift Martin Wangler ernsthafte Themen auf. Geißelt die Massentierhaltung am Beispiel des Schwarzwälder Schinkens, der von russischen Muttersäuen über ostdeutsche Schweinemast-Großbetriebe in westdeutsche Schlachthöfe und letztendlich zu Schwarzwälder Schinkenherstellern auf die Vesperbrettle der Verbraucher gelangt.

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Flugs baut Fidelius Waldvogel eine Lehrstunde übers Speckschneiden ein, bis am Ende den Zuschauern das Wasser im Munde zusammenläuft. Ein Vesperbrett, keinesfalls ein Teller, müsse es sein, um kernigen Schwarzwälder Speck mit einem vernünftigen Messer in „kleine Schnefele“ zu schneiden. Guten Speck soll es tatsächlich noch in der einen oder anderen Dorfmetzgerei geben, etwa bei der Schwarzwurscht-Marie in St. Märgen. Dem folgt unmittelbar die stimmungsvolle Hymne auf dieselbe.

Das Sterben kleiner Bauernhöfe, uriger Gastwirtschaften oder Dorfläden schmerzt den Schwarzwälder. Richtig Angst bereiten ihm die Wetterkapriolen, mehr jedenfalls als die Rückkehr des Wolfes. Zumal Herren „in weißen Westen“ Reden halten, aber nicht danach handeln. „Warum brucht‘s immer ersch en große Klepf?“, fragt sich wahrscheinlich nicht nur der Kabarettist angesichts der jüngsten Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

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Derweil hält Martin Wangler auch seinem Publikum den Spiegel vor, geißelt ungezügelten Konsum. „Warum bruche mir Milch us Irland, Äpfel us Neuseeland, Wii us Südafrika oder Teigling us Polen und schreddere Lebensmittel? De Litt isch egal, was sie in sich neistopfe – Hauptsach billig!“

Die irrwitzige Entwicklung des Bollenhut-Tourismus nimmt Fidelius Waldvogel ebenso aufs Korn. Mikroabenteurer aus aller Welt ziehen seit der Globalisierung durch den Schwarzwald. „Schwizer, Chinese, Hinduischde, Buddhischde, Nudischde mache Speedheiking bis ene d‘Schuehsohle glühe“, beobachtet der Gästeführer und wartet gleich mit weiteren geschäftsträchtigen Ideen auf. Wie wär‘s mit Pilztagen für Neueinsteiger, bei schlechtem Wetter in der Wellnessabteilung? Mit Knecht-Tagen als Gülle-Rillen-Putzer oder Kirschwasser-Tagen – also saufen bis man blau wird? Als Waldbademeister, der seine Gäste barfuß in Ameisenhaufen oder Brennnesseln tappen und harzige Bäume umarmen lässt, sieht er ebenso interessante Einnahmequellen auf sich zukommen wie als Kräuterfachfrau. „Statt Viagra biet ich Kügele us gekochtem Rinderherz und Muni-Schelle a – und zwar uff Rezept, mich zahlt nämlich die Krankekass“, verrät er augenzwinkernd.

Kernige Sprüche

Martin Wangler wäre aber nicht der muntere Fidelius Waldvogel, würde er seine Zuhörer ob solch düsterer Themen nicht immer wieder aufheitern. Mit kernigen Sprüchen, die man ihm bei aller Derbheit keinesfalls verübelt, mit lustigen Liedern, die das Publikum bereitwillig mitsingt. Aber auch mit leisen Tönen und tiefsinnigen Texten, die ein wohlig gutes Gefühl von heimatlicher Verbundenheit verbreiten.

Nicht umsonst wird die sommerliche „Von daheim“-Tour vom baden-württembergischen Ministerium für Ernährung, ländlicher Raum und Verbraucherschutz gefördert. Das Areal der Blattert-Mühle bot idealen Raum dafür. Den Müllermeister und seine Frau freute der große Zuspruch. Sogar Mama Wangler war aus Breitnau gekommen. Bodenständigkeit zeigt auch, dass solch ein Erfolg ohne überbordenden technischen Aufwand möglich ist.