Bis heute werden die, die dabei waren, sich an jenen milden Herbstabend im Jahre 1995 erinnern, an dem das Künstlerehepaar Christo und Jeanne Claude im Festsaal des Kulturzentrums Schloss Bonndorf saß, als gehörten sie seit langem dazu. Bereitwillig gaben beide Auskunft über ihr Leben und ihre künstlerische Mission – denn, was sie unternahmen, was sie präsentierten, war ihre Mission: die profane Welt für einige Zeit in Kunstwerke zu verwandeln. Nun ist Christo am Pfingstsonntag verstorben.

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1995 hatten die Künstler vom 4. Juni bis 7. Juli – ein Höhepunkt ihres Schaffens in Europa – den Reichstag in Berlin verhüllt. Das wuchtige Gebäude hatten sie hinter einer silbern glänzenden Hülle vollkommen verschwinden lassen, so dass nur die Fassade und die Umrisse zu sehen waren: die Politik hinter einer glitzernden Fassade versteckt, die dem Ensemble des damals geplanten und bald entstehenden neuen Regierungsviertels ein atemberaubendes Flair gab. Das Vorhaben war ein zentrales Anliegen des Künstlerehepaares. Und es zeugt von Beharrlichkeit und Entschlossenheit, sowie vom Mut der beiden zu gewagten Experimenten. Fast zwei Jahrzehnte haben sie dafür geworben, ja – darum gekämpft. Nicht nur Wolfgang Schäuble war zunächst dagegen gewesen; Kanzler Helmut Kohl hat den verhüllten Reichstag mit keinem Wort gewürdigt.

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Den Erzählungen nach – die zwar nur mündlich überliefert sind, aber nie dementiert, sondern mit dem Besuch in Bonndorf bestätigt wurden – , hatte Christo einst in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn einem heimischen Lokalpolitiker die Zusage gegeben, wenn der Reichstag verhüllt werde, werde er Bonndorf besuchen. Und – Christo, der mit vollem Namen Christo Wladimirow Jawaschew hieß und aus Bulgarien stammte, und seine Ehefrau Jeanne Claude kamen tatsächlich nach Bonndorf. Der Andrang ins Schloss war enorm; man übertreibt nicht mit der Feststellung, dass nur ganz wenige Ereignisse ein solches Besucherinteresse gefunden haben – vielleicht gehört es sogar in die Kategorie einmalig.

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Angenehm unauffällig bescheiden sprachen der hagere Herr mit dem schütteren grauen Haar und seine rothaarige Ehefrau Jeanne Claude über die vergangenen und die neuen Projekte – immer gemeinsam ausgedacht, immer gemeinsam verwirklicht, nie von Sponsoren unterstützt, sondern stets alle Kosten selbst aufgebracht – was für sie die elementare Grundlage ihres künstlerischen Schaffens war.

Beide am 13. Juni und im gleichen Jahr geboren, war dieses Datum wie ihre Lebensbahn und ihre Kunst Ausdruck ihres Seins. In wenigen Tagen wäre Christo 85 Jahre alt geworden. Nun ist er am Pfingstsonntag in New York verstorben; elf Jahre nach seiner ihn immer inspirierenden Ehefrau Jeanne Claude – und exakt 25 Jahre nach dem Besuch des weltberühmten Künstlerehepaares in Bonndorf.

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