Das Interesse an Amélie Schenks Ausführungen über die Mongolei bleibt ungebrochen groß. Längst nicht allen Interessierten hatte Zugang zum Erzähl- und Leseabend der Ethnologin und Buchautorin in der Schlossbibliothek gewährt werden können. Sie hat authentisch und lebendig Geschichte, Lebensweise, Lebensbedingungen sowie Charakter der Menschen des zentralasiatischen Hochlands geschildert.

Mit Auszügen aus ihrem Buch „Der Steppe raue Freiheit“ spickte die Völkerkundlerin ihre Ausführungen über die Mongolei ebenso unterhaltsam wie lehrreich. Amélie Schenk hat in der Mongolei so etwas wie eine zweite Heimat gefunden. Im Mai des kommenden Jahres bringt sie das Land und die dort lebenden Menschen im Rahmen einer Veranstaltung in Lenzkirch den Schwarzwäldern nahe.

Gewürztee und Gambir, ein mongolisches Gebäck, rundeten die Sinneseindrücke passend ab. Amélie Schenks Herz schlägt für die Mongolei und deren Bewohner – dieser Eindruck festigte sich vom Beginn ihrer Schilderungen. „Eine Bilderbuchlandschaft, die die Seele weich werden lässt und die man sehen, mit ihren würzigen Kräutern vor allem auch riechen muss“, schwärmt sie. Sie erzählt von einfühlsamen Menschen, die ihr Gegenüber betrachten, in dessen Seele schauen, anstatt zu reden. Kräftig, sehnig, gesund, robust und naturverbunden seien die Mongolen. Die Natur bestimme den Alltag.

Gleichwohl lässt die Expertin einfließen, dass vieles im Wandel ist. Auch die Mongolei verändere sich im Zuge fortschreitender Entwicklung und moderner Technik. Smartphones seien in diesem Land allgegenwärtig, und vor allem den Stadtmenschen scheine die Naturverbundenheit abhandengekommen zu sein. Verkehrschaos, verantwortungsloser Umgang mit Abfällen und hektische Betriebsamkeit prägten das Leben in der Hauptstadt Ulaanbaatar. Beinahe die Hälfte der 3,2 Millionen Mongolen lebe dort. Ein Drittel der Bevölkerung führe indes das traditionelle Nomadenleben. „Vor 30 Jahren gab es in der Mongolei noch keinen Müll, die Menschen haben alles wieder verwertet. Das Land gehörte allen, es brauchte keine Zäune“, beschreibt Amélie Schenk einen Aspekt des Wandels. In der Jetztzeit pflegten Nomaden und Stadtmenschen völlig gegensätzliche Lebensweisen. Die einen ruhten in sich selbst, kommunizierten singend mit ihren Tieren, besäßen Jurten und einen Hausstand, der binnen weniger Stunden umgesiedelt werden kann. Die anderen unterschieden sich nicht wesentlich von Stadtmenschen anderer Völker, müssten immer auf Empfang sein und bräuchten Statussymbole.

Das Publikum im Schloss lauschte indes lieber Geschichten von glücklichen Kindern, die kein Spielzeug besitzen, sondern mit dem spielen, was sie in ihrem natürlichen Umfeld vorfinden. Von Menschen, die sich in jeder Situation selbst zu helfen wissen, und sei es, indem sie auf rudimentärste Art einen Autoschlüssel nachbilden. Und von Tieren auf endlos weiten Weideflächen. Doch auch hier zeichne sich ein Wandel ab. „Anfang der 1990er wurden knapp 30 Millionen Nutztiere gezählt, heute sind es 70 Millionen“, sagt Amélie Schenk mit Blick auf gelegentliche Überweidung.

Mit Filz, Fellen und Kaschmirwolle trotzten Mongolen Temperaturen von knapp 50 Minusgraden. Viehsterben wie um die Jahrtausendwende, als zehn Millionen Nutztiere verendeten, bedeuteten eine unerbittliche Härte für die Nomaden, die für sich beanspruchen, dass sie „mindestens 111 Dinge selbst können müssen“. Wer in der Mongolei lebt, müsse bereit sein, sich von der Natur auf ein ganz kleines Maß herunter zwingen zu lassen. Klirrender Frost, verheerende Steppenfeuer und stetiger Wind seien Beweis genug, dass dort die Natur regiere.