Die Sache scheint verfahren. Die Familie Isele will ihren landwirtschaftlichen Betrieb in Wittlekofen für die Zukunft rüsten und einen Stall für 12.000 Legehennen bauen, viele Bürgerinnen und Bürger wehren sich gegen das Projekt, befürchten sie doch erhebliche Einschränkungen in ihrer Lebensqualität und Nachteile für Natur und Umwelt.

Auch nach dreistündigem Informations- und Meinungsaustausch kamen sich die beiden Parteien nicht näher. Im Gegenteil: Nach dem klaren Statement der übergeordneten Behörden – das Projekt ist genehmigungsfähig – schienen sich die Fronten noch zu verhärten. Der Dorffrieden in Wittlekofen dürfte nachhaltig gestört sein.

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Die Veranstaltung in der Bonndorfer Stadthalle war auf großes Interesse gestoßen. Die Plätze in der Halle waren nahezu voll besetzt – coronakonform natürlich. Zudem verfolgten über 200 Menschen das Geschehen live am heimischen Computer mit. Bürgermeister Michael Scharf hatte zu dieser besonderen Gemeinderatssitzungen auch Vertreter der übergeordneten Behörden im Landratsamt eingeladen, die die rechtliche Situation des Vorhabens beleuchteten.

Der erste Landesbeamte Jörg Gantzer und Waltraud Zimmermann vom Umweltamt gaben Auskunft zur rechtlichen Situation des Legehennen-Projektes, das von Tamara und Benjamin Isele erläutert wurde (von rechts).
Der erste Landesbeamte Jörg Gantzer und Waltraud Zimmermann vom Umweltamt gaben Auskunft zur rechtlichen Situation des Legehennen-Projektes, das von Tamara und Benjamin Isele erläutert wurde (von rechts). | Bild: Stadtverwaltung Bonndorf
  • Das Projekt: Zunächst erhielten Landwirt Benjamin Isele und seine Frau Tamara die Möglichkeit, das Legehennenprojekt im Detail vorzustellen. Mit der Eierproduktion will Isele für seinen Betrieb ein zweites Standbein schaffen. Der geplante Stall mit einer Größe von rund 88 auf 27 Meter soll Platz für 12 000 Hühner bieten, die in vier Gruppen à 3000 Tiere gehalten werden sollen. Auf einer etwa 4,9 Hektar großen Auslauffläche sollen sich die Hühner draußen aufhalten können, Versteckmöglichkeiten werden 18 Schutzinseln bieten. Dieses Konzept, mit vier Quadratmetern Platz pro Huhn, entspreche dem höchsten Tierwohllabel, sagte Benjamin Isele, der noch hinzufügte, dass er eine gläserne Produktion plane, was bedeutet, dass der Stall für interessierte Verbraucher einsehbar sein wird. Und um die Anzahl der Legehennen etwas zu relativieren, informierte Isele, dass die „Belastung“ von 12 000 Hühnern jener von 37 Kühen entspreche. Zur befürchteten Geruchsbelastung in Wittlekofen erläuterte der Antragsteller, dass das erstellte Gutachten keine Überschreitung der Geruchsgrenzwerte festgestellt habe, selbst in unmittelbarer Nähe, Am Buck, würden die Werte laut Gutachten unter dem Grenzwert liegen. In der Eierproduktion sieht der Landwirt noch Chancen für die Zukunft. Nur ein Drittel der in Baden-Württemberg verbrauchten Eier würden auch im Land produziert, der Rest werde hauptsächlich aus Holland und Polen importiert. „Und der Eierverzehr steigt“, sagte Benjamin Isele. Den Hühnerkot will Isele selbst als Dünger verwenden, um den Mineraldüngereinsatz reduzieren zu können. Was die Menge betrifft, sprach Isele von sechs Prozent dessen, was durch die Rinder anfällt. Verzichten wird Isele auf einen vorbeugenden Antibiotika-Einsatz. Was die Nähe zur Wohnbebauung angeht, gab Isele bekannt, dass er den Stall gerne weiter entfernt gebaut hätte. Seiner Anfrage, dafür städtische Flächen zu erwerben, habe die Stadt aber eine Absage erteilt.
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  • Infos der Behörden: Vom Landratsamt Waldshut war der erste Landesbeamte, Jörg Gantzer, nach Bonndorf gekommen, außerdem Vertreter des Umweltamtes und des Landwirtschaftsamtes. Wie Jörg Gantzer erläuterte, habe man sich intensiv mit dem Immissionsschutz- und Baurecht in diesem Falle beschäftigt. Was den Immissionsschutz betrifft, sei ein vertrauensvolles Büro beauftragt worden, ein Gutachten zu erstellen. In dieses Gutachten seien auch Geruchsimmissionen der weiteren landwirtschaftlichen Betriebe in Wittlekofen miteinbezogen worden. Das Ergebnis: Die Geruchsimmissionen bleiben insgesamt unter dem Grenzwert, der Hühnerstall stelle keine relevante zusätzliche Belastung dar. „Das Vorhaben ist genehmigungsfähig“, sagte Jörg Gantzer und fügte an, dass es auch keine Einschränkungen für Erweiterungsabsichten anderer Landwirte in Wittlekofen durch den Legehennenstall gebe.
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  • Statements Gemeinderäte: Werner Intlekofer (Grüne) aus Wittlekofen stellte klar: „Das Projekt hat viel Staub aufgewirbelt und das hat seine Gründe.“ Unter anderem seien Fehler in der Kommunikation gemacht worden, die Bevölkerung wurde nicht von Anfang an mitgenommen, es blieben viele Fragen offen. Kein Verständnis hatte Intlekofer dafür, dass der Bürgerinitiative gegen den Legehennenstall eine Einsicht in das Gutachten verwehrt wurde. Ähnlich sah dies auch Bruno Kalinasch (SPD), der befürchtete, dass der Konflikt zu eskalieren droht. „Verschiedene Standpunkte prallen aufeinander, hier wäre ein reinigendes Gewitter gut“, meinte Kalinasch, der ansonsten befürchtet, dass der Dorffrieden langfristig gestört ist. Seine Frage nach dem Tierwohl beantwortete Jörg Gantzer folgendermaßen: „Der geplante Stall stellt eine Luxusvariante für die Tiere dar.“ Auch handle es sich immer noch um ein vergleichsweise kleines Projekt. Eine industrielle Produktion beginne erst bei 50.000 bis 100.000 Hühnern. Und laut Gantzer werde auch das Gebot der Rücksichtnahme nicht verletzt, die im Übrigen für Bauer und Bürger gelte. Auf die Frage von Ingo Bauer (CDU), ob der Landwirt über genügend eigene Flächen verfüge, beziehungsweise, was passieren würde, wenn Pachtverträge gekündigt werden, antworteten die Behörden, dass es hinsichtlich der Flächen keine Probleme gebe und Isele langfristige Pachtverträge vorweisen könne. Laut Landwirtschaftsamt sei auch die Frage der Mistausbringung und der damit verbundene Stickstoffeintrag geprüft worden. Auch hier würden die Grenzwerte eingehalten.
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  • Fragen Bürgerinitiative: Irene Grieshaber von der Interessensgemeinschaft „Lebensqualität Wittlekofen“ bezeichnete den Legehennenstall als Eierfabrik, die die Gesundheit der Anlieger durch Geruch, Feinstaub, Milben, resistente Keime und Antibiotika, deren Einsatz sich bei 12.000 Hühnern nicht vermeiden lasse, gefährdet. Für die Vertreterin vieler Bürgerinnen und Bürger ist es nicht nachvollziehbar, dass das Recht einer Familie über das Recht eines ganzen Dorfes gesetzt werde. Diese Ungerechtigkeit kritisierte auch ein Wittlekofer, der in unmittelbarer Nähe des neuen Stalles wohnt. Er machte auch noch auf den Wertverlust seines Hauses und auf die erhöhte Verkehrsbelastung aufmerksam. „Einer profitiert, die anderen leiden, die Behörden spielen mit unserer Gesundheit“, lautete seine Kritik.
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Nadine Ketterer machte auf das FFH-Gebiet „Steina, Schlücht, Mettma, Schwarza“ aufmerksam, das von dem Hühnerstall betroffen wäre. Sie sieht das Ziel, den naturnahen Zustand der Gewässer, in diesem Fall der Steina, zu erhalten in Gefahr. Hühnermist, Antibiotika, Desinfektionsmittel zum Reinigen des Stalls, eventuell gentechnisch verändertes Futter – all das wirke sich negativ auf das Gewässer aus. „Legehennenbetrieb und FFH-Gebiet – das beißt sich“, so Ketterer. Allgemein kritisiert wurde, dass der BI keine Einsicht in das Gutachten gewährt wurde. „Demokratie sieht anders aus“, machten etliche Projektgegner ihrem Ärger Luft. Friedrich Bündert, Landwirt aus Wittlekofen, stellte die Frage nach der Belastungsgrenze für das Dorf. „Können die anderen Betriebe im Ort ebenfalls noch wachsen, oder bleiben die langfristig auf der Strecke?“ Er habe solche und weitere Fragen ans Landratsamt geschickt und keine Antwort erhalten, bedauerte Bündert, der zudem der Meinung war, dass bei stetigem Wachstum die Qualität auf den Höfen auf der Strecke bleibt.

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Hildegard Bernhart, Landwirtin aus Wellendingen, versuchte etwas Dampf aus der Diskussion zu nehmen. Sie machte deutlich, dass das Wachstum in der Landwirtschaft politisch gewollt sei, um die Preise für Lebensmittel niedrig halten zu können. Außerdem seien es die großen Lebensmittelkonzerne, die den Preis bestimmen und enormen Druck auf die Landwirte ausüben. Ein Landwirt müsse unternehmerisch denken, sonst habe er keine Chance mehr, sagte Bernhart und fügte an, dass ein Hühnerstall, der nach modernem technischem Stand gebaut wird, nicht zwingend eine Geruchsbelästigung mit sich bringe. Die Verbraucher sollten zur heimischen Landwirtschaft stehen, appellierte Hildegard Bernhart, und Hühner seien auf jeden Fall besser, als noch mehr Milch. „Hut ab, vor jedem jungen Landwirt, der in dieser Form investiert.“ Marc Preiser, der selber einen großen Legehennenstall in Bonndorf betreibt, berichtete, dass Geruch und Lärm durch die Hühner nicht so schlimm seien, wie hier befürchtet. Er lud alle Bedenkenträger dazu ein, auf seinen Hof zu kommen und zu riechen und zu hören. „Schade, dass bislang niemand Interesse an einem Vor-Ort-Termin gezeigt hat.“