Wie erlebten Sie die ersten Wochen der Corona-Krise?

Zu Anfang der Corona-Krise war die Verunsicherung auch bei uns sehr groß. Viele waren unschlüssig, ob sie überhaupt noch ins Ausland können oder die Grenzen bei der Rückkehr geschlossen sein würden. Auch unsere Mitarbeiter und Fremdarbeiter aus dem Ausland hatten den dringenden Wunsch, ihre Familien besuchen zu können. Wir sind froh, dass diese jetzt wieder in ihre Heimat fahren dürfen, ohne zwei Wochen anschließende Quarantäne.

Marie Luise Adler
Marie Luise Adler | Bild: Martha Weishaar

Welche Maßnahmen haben Sie fürs Erste ergriffen?

Wir haben unseren Mitarbeitern schnellstmöglich zu erklären versucht, wie der Betrieb während der Corona-Krise weiterlaufen kann. Dabei haben uns die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts und erweiterte Ausarbeitungen unserer Branchenverbände wie dem Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie sehr geholfen. Beide gaben uns wichtige Hinweise, wie wir die gesetzlichen Vorgaben in unserem Unternehmen umsetzen konnten. Wesentlich war die dringende Empfehlung zur sofortigen Schließung der Kantine und anderer Gemeinschaftsräume und -plätze. Es war jedoch schnell klar, dass unsere Mitarbeiter weiter die Möglichkeit haben mussten, Mahlzeiten zu sich zu nehmen und sich auszuruhen. Pausenzeiten wurden verschoben und teilweise etwas gekürzt. Mit zwei zusätzlichen Arbeitskräften in unserer Kantine stellten wir von Selbstbedienung auf Servicebetrieb um.

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hatte die Corona-Krise bisher auf Ihr Unternehmen?

Zu Beginn hatten wir eine extrem hohe Auftragslage, die im nächsten Augenblick stark fiel. Das hatte leider auch einen Verlust an Lebensmitteln zur Folge. Die regionale Gastronomie fiel nach der Schließung schlagartig aus, genauso wie die Schweizer Kundschaft. Schlachtungen reduzierten wir auf die Hälfte. Schnelle Nachfrageschwankungen von frischem Fleisch und Fleischwaren waren demzufolge schwierig zu disponieren. Zudem haben die unterschiedlichen weltweiten Verläufe der Corona-Krise großen Einfluss auf unseren Rohstoffmarkt.

Wie entwickelte sich der Krankenstand in Ihrem Unternehmen?

Zu Beginn der Corona-Krise waren unsere Mitarbeiter verunsichert, vor allem Pendler aus dem Elsass, die in unserem Schinkenhof Achern beschäftigt sind. In der ersten Märzhälfte kam es daher zu überdurchschnittlich hohen Krankenständen, die leider genau in die Zeit der ersten Hamsterkäufe fielen, in denen unser Auftragsvolumen fast nicht zu schaffen war. Seit April haben sich die Krankmeldungen wieder auf ein erfreulich niedriges Niveau eingespielt.

Wie viele Fremdbeschäftigte sind bei Ihnen tätig?

In Bonndorf beschäftigen wir insgesamt 61 Leiharbeitnehmer. Weitere zehn Personen haben einen Werkvertrag. Im Schinkenhof Achern sind ebenfalls acht Leiharbeitnehmer beschäftigt.

Gab es diese Beschäftigungsform in der Fleisch verarbeitenden Industrie schon immer?

Der Beruf der Kopfschlächter ist sehr alt und war Vorläufer aller weiteren Entwicklungen der Akkordarbeit. Ein selbstständiger Kopfschlächter wurde pro Stück geschlachtetem Nutztier bezahlt. Übrigens ein hoch angesehener Beruf, vor den Kopfschlächtern hatte man Respekt. Die heute dafür bekannte Form ist der Werkvertrag. Der Kopfschlächter erhält also über einen solchen Werkvertrag den Auftrag, selbstständig eine bestimmte Menge zur vereinbarten Zeit und Qualität sowie an einem vereinbarten Ort auszuführen. Unser Unternehmen vergibt wenige Arbeiten in Form von Werkverträgen, lediglich das Zerlegen und Zuschneiden für Schwarzwälder Schinken und weitere Schinkenprodukte. In unserer Schinkenzerlegung gibt es noch wenige selbständige Einzelunternehmer. Sie sind auch andernorts tätig oder betreiben eine Landwirtschaft.

Und wie verhält es sich mit Leiharbeitnehmern?

Leiharbeiter führen die gleiche Arbeit aus wie eigene Angestellte und werden nach geleisteten Stunden bezahlt. Unsere Führungskräfte sind in der Verantwortung, Leiharbeiter wie eigene Mitarbeiter zu behandeln.

Weshalb beschäftigen Sie Leiharbeiter in Ihrem Unternehmen?

Hauptsächlich, um im Saisongeschäft flexibel auf Auftragsspitzen reagieren zu können. Es ist in jüngerer Vergangenheit für uns aber auch zunehmend schwierig geworden, genügend Mitarbeiter aus der Region zu gewinnen. Das Akquirieren von Personal aus dem Ausland wiederum ist sehr aufwändig und nicht unsere Hauptaufgabe. Mit der Vermittlung von Leiharbeitskräften wird uns diese Aufgabe abgenommen. In den vergangenen Jahren haben wir übrigens einen großen Teil unserer „neuen“ Mitarbeiter aus der Leiharbeitnehmerschaft übernommen. Während das in den Anfangsjahren vornehmlich Frauen und Männer aus Russland sowie anderen GUS-Staaten waren, kommen inzwischen mehr aus osteuropäischen Ländern, insbesondere Polen. Die polnischen Mitbürger stellen inzwischen einen beachtlichen Teil der Bevölkerung in Bonndorf. Viele haben hier ihre neue Heimat gefunden und gerade junge Familien entscheiden sich, für immer hierzubleiben. Das freut mich.

Welche Auswirkungen erwarten Sie, wenn ab Januar 2021 nach der Forderung des Bundesarbeitsministers nur noch Betriebsangehörige schlachten und Fleisch verarbeiten dürfen?

Sicher wird es einschneidende Veränderungen geben, die hoffentlich mit viel Sachverstand diskutiert werden und zu einer besseren Zukunft und vor allem zu einem besseren Image der Fleischbranche führen. Es wird rechtlich hart diskutiert werden müssen, ob die momentan geplanten Änderungen dieser Beschäftigungsform ausschließlich für die Fleisch verarbeitende Industrie gelten kann. Ich denke, dass es immer irgend eine Art der Dienstleistung in diesem Bereich geben wird, sei es nur die Vermittlung. Die große Herausforderung werden schwankende und kurzfristig zu bearbeitende Auftragslagen sein. Die turbulenten Veränderungen im Weltmarkt Fleisch halten uns jedenfalls ganz schön auf Trab.

Wie sind Ihre Fremdbeschäftigten untergebracht?

Um die Wohnungen unserer Werkvertragsarbeiter und Leiharbeitnehmer kümmern sich unsere Dienstleistungsfirmen. Teilweise können wir mit betriebseigenen Unterkünften aushelfen. In unseren eigenen Unterkünften legen wir Wert darauf, dass sich die Bewohner wohlfühlen und die Wohnungen angemessen ausgestattet sind. Seit der Corona-Krise sind wir diesbezüglich noch stärker im Austausch mit unseren Dienstleistungspartnern. Wir legen Wert darauf, dass auch die Fremdarbeiter diesen direkten Kontakt spüren. Es gibt bei uns keine zwischengeschalteten Subunternehmer, welche die Kommunikation oder den Einblick in die Wohnsituation behindern.

Hatten Sie bisher Fälle von Covid-19-infizierten Mitarbeitern?

Glücklicherweise hatten wir noch keinen nachgewiesenen Fall bei unseren Mitarbeitern. Bei einem fast Covid-19 freien Landkreis bin ich auch zuversichtlich, dass wir diesen Status zunächst beibehalten können. Die Urlaubszeit könnte vielleicht noch einmal ein Risiko mit sich bringen.

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