Herr Schneider, Herr Binninger, sparen lohnt sich nicht mehr. Negativzinsen auf Geldanlagen sind derzeit keine Seltenheit mehr. Müssen Sparer befürchten, dass auch die Sparkassen Negativzinsen erheben?

Schneider: Die Gesamttendenz in der Finanzwirtschaft geht klar in Richtung Negativzinsen, auch für Privatkunden. Wir stemmen uns dagegen, weil wir sagen: Was für eine absurde Welt. Wir heißen Sparkassen, unsere tiefste Wurzel, die wir haben, ist die sichere Aufbewahrung von Ersparnissen. Jetzt stehen wir vor solch einem abnormen Zwang, den uns die Geldpolitik aufgedrückt hat. Das ist ein Trauerspiel und die Kehrseite der hochexpansiven Geldpolitik, in der wir jetzt schon fast zehn Jahre stecken. Es gibt nur einen Grund für diese Geldpolitik, die wir sehr kritisieren, und das ist die Ermöglichung dieser exorbitanten Staatsverschuldung. Durch die Pandemie ist die Staatsverschuldung noch einmal in eine ganz neue Dimension geschossen. Ich verstehe, dass der Staat in der Pandemie so reagiert hat. Und dass unsere heimische Wirtschaft bislang so gut durch die Pandemie gekommen ist, ist maßgeblich dieser hohen Staatsintervention zu verdanken. Dennoch, die hohe Verschuldung, auch auf europäischer Ebene, ist der Hintergrund, dass die Europäische Zentralbank das Rad nicht zurückdrehen kann und will. Der Druck auf den Zins bleibt hoch, ebenso der Zwang der Finanzwirtschaft – wir stellen uns so gut es geht dagegen. Meine Prognose ist, dass sich der Druck hin zu Negativzinsen noch verstärken wird, auch für Privatkunden. Wir als Sparkassen sind die Letzten, die Negativzinsen erheben werden, und zwar nur dann, wenn wir nicht mehr ausweichen können. Dankbar bin ich da für ein Haus wie die Sparkasse Bonndorf-Stühlingen, das sagt: Wir machen das, solange es geht, nicht.

Wie sieht die Situation bei der Sparkasse Bonndorf-Stühlingen aus?

Binninger: Wir wehren uns dagegen, Kunden für ihre Geldeinlagen zu bestrafen und nehmen dafür selbst viel Geld in die Hand. Wir zahlen seit 2014 für rund 150 Millionen Euro Einlagen Negativ-Zinsen an die EZB, also fast eine Million Euro pro Jahr. Damit könnte man in der Region für Unternehmen, Vereine und für die Struktur viel Positives machen. Gewinnt jemand eine Million im Lotto, freue ich mich. Bringt er das Geld zu uns, freue ich mich auch. Werden wir aber mit Geld geflutet, haben wir ein Problem. Dann muss man im einen oder anderen Fall eventuell reagieren.

Schneider: Die Menschen bringen uns das Geld, weil sie Sicherheit suchen. Derzeit verzeichnen wir einen Anstieg der Spargelder von acht Prozent innerhalb eines Jahres. Früher haben wir um jeden Euro gekämpft, heute denkt man, hoffentlich läuft der Millionär mit seinem Koffer vorbei. Soweit ist es gekommen. Geld ist zu einer heißen Kartoffel geworden – das ist verrückt.

Wie sieht es mit den Kredit-Zinsen aus. Online-Banken werben hier mit negativen Zinssätzen. Wie stehen die Sparkassen dazu?

Schneider: Das ist für mich schlicht unvorstellbar. Das wäre, wie wenn ich zum Bäcker gehe und sage, ab morgen gibst du mir den Wecken und die Brezel umsonst und außerdem noch 50 Cent dazu. Kein Geschäftsmodell kann vom Verschenken leben. Das geht nicht, nirgendwo in unserer Wirtschaft. Das sind unseriöse Lockangebote, die meistens mit anderen Verpflichtungen verbunden sind. Wir machen das nicht, es geht auch definitiv nicht. Unser Rechtssystem ist so aufgebaut, dass Geld seinen Preis hat und das hat seit Jahrhunderten gut funktioniert.

Binninger: Mitte der 60er Jahre mussten noch zwölf Prozent Zinsen für einen Immobilienkredit bezahlt werden. Wir beginnen jetzt mit Zinsen ab 0,75 Prozent. Wer sich 0,75 Prozent nicht leisten kann, der sollte noch etwas sparen und Rücklagen schaffen.

Die Corona-Pandemie wird mit unzähligen Milliarden bekämpft. Treibt das die Inflationsrate nach oben?

Schneider: Die Geldmenge sollte immer in Relation stehen zu dem, was erwirtschaftet wird. Jetzt ist die Geldmenge ein inflationärer Treiber. Zusätzliche inflationäre Schübe bringen Lieferschwierigkeiten, steigende Preise wie etwa beim Holz und beim Hausbau. Die Häuserpreise marschieren nach oben, werden umgelagert auf Mieten, all das gibt der Inflation Auftrieb. Die EZB hat sich zwei Prozent zum Ziel gesetzt – wir werden drüber kommen. Wie hoch, das sind Spekulationen. Fakt ist, wir haben einen inflationären Schub, das spürt jeder, der zum Beispiel eine Wohnung sucht oder ein Haus baut.

Was empfehlen Sie Kunden, die jetzt investieren wollen?

Schneider: Wichtig ist eine gute Beratung. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Zinsniveau in den nächsten 25 Jahren erhöht, ist nach wie vor groß, auch wenn es im Augenblick nicht so aussieht. Ob die Wertsteigerung von Immobilien entsprechend nach oben marschiert, ist fraglich. Wir raten den Kundinnen und Kunden, dass sie die aktuell niedrigen Kreditzinsen nutzen, um entsprechend zu tilgen – nicht unter drei Prozent. Dann wird man auch in der Lage sein, einen höheren Zins in 20 bis 25 Jahren zu verkraften.

Binninger: Das ist unser Credo. Wir konnten 257 Jahre alt werden, weil wir solide sind und fair.

Die Digitalisierung hat während der Corona-Krise Riesenschritte gemacht. Hat das im Umkehrschluss zur Folge, dass die Sparkassen Filialen schließen, weil viele Kunden auf Online-Banking umgestiegen sind?

Schneider: Unsere digitalen Kunden sind sehr zufrieden, dennoch wollen sie auch die Filialen. Der Kunde verlangt von uns alle Kanäle. Der Online-Bereich wird weiter wachsen, auch bei älteren Kunden. Aber bei der Beratung sucht man gerne eine Filiale auf. Viele Kundinnen und Kunden haben sich vorab online informiert, suchen aber noch einmal das Gespräch mit einem Berater, den man kennt und dem man vertraut. Man will ein Gesicht haben. Die wenigsten Leute sind Finanzexperten, wer will sich denn dauernd mit Geld beschäftigen, es gibt schönere Sachen auf der Welt.

Sie stehen also zu den Filialen, die finanziell gesehen sehr aufwendig zu erhalten sind?

Schneider: Die Sparkassen sind Qualitätsanbieter. Wir können keinen Preiswettbewerb mit Online-Plattformen gewinnen, weil unser Geschäftsmodell teuer ist. Das muss man in aller Offenheit sagen. Wir bezahlen unsere Beschäftigten nach deutschem Tarif, andere Anbieter im Internet betreiben Callcenter im Ausland. Wir zahlen Steuern hier, wir fördern die Vereine, wir sind präsent und haben höchste Sicherheitsvorkehrungen im IT-Bereich für jeden einzelnen Kunden. Wir können und wollen nicht der Billigste sein. Unser Anspruch ist es zudem, für alle da zu sein. Ein Beispiel: 95 Prozent der Flüchtlingskonten sind bei uns, obwohl es jede Bank einrichten müsste, aber viele reichen wirtschaftlich uninteressante Kunden gerne an die Sparkassen weiter. Ja, unsere Filialen sind teuer, aber für uns auch wichtig, sie gehören zu unserem Wesenskern. Wir haben gut 1450 personenbesetzte Filialen in Baden-Württemberg. Wobei es auch bei uns eine leicht abnehmende Tendenz gibt. Es muss schon eine bestimmte Kundenfrequenz da sein, um eine Filiale aufrechtzuerhalten. Die Mitarbeiter wollen sich auch nicht den ganzen Tag die Füße in den Bauch stehen, bis endlich mal jemand kommt. Wir werden immer Filialen haben, davon bin ich überzeugt. Die Dichte wird aber vielleicht abnehmen. Wir diskutieren aber auch sehr unverkrampft mit unserem Hauptwettwerber, den Volks- und Raiffeisenbanken, über alle Möglichkeiten, die gut für die Kunden sind, zum Beispiel, ob wir nicht in dem einen oder anderen kleinen Ort gemeinsam eine Filiale betreiben können.

Binninger: Die Onlinequote bei Privatkunden liegt in unserem Geschäftsgebiet bei 61 Prozent, bei Gewerbekunden bei 83 Prozent. Online-Banking mit all unseren zusätzlichen Angeboten gewinnt an Bedeutung. Wenn wir feststellen, dass eine Filiale nicht mehr genutzt wird, müssen auch wir so konsequent sein und Öffnungszeiten reduzieren oder schließen.