Herr Miller, wer Sie auf der Bühne gesehen und erlebt hat, kennt der oder die auch Sie?

Es gibt Kollegen, die tatsächlich glauben, sie spielen eine Rolle. Das ist putzig. Wenn das so wäre, dann könnte man sich dahinter toll verstecken, oder sich ganz anders aufführen, als man wirklich ist. Dann wären Kinski, Sumouncu und ich privat vielleicht tatsächlich in Ordnung. Schade! Weil schön wäre, das ja schon auch, aber irgendwie kann man da nix machen (grinst).

Der Rolf Miller auf der Bühne, Arme verschränkt, breitbeinig sitzend, schwadroniert scheinbar zusammenhanglos mit 50-prozentiger Halbsatzgarantie. Wie viel Inhalt hängt zwischen den Zeilen?

Ich hoffe, ein Makro im Mikrokosmos der dezimierten Beschränktheit. Wenn ich ganze Sätze statt halbe spräche, klänge das dann so: Die Frau hat einen Mangel an Untergewichtsüberschuss. Auch hier wäre nicht sofort klar, was los ist. Selbstverständlich könnte es sich aber auch um einen Mann handeln. Der Gag ist mir immer wichtiger als das Geschlecht. Wenn gleich mann/frau aber die anderen, also genderdings, diskriminiert, für die der Gag selbstverständlich auch funktioniert.

Das könnte Sie auch interessieren

Wer mir einfällt als ein früher Meister der scheinbar spontanen, angedeuteten Aussagen – allerdings wild herumlaufend – ist Dieter Hildebrandt. War der für Sie ein Vorbild?

Eher war sein Vorbild für mich ein Vorbild, Werner Finck. Das ist jetzt sehr gemein, dass ich das so sage, gell? Obwohl, ich glaube eher, dass Hildebrandt den Hänger kultiviert hat, nicht das Unausgesprochene. Das macht vielmehr Gerhard Polt am Anfang einer Nummer, oft sehr ausschweifend. Ich ziehe das aber komplett durch – dürfte das aber ruhig noch viel mehr machen. Es gibt also noch viel zu tun, also äh wegzulassen. Es gibt eine ganz tolle Finck-Parodie von Mathias Richling, wo sich Finck fragen würde, seit wann er Richling so gut nachmachen kann.

Warum bleiben Sie stationär auf Ihrem Stuhl?

Ich glaube, das zwingt die Figur mir auf. Stünde ich, rennte ich, verriet mich, fürchterlich. Das Zappeln und Hampeln würde der Figur, die ich nur spiele, schaden, mich eher privat verraten als der ADHS-Neurotiker, der ich bin oder glauben Sie mir nicht, dass ich die Rolle nur spiele!

Fällt es Ihnen manchmal schwer, sich solchermaßen auf das Maximum zu reduzieren?

Die ersten Vorpremieren schon. Wenn man dann aber merkt, dass das so viel stimmiger ist, freut man sich geradezu auf diese Stellen, wo es eben anfangs kaum auszuhalten war. Denn wenn‘s eingespielt ist, genießt man die Pausen, und weiß: Das macht‘s ja gerade erst aus!

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen ihrem gesprochenen Wort und der Figur auf der Bühne?

Ich ziehe die Figur verbal am Ring durch die Manege, beziehungsweise um den Stuhl herum.

Kann man für solche Abende überhaupt einen Text schreiben?

Kaum etwas ist improvisiert und da spreche ich für 99 Prozent aller Kollegen. Das Eine lassen wir mal weg, damit sich keiner angesprochen fühlen muss. Aber das berühmte „spontane Improvisieren“ gibt es meiner Meinung nach so sehr wie Demokratie in Russland, den USA oder in der Tierwelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Verändert sich der Text mit dem Publikum oder der aktuellen Situation?

Nur bei echten Hängern. Die kann man sich ja schon mal spontan vorbehalten – wobei tatsächlich auch mal bei sowas was Tolles entstehen kann. Wenn man sich‘s merken kann, bleibt‘s drin.

Sie haben Verwaltungswissenschaften in Kehl studiert. Wäre Bürgermeistersein auch etwas für Sie gewesen?

Bei meinen Inselbegabungen mit Kernkompetenz Ungeduld hätte ich es maximal zum Hausmeister des Bauhofs gebracht.

Beim Folktreff werden Sie eine der ersten Veranstaltungen vor im Saal sitzendem Publikum, seit Beginn der Pandemie, haben. Allerdings sitzen die Menschen auch in großen Abständen. Welche Erwartungen haben Sie?

Ich habe Autokinos gemacht. Nennen Sie mich Mad Max. Wer auf dem Gebrauchtwagen-Markt Text geübt hat, also stundenlang auf Parkplätzen heimisch wurde, den haut nix mehr um.

Wie waren für Sie Auftritte in Autokinos?

Ich habe den Stau kultiviert und ich möchte dafür auch den Iffland Ring. Die Auftritte waren tatsächlich überhaupt nicht so, wie man eventuell denkt, oder wie ich es auch befürchtet habe. Es war eine Stimmung wie im Schwimmbad, oder im Zeltlager, und es wurde auch nur zur Begrüßung gehupt. Während der Show war es sogar fast rührend still ich habe extra auch drei kurze Einspieler gemacht und somit irgendwie Kino produziert.

Das könnte Sie auch interessieren

Haben Sie sich von der Politik unterstützt gefühlt?

Moralisch auf jeden Fall. Und auch geistig. Sowie auch intellektuell. Und wie dann die Politik die Kultur auch noch vergaß anzusprechen, um nicht zu stören, aus Empathie – Hut ab. Eine Sternstunde der Monate! Das Bemerkenswerte an der Frage, ist die Vergangenheitsform. Aber ich bin auch froh, dass dieses Covidgedöns vorbei ist. Nee, ohne Scheiß, die Lufthansa ist schon wichtiger als das Bühnenklump (grinst).

Welche Hoffnungen haben Sie für Ihr Genre in Zukunft?

Dietmar Hopp. Logisch. Oder halt irgendein anderer Sportsfreund mit Impfstoff. Die größte Hoffnung ist, dass Drosten weniger redet und mehr Impfstoff findet. Obwohl, so ein Hygieneabstand, Mundschutz, Masken das hat auch viel Gutes.