Karin und Benno Benneter waren überzeugte Stadtmenschen und Globetrotter. Vom Leben auf dem Land hatten sie überhaupt keine Ahnung, als sie vor 40 Jahren zufällig in Boll strandeten. In einem alten Bauernhaus wurden sie dort erstmals mit Tierhaltung und Gartenarbeit konfrontiert. „Wir waren Vegetarier, legten Wert auf biologische Ernährung, hatten aber keine Ahnung vom Gärtnern oder Tierhaltung. Mit der Zeit sind wir in all das reingewachsen, ganz nach der Devise ‚Learning by Doing‘. Längst essen wir auch wieder Fleisch – allerdings fast ausschließlich von unseren eigenen Ziegen“, fasst Karin Benneter den durchlebten Wandel zusammen.

Eine mehrköpfige Ziegenfamilie tummelt sich auf einer großen Wiese vor dem Haus.
Eine mehrköpfige Ziegenfamilie tummelt sich auf einer großen Wiese vor dem Haus. | Bild: Martha Weishaar

Mit einer Sense wurde zu Anfang das Gras gemäht. Heu für die Schafe und Ziegen wurde auf einem Holzleiterwagen eingebracht. Gemeinsam mit den Mitbewohnern ihrer Wohngemeinschaft führten die Beiden den einstigen Hausgarten des Anwesens Schritt für Schritt wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zu.

Gerätschaften waren kaum vorhanden. Übrige Gartengeräte von Nachbarn wurden dankbar angenommen. Ebenso die Ratschläge der Dorfbewohner, die über Generationen wissen, welche Fleckchen in Boll am besten für Gemüseanbau geeignet sind. „Die Erde im ursprünglichen Hausgarten ist locker und humusreich. Später haben wir einen weiteren Garten angelegt, da war der Boden deutlich steiniger und auch lehmhaltiger“, erzählt das Ehepaar.

Die Vielfalt des Kräutergartens verleiht jedem Essen eine individuelle, schmackhafte Note.
Die Vielfalt des Kräutergartens verleiht jedem Essen eine individuelle, schmackhafte Note. | Bild: Martha Weishaar

Westlich des Hauses wiederum stießen sie bei einer erneuten Gartenerweiterung wieder auf gute Erde. Somit haben sie Standortvielfalt für alles gängige Gemüse. Tomaten, Paprika, Peperoni und Kopfsalat ziehen die Hobbygärtner schon früh im Jahr in den Gewächshäusern heran. Mindestens acht verschiedene Kartoffelsorten decken den Ganzjahresbedarf – weiße, lilafarbene, rote und sogar schwarze, deren Saatknollen Freunde aus Peru mitgebracht haben. Von A – wie Aubergine – bis Z – wie Zucchini – pflanzen Karin und Benno Benneter alle denkbaren Gemüsesorten an.

Die reiche Auswahl

Für Experimente sind sie offen. Etwa für Spaghetti-Bohnen, die bis zu 60 Zentimeter lang werden. Vielfalt herrscht auch im Kräutergarten. Mit Hochgenuss wird im Frühjahr der erste frische Blattspinat gekostet. Tomaten fehlen so gut wie nie auf dem Speiseplan, im Sommer frisch, im Winter getrocknet oder passiert. Und auch hier sind von gelben über rote bis hin zu fast schwarzen Sorten so ziemlich alle vertreten, egal ob im Gewächshaus, Garten oder in Kübeln an geschützten Standorten.

Die Erfahrung

„Der Geschmack frisch geernteter Tomaten ist unvergleichlich“, konstatiert Benno Benneter – und man beneidet ihn fast um diesen Genuss. „Mein liebstes Gemüse sind Erbsen, etwas Besseres gibt‘s für mich nicht“, schwärmt hingegen seine Ehefrau. Egal, um welches Gemüse es sich handelt, frisch geerntet ist jedes Aroma unschlagbar. Gedüngt wird in Benneters Garten ausschließlich mit gut abgelagertem Kompost und Ziegenmist. Zwei bis drei Jahre ruht dieser, ehe er in die Beete ausgebracht wird. Die Erde im Garten wird nicht umgegraben, sondern mit einer Grabgabel gelockert. „Wir haben ein paar Geräte, die unverzichtbar sind, wie diese Sternhacke hier. Die lockert und jätet in einem“, erklärt Benno Benneter die Gerätschaften.

Die Arbeit

Er und seine Frau teilen sich die Arbeit. Der passionierte Holzkünstler baut Einfassungen für die Beete und erledigt die Bodenbearbeitung, sie übernimmt vorwiegend das Säen, Pflanzen, Jäten und Ernten. Und die Pflege der Blumen, die ihr viel bedeuten. Richtig viel Arbeit fällt an, wenn Gemüse und Beeren getrocknet, eingefroren, entsaftet oder eingekocht werden müssen. Mittlerweile sind Karin und Rolf Benneter Experten und wissen genau, was in der Höhenlage von 760 Metern gedeiht und was nicht. Wobei sich infolge des Klimawandels einiges verändert hat. „Hier wachsen inzwischen Gemüsesorten, die früher undenkbar waren.“

Die Pause

Doch sie wollen nicht nur für ihren Garten leben. „Wir sind keine Perfektionisten, der Garten muss nicht wie geschniegelt aussehen, und schon gar nicht sind wir auf die Erntemenge fixiert“, sagen beide aus Überzeugung. „Ich spüre, dass mir Gartenarbeit nach einem langen Arbeitstag guttut. Das erdet mich im wahrsten Sinn des Wortes. Mir ist zwischenzeitlich auch bewusst, dass der Winter seine Berechtigung hat. Es braucht diese Auszeit“, sagt Karin Benneter. Einmal wöchentlich backt sie Brot – natürlich im eigenen Holzofen, aus Roggen und Dinkel von Demeter-Landwirten in der Region.

Die Entwicklung

Ihr Ehemann kümmert sich um die Ziegen und Hühner. Früher haben sie die Ziegen sogar gemolken und Käse hergestellt. Das war allerdings sehr viel Aufwand. Längst sind aus den einstigen Stadtmenschen überzeugte Landbewohner geworden. „Mittlerweile fühle ich mich in der Stadt sogar komisch. Ich brauche das Vogelgezwitscher und den Blick auf unsere Tiere und den Garten, wenn ich aus dem Haus komme“, bekennt Benno Benneter, der eigentlich Rolf heißt. Sowohl er als auch seine Ehefrau sind sich vollkommen bewusst, dass nicht jeder das Glück haben kann, an so einem privilegierten Ort zu leben. In Boll haben sie nur zwei unliebsame „Gäste“, die ihnen das Leben schwer machen: Schnecken und Wühlmäuse. Und selbst denen rücken sie nicht mit Chemie zu Leibe.