„Ich kann nicht nichts tun“, sagt der nun 65-jährige Werner Steiert. Damit ist schon viel gesagt über den Mitarbeiter des Bonndorfer Bauamts, der nun ins Rentenalter eintritt und nur noch diesen Wonnemonat Mai bei der Stadt angestellt ist. Theoretisch. Denn in der jüngsten nicht-öffentlichen Gemeinderatssitzung wurde durch das Votum des Gemeinderats der Bürgermeister ermächtigt, mit ihm über eine Weiterbeschäftigung für zwei Wochentage zu verhandeln.

Motivation

„Ich habe die Zeit und ich helfe den Kollegen gerne“, sagt Werner Steiert schlicht dazu. Gleichzeitig verweist er jedoch auf seine Reiseleidenschaft: „Ohne Corona wäre ich vermutlich in Südamerika, da war ich nämlich noch nie.“ Als Werner Steiert einst, 2002, ins Rathaus der Löwenstadt wechselte, war für ihn nichts so gewöhnungsbedürftig wie eine Amtsstube. Effizienz und Gewinnorientierung kannte er aus seinen vorherigen Arbeitsverhältnissen. Die im Verwaltungskontext ungewöhnlich zielstrebige Ergebnisorientiertheit des hiesigen Rathauschefs sei ihm schließlich zupass gekommen. Grundlage für die tägliche Motivation war das erarbeitete Vertrauen, das schier unglaubliche Entfaltungsmöglichkeiten bei der Arbeit zugelassen habe und vor allem auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen. So stellt er heute fast verwundert fest, nirgends so lange gearbeitet zu haben wie im Bonndorfer Bauamt.

Die Anfänge

Gekommen ist er, als er für seinen Arbeitgeber mit dem damaligen Bauamtschef Jürgen Kaiser – heute Bürgermeister von Schluchsee – die Wasserversorgung der Region neu gebaut und in Folge auch die Satzung der Wasserwirtschaft umgestellt hat. „Das war sehr spannend damals, und deshalb ist in der Gemeinde heute Wasser kein Thema mehr. Alles läuft über die Gruppenwasserversorgung“, so Werner Steiert. Dies sei eines der spannendsten Projekte seiner Bauamtszeit gewesen. Geradezu dramatisch sei die Dachertüchtigung der Stadthalle gewesen, zu der Zeit, als in Bad Reichenhall eine Halle unter der Schneelast zusammenbrach, was Menschenleben forderte. Auf das Bonndorfer Flachdach drückten ähnliche Lasten – darunter war ein Träger angesägt. Als das nervigste Projekt benennt er die Abbrucharbeiten auf dem Studer-Areal – wegen der zuarbeitenden Firma.

Zusammenarbeit

Über seine Kollegin Nicole Messerschmid, die jüngst das Bonndorfer Rathaus verlassen hat, sagt Werner Steiert: „Nicole und ich haben schon wahnsinnig effizient gearbeitet.“ Tatsächlich ist unter ihren Fittichen etwa die Ausweisung von Baugebieten in Monaten erfolgt, wofür anderenorts teilweise Jahre gebraucht werden. Einen ewigen Kampf um schnelles Internet hat man in der Abteilung geführt. Jahrelang gequält von „Auftragsverhinderungsangeboten der Telekom“, wie Steiert sie nennt, setzten die Beiden nach Marktversagen schließlich eine eigene Planung für das Bonndorfer Breitbandnetz auf. „Die ist zu 95 Prozent übernommen worden“, freut sich Werner Steiert. Dorfsanierungen, Kanalisation für Ebnet, Stadtsanierung und Stadthallensanierung sind in ihre Ägide gefallen.

Vielseitig

Fast immer kamen Planung – wofür in anderen Gemeinden zumeist externe Ingenieurbüros beauftragt werden – und immer Zuschussanträge und Abrechnung aus dieser Amtsstube. Werner Steiert fungierte – ganz nebenbei – als Bauleiter, wohlgemerkt im Hoch- und auch im Tiefbau. „Ich gehöre diesbezüglich sicher zu einer aussterbenden Art“, gibt er selbst zu. Kein Wunder, dass solche offenen Stellen derzeit kaum nachbesetzt werden können. Weiterarbeiten mit einem geringeren Stundendeputat als Rentner im Unruhestand war für ihn also auch ohne die eventuelle Weiterbeschäftigung in Bonndorf immer eine Option.

Mit Humor

Klar hat sich bei allem Umtrieb im Bauamt ab und an etwas als unglücklich herausgestellt, etwa wenn eine bereits hergerichtete Straße wieder aufgerissen werden musste. „Wir haben uns dann gesagt – „zum Zeitpunkt der Entscheidung, war die Entscheidung richtig“, sagt Werner Steiert nicht ohne eine Portion Selbstironie. Planungskapriolen hätten sich allerdings im Vergleich zum Geschehen in der freien Wirtschaft – den er reichlich ziehen kann – in Grenzen gehalten.

Fernweh

Fernweh hatte ihn als jungen Familienvater nach Afrika, nach Tansania gezogen, wo in den vier Jahren seines Aufenthalts das zweite und dritte Kind zur Welt kamen. Mit den Menschen dort umzugehen, die oft in ihren Gesellschaften herausragende Positionen hatten, etwa Stammesführer waren, sei nicht immer einfach gewesen. Und dennoch glüht Werner Steiert vor Begeisterung, wenn er von den „wunderbaren Lehmziegeln“ erzählt, die nach dem Bau eines Wunderofens mit vielen Feuerstellen entstanden sind. Die Geschichte des Landes, der Regionen, der Menschen – oft nur mündlich überliefert – hat es ihm angetan. Und klar wäre er gerne länger geblieben, damals 1990, als die Familie sich zur Rückkehr in geordnete Kindergarten- und Schulverhältnisse entschloss.

Das Private

Daheim in Krenkingen wird Werner Steiert – wenn es wieder erlaubt ist – weiterhin den Bass singen im Männerchor. Die fünf Enkel „mit Aussicht auf mehr“, halten ihn auf Trab. „Der älteste gärtnert gern mit mir“, meint Werner Steiert und erzählt im Nebenbei von 80 Obstbäumen, die er selbst schneidet, von Säften und Most, die aus der Ernte entstehen. Er ist außerdem Meister einer Rosenpracht, die er fachmännisch hegt und pflegt. Und er freut sich, dass seine Ehefrau die Reiselust mit ihm teilt, der die Beiden in allen Formen frönen, unter anderem in einem 30 Jahre alten VW-California.

Stationen im Leben

Werner Steiert hat nach seiner Bauzeichnerlehre „auf dem Bau gejobbt“, woraus der Abschluss einer Maurerlehre als Innungssieger hervorging. Es folgten Fachabitur und Technikerausbildung, eine Anstellung bei einer Ulmer Baufirma und eine bei der Drogeriekette Schlecker, wo er in der Geschäftsleitung zuständig war für rund 100 angestellte Handwerker und die von ihnen einzurichtenden neuen Läden, seinerzeit wöchentlich fünf bis zehn. 29 Jahre alt war er, als er via Entwicklungshilfe nach Tansania kam, um für Misereor und das zuständige Bundesministerium in Songea Infrastruktur aufzubauen. Nach der Rückkehr 1990 war er für insgesamt zwölf Jahre bei zwei verschiedenen Ingenieurbüros beschäftigt, bevor er 2002 nach Bonndorf ins Bauamt kam.

Projekte

Die Bonndorfer Bau-Liste von Werner Steiert ist lang, zig Millionen Euro sind im Laufe der Jahre über seinen Schreibtisch gelaufen, von Baugebieten über die Stadtsanierung zur Stadthallensanierung, Dorferneuerungen in Wellendingen, Holzschlag, Gündelwangen, dem Bürgerhaus in Wellendingen, Kläranlageninvestitionen, Kindergarten­um- und -neubauten, Schulsanierung, Bushaltestellenverlegung, Nahwärmenetz und Glasfasernetzplanung, um nur einige zu nennen.