Jessica Fechtig hätte mit ihrem guten Abitur viele Möglichkeiten gehabt, irgendetwas zu studieren. Einer ihrer Lehrer meinte, sie gäbe bestimmt eine hervorragende Sozialpädagogin ab. Doch Jessica Fechtig wählte nach verschiedenen Berufspraktika ganz bewusst einen völlig anderen Weg. Die 24-Jährige ist Konditorin – mit Leidenschaft und aus Überzeugung.

Eine Berufung

„Ich finde, man sollte den Beruf ergreifen, zu dem man sich berufen fühlt und nicht irgendeinen beliebigen Job. Ich wollte auf keinen Fall am Schreibtisch sitzen, sondern ein Handwerk lernen. Dass diese Arbeit körperlich anstrengend ist, hat mich überhaupt nicht abgeschreckt. Und Geld allein sollte nicht ausschlaggebend sein. Lieber mache ich etwas, das mir Spaß macht mit Herzblut, als dass ich nur darauf schaue, wie viel ich verdienen kann“, fasst die 24-Jährige ihre Beweggründe zusammen. „Außerdem kann man in jedem Beruf gut verdienen, wenn man sich höhere Ziele setzt.“

Nachteile auf den ersten Blick

Nicht viele junge Menschen möchten das Konditorhandwerk erlernen, birgt dieser Beruf doch auf den ersten Blick ziemlich viele Nachteile. Die Arbeitszeiten beginnen wochentags um halb fünf oder 5 Uhr früh, am Samstag sogar schon um Mitternacht. Im ersten Lehrjahr gibt es monatlich 350 Euro und auch als Geselle kann man in einer Backstube keine Reichtümer aufhäufen. All das stört Jessica Fechtig nicht. Ein informatives Gespräch mit einer Konditormeisterin aus dem Dorf bestärkte sie in ihren Überlegungen.

Spaß

„Ich habe schon als Kind gerne und oft mit meiner Oma gebacken, das machte mir immer viel Freude. Oma sagte damals schon: ‚Aus dir wird bestimmt mal eine Bäckerin‘.“ Als das Abi­tur näher rückte, wusste Jessica Fechtig zunächst nicht so recht, wie ihre berufliche Zukunft aussehen sollte. Zudem wollte sie erst einmal mit einer Freundin Kanada und Amerika erkunden.

Aha-Effekt

Auf einer Farm lernte sie dort ein Leben ohne Handy und Internet kennen. „Da konzentriert man sich viel mehr auf das Hier und Jetzt. Wir haben sogar wieder angefangen, alte Spiele zu spielen“, beschreibt sie den Aha-Effekt dieser Zeit. Klarheit brachte ihr ein Praktikum in ihrem späteren Ausbildungsbetrieb. Bereits nach wenigen Tagen kristallisierte sich dabei heraus, dass Konditorin genau das war, was sie machen wollte.

Skepsis

Ihr Vater sei anfangs skeptisch gewesen, ob dies das Richtige für sie sei. Sie habe viel mit ihm geredet, über seine Denkanstöße sowie den Einwand hinsichtlich schlechter Verdienstmöglichkeiten nachgedacht. All das habe ihr dabei geholfen, persönliche Ziele klar zu definieren. „Seit mein Vater sieht, wie glücklich ich in diesem Beruf aufgegangen bin, bestärkt er mich. Meine Eltern haben mir immer schon große Unterstützung zukommen lassen“, sagt Jessica Fechtig. Schulkameraden und Freunde seien von ihrer Berufsentscheidung total begeistert gewesen. Zuweilen erlebe sie beim Gespräch mit Gleichaltrigen über Berufe sogar eine überaus hohe Wertschätzung für ihrem soliden Handwerksberuf.

Klar musste sie sich erst daran gewöhnen, acht bis neun Stunden auf den Beinen zu sein, in der heißen Backstube zu schuften oder schwere Backbleche zu hieven. All das macht ihr längst nichts mehr aus. Sogar den nächtlichen Fahrten zur Arbeit, wenn keine Menschenseele unterwegs ist, kann sie Schönes abgewinnen. „Ich sehe Füchse, Dachse oder große Nachtvögel, die man tagsüber niemals sehen würde.

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Es ist immer wieder spannend, so in den Tag hinein zu fahren. Im Winter ist es allerdings manchmal eine Herausforderung, so mitten in den Schneeräumfahrzeugen, oder wenn umgestürzte Bäume auf der Straße liegen“, erzählt die Frau. Die übrigens ihren Arbeitszeiten viel Positives abgewinnen kann. „Ich habe montags frei, da sind Schwimmbäder oder Skilifte nicht so überlaufen. Und nach Feierabend, am Nachmittag, kann ich viele Dinge tun, die bei anderen Arbeitszeiten nicht möglich wären.“

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Doch all das ist nebensächlich. In der Backstube der Lenzkircher Konditorei Roters ist sie glücklich, kann sich verwirklichen, während sie Gebäck, Kuchen, Torten, Eis oder Pralinen herstellt. Am liebsten garniert sie Torten, sei dies zu bestimmten Anlässen oder nach freien Motiven. Beim Standardsortiment muss Jessica Fechtig ihre Fantasie zügeln, da sind Rezeptur und Aussehen genau festgelegt. Darüber hinaus gibt es jedoch viel Spielraum, Neues auszuprobieren.

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Und das macht die Konditorin mit Herzblut und Leidenschaft. Ihr Chef lässt sie gewähren, ermutigt sie sogar. Zum November hat sie sich in der Meisterschule eingeschrieben. „Ich will das schnellstmöglich durchziehen und dann weitere Berufserfahrung sammeln“, formuliert Jessica Fechtig klare Ziele. Die könnten eines Tages in der Selbstständigkeit münden. „Ich sehe für Qualitätskonditorware durchaus eine Zukunft. Es gibt viele Kunden, die großen Wert auf gute Qualität legen und dann auch bereit sind, den entsprechenden Preis dafür zu bezahlen“, zeigt sich die Konditorin überzeugt.