Unwetterkatastrophen reihen sich in diesen Zeiten des weltweiten Klimawandels in immer kürzeren Abständen aneinander. Landwirte in Boll traf es besonders hart, als Hagel im Juni nahezu die komplette Ernte vernichtete. Das weckt Erinnerungen an ein Unglück, welches vor 100 Jahren das Dorf erschütterte.

Die Tragödie

Ein heftiges Gewitter tobte vor 100 Jahren über den Feldern von Boll und forderte vier Todesopfer, allesamt Kinder von Olivia und Johann Schneider. Ein Gedenkstein am Verbindungssträßchen nach Tiefental erinnert noch heute daran. „Zur frommen Erinnerung an die Geschwister Stefania, Eugen, Wilhelm und Elisabeth Schneider von Boll, durch Blitzschlag getötet am 20. Juli 1921. Es ist nicht weit zur Ewigkeit, um 2 Uhr gingen wir fort, um 5 Uhr waren wir dort“, so ist auf einer Tafel, eingelassen in einem wuchtigen Granitstein, zu lesen.

Vier Geschwister aus Boll wurden vor 100 Jahren durch einen Blitzschlag getötet. Ein Granitstein am Ort des Unglücks erinnert am Verbindungsweg nach Tiefental an die Tragödie.
Vier Geschwister aus Boll wurden vor 100 Jahren durch einen Blitzschlag getötet. Ein Granitstein am Ort des Unglücks erinnert am Verbindungsweg nach Tiefental an die Tragödie. | Bild: Martha Weishaar

Diese mahnenden Worte zeigten über Jahrzehnte hinweg Wirkung. „Wir hatten als Kinder größten Respekt vor Gewittern und wussten, dass wir niemals unter einem Baum Schutz suchen dürfen“, blickt Rita Müller auf ihre eigene Kindheit zurück. Ihre Mutter, Frida Baumgartner, hat die Erinnerungen an die Tragödie der Familie Schneider schriftlich festgehalten. Die Kinder seien zum Kirschenpflücken losgezogen. Zwei weitere Mädchen aus dem Dorf seien ebenfalls dabei gewesen.

Als das Gewitter heraufzog, seien diese nach Hause gelaufen. Zumal man im Dorf wusste, dass genau diese Gegend bei Gewitter gemieden werden sollte. Die vier Kinder der Familie Schneider, im Alter von vier, sieben, neun und zwölf Jahren, schafften es nicht mehr, vom Baum herunterzuklettern oder suchten unter dem Baum Schutz. Der genaue Sachverhalt lässt sich nicht nachvollziehen. Die Geschwister wurden vom Blitz getroffen. Frida Baumgartner weiß sogar noch, dass Karoline Binkert dereinst die vier Totenhemdchen für die Kinder nähte.

„Beerdigung der vom Blitzschlag getöteten Kinder der Familie Schneider 1921“ steht auf der Fotografie zur Beerdigung geschrieben.
„Beerdigung der vom Blitzschlag getöteten Kinder der Familie Schneider 1921“ steht auf der Fotografie zur Beerdigung geschrieben. | Bild: Martha Weishaar (Repro)

Deren Eltern, Olivia und Johann Schneider, wohnten an der Straße Richtung Bonndorf. Ihr Haus wurde 1923 abgerissen. Am jetzigen Ritterweg baute der Maurermeister ein neues Wohnhaus – das heutige Anwesen von Familie Käppeler. Zwei Jahrzehnte später schlug das Schicksal erneut unerbittlich zu. Zwei weitere Söhne der Familie, Hans und Gustav Schneider, verloren im Zweiten Weltkrieg 1943 in Russland ihr Leben.

Auch die Eltern sterben tragisch

Olivia Schneider sei danach nicht mehr ansprechbar gewesen und wenige Jahre später an ihrem Kummer gestorben. Johann Schneider starb 1963, ebenfalls auf tragische Weise. Er habe sich beim Abendessen verschluckt und sei erstickt, heißt es. Einzige Überlebende der Familie seien zwei Töchter gewesen, die Olivia Schneider in die Ehe gebracht habe.

Erinnerungen

Auch Fritz Hugel erinnert sich an Überlieferungen seines Vaters. Dieser habe für gewöhnlich mit den Schneider-Kindern gespielt. An jenem Tag hätten sie allerdings in der Schule miteinander gestritten, daher sei er am Nachmittag nicht mit den Freunden losgezogen.

Foto

Fritz Hugels Großvater habe die vier Leichname mit dem Leiterwagen von der Unglücksstelle abgeholt. Im Besitz von Fritz Hugel befindet sich sogar noch eine Fotografie, die das Beerdigungsszenario mit den vier kleinen, weißen Särgen auf dem Boller Friedhof dokumentiert.