Bonndorf – „Als meine Oma gestorben ist, habe ich gesagt, das ist jetzt mein Bett“, erinnert sich Stefan Widmann, der damals fünf Jahre alt war. Das Bett war in der Wohnung der drei Rogg-Schwestern, Elisabeth, Klara und Berta, die in Bonndorf einst „Rogge-Wiiber“ genannt wurden. Sie war hinter dem Laden in der Schweizer Straße, der bis zum heutigen Tag Roggelade genannt wird.

„Meine Mutter war die Kranzwirtin und hat da von früh bis spät geschafft und der Vater hatte die Landwirtschaft, da war keine Zeit für die Kinder.“ Elisabeth, eine Cousine seiner Mutter, war Widmanns Patentante und so kam es, dass er schon als Kleinkind mehr Zeit bei den drei Tanten verbracht hat, als im Elternhaus. „Hier unten ging es mir viel besser“, sagt er ohne Scheu. Elisabeth Rogg war hauptamtlich mit dem Laden beschäftigt, ihre Schwester Klara hat vor allem im Haushalt geholfen und Berta war Angestellte im Forstamt. Schon nach dem Kindergarten ging Stefan Widmann immer zu den Tanten. Dort habe er immer gegessen und auch sonst seine Zeit verbracht.

Im Laden habe es ein unglaubliches Sortiment gegeben, sämtliche Haushaltswaren, von Töpfen über Wärmflaschen bis hin zu Gießkannen, Draht und Eisenwaren, Schleifsteine und fast alle Handgeräte, die seinerzeit die Landwirte brauchen konnten. An eine große Holztheke erinnert er sich noch, die zu der Zeit in den 1950er Jahren noch die Kunden von der bedienenden Tante trennte. Richtig angezogen sei die Wirtschaft hier ja erst in den 1960er Jahren. „Dann kamen auch die Bauern und wollten Porzellangeschirr“, sagt er. Also sei auch das ins Angebot aufgenommen worden.

„Ich muss mir heute noch anhören, dass der Laden immer genagelt voll war. Und wenn man etwas brauchte, das hier keinen Platz hatte, dann sind die Tanten mit einem Moment auf den Lippen nach hinten gegangen und eine halbe Stunde lang verschwunden, bis sie den gewünschten Artikel gefunden hatten“, erzählt Widmann. Besonders gut erinnert er sich noch, wie die Preisfindung stattgefunden hat. „Tante Elisabeth hatte alle Preise im Kopf und hat immer am Sonntagmittag im Bett die Verkaufspreise auf Zetteln ausgerechnet.“

Von den Einkünften des Ladens haben Elisabeth und Klara gelebt, alle drei haben aber zusammengeholfen je nach dem, was gerade anstand. Tante Berta sei für den Garten zuständig gewesen. „Wir haben sehr viel Holz gebraucht, es wurde ja nur mit Holz geheizt, obwohl eine Ölheizung da war. Und das ganze Holz hat Tante Berta gemacht, im eigenen Wald.“ Sie habe sich um die Funktion der Heizung gekümmert und die Waren ausgefahren. „Sobald ich helfen konnte, habe ich mit angepackt“, erinnert sich Stefan Widmann. Er habe geholfen, die Waren die Stiegen ins Lager über der Wohnung hochzutragen. „Ich habe im Garten geholfen und Blumen gegossen, Kraut gehobelt und in den Keller getragen.“

Gerne erinnert er sich an die Zeit. Denn sie war einerseits erlebnisreich: „Wenn die Tanten auf Messen gefahren sind, durfte ich mit.“ Andererseits habe er mit den drei Tanten insgesamt vier Mütter gehabt. „An Ostern gab es Nester im Garten, sie haben immer geschaut, dass etwas für mich da ist.“ Und während des gesamten Jahres bediente er sich der jeweiligen Vorzüge, die die drei Rogge-Tanten hatten.

„Tante Elisabeth war sehr großzügig und konnte hervorragenden Kuchen backen.“ Für spezielle Essen habe er sich eher an Klara gehalten. Besonders in Erinnerung ist ihm da die Eischneemasse, die in den Reisauflauf kam, „da hat sie mir immer ein Schälchen abgefüllt, bevor der Rest mit dem Reis in den Ofen kam“. Und Tante Berta war für Modernes und das Abenteuer zuständig. Dass der Jugendliche einen Kassettenrekorder wollte, fanden Elisabeth und Klara unnötig, „Tante Berta war aber dafür. Und im Tal, im heutigen Japanischen Garten, durfte ich immer mit ihrem DKW-Hobby-Roller fahren.“ Sie sei auch die Gesellige gewesen, als Schwarzwaldvereinsmitglied auch öfter einmal unterwegs, Klara die Häusliche und Elisabeth die Mütterlich-Überlegte. „Alle drei haben mich wie einen eigenen Sohn behandelt, ich war für sie einfach der Bue und fertig.“

Als der Laden dann Mitte der 1960er Jahre zum Selbstbedienungsladen umgebaut wurde und die Theke auf Nimmerwiedersehen verschwand, war Stefan Widmann ebenso mit von der Partie, wie Jahre später, als die Not durch Krankheit einzog. Ende der 1980er Jahre war er als gelernter Koch längst im Schwäbischen, zunächst beim Feinkost-Böhm, wo er in Stuttgart-Degerloch schließlich die Filiale leitete. Später arbeitete er als selbstständiger Immobilienmakler in Pforzheim.

Seit 1987 war er jedes Wochenende da, hat geholfen, wo es nur ging, nachdem sich Tante Klara ein Bein gebrochen hat und kurz darauf gestorben ist. Dann erlitt seine Tante Elisabeth einen Schlaganfall und starb nicht lange später. „Tante Berta konnte den Laden ja nicht alleine führen, sie hatte von Verkauf und Warenkunde keine Ahnung.“ Also hängte der Neffe seine Tätigkeit als Makler an den Nagel, kam wieder nach Bonndorf und hat den Laden geführt, bis auch Tante Berta verstarb.

Die Klärung der Erbangelegenheiten nahm zwei Jahre in Anspruch, in der Zeit war der Roggelade geschlossen. Stefan Widmann eröffnete ihn wieder im Jahr 2000 unter Einbeziehung der ehemaligen Wohnräume und des Büros. Zwar vermisst er manchmal persönlichen Freiraum, auch Urlaub ist Fehlanzeige. „Aber ich hätte das nicht einfach auflösen oder an andere verkaufen können. Das Sammelsurium hätten die Tanten bei keinem Fremden sehen wollen. Die würden mich sonst noch aus dem Grab verfolgen.“

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