Herr Jessen, Ihr Thema ist Verdun. Warum gerade Verdun?

Verdun ist im Gedächtnis von Deutschen und vor allem der Franzosen sozusagen ein anderes Wort für den Ersten Weltkrieg – für die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts also. Das hat mich interessiert. Warum Verdun? Welche Folgen hatte die Schlacht für den Verlauf des Krieges? Warum dauerte die Schlacht so lange, 300 Tage und 300 Nächte? Und wer hat eigentlich den Kampf gewonnen? Die Franzosen? Oder vielleicht doch die Soldaten des Kaisers, wie einige deutschsprachige Autoren nach dem Krieg behaupteten?

Sie schreiben in Ihrem Buch „Verdun 1916“ von neuen Erkenntnissen durch vergessene Dokumente. Was sind das für Dokumente?

1945 sind in Potsdam nach einem Luftangriff die meisten Verdun-Akten verbrannt; doch es gab eine verblüffend reiche Ersatzüberlieferung (heute im Militärarchiv Freiburg). Dieses Schriftgut zur Schlacht entstand Anfang der 1930er Jahre. Die Rote Armee hat es dann als Beutegut in die Sowjetunion verbracht. Dort verstaubte es jahrzehntelang, unzugänglich für die Forschung.

Was ist das Neue an dieser „Urschlacht des 20. Jahrhunderts“ aus Ihrer Sicht?

Da könnte man viele Punkte nennen: Allein das Kriegsbild veränderte sich: Bei Verdun wurde der Mensch zum Material erniedrigt. Verdun war auch ein Zivilisationsbruch. Dieses Kriegsbild wird die Welt bis 1945 prägen, also bis zum Abwurf der Atombomben.

In den begeisterten Reaktionen auf Ihr Buch heißt es, dass Sie mit einigen Mythen aufräumen. Was sind das für Mythen?

Ich nenne den Wichtigsten: Erich von Falkenhayn, 1916 Chef des Generalstabs des deutschen Feldheeres, behauptete in seinen Memoiren, er habe die französische Armee „weißbluten“ wollen. Einen operativen Durchbruch, so legte er nahe, habe er niemals beabsichtigt. Doch in Wahrheit plante Falkenhayn einen Durchbruch. Dieser Durchbruchsversuch aber war Ende März 1916 gescheitert. Erst jetzt entgleiste die Schlacht, erst jetzt wurde sie zur „Materialschlacht“.

Sie gelten als Meister des „kinematografischen Erzählens“. Was versteht man darunter?

Das meint eine Erzählform, die dem Medium Film entliehen ist: schnelle Schritte und Ortswechsel. Im Grunde ist sie ein Trick, um große Geschichte besser – sprich lesbarer – in den Griff zu bekommen.

Über welche Aspekte von Verdun werden Sie in Ihrem Vortrag sprechen?

Über genau diese Aspekte: Wofür kämpften die Soldaten? Wie sah es in den Schützengräben aus? Was ging in den Chefzimmern der Generalstäbe vor? Dort kommandierten immerhin hochgebildete Offiziere, die Beethoven liebten oder Voltaire lasen. Und trotzdem ist ihnen Verdun passiert! Wie konnte das passieren?

Fragen: Rosemarie TillessenDer Vortrag findet am Sonntag, 5. Juni, 20 Uhr, im Kulturzentrum Schloss Bonndorf statt

Verdun

Vor genau 100 Jahren fand 1916 im Ersten Weltkrieg in Frankreich die Schlacht um Verdun statt. Franzosen und Deutsche kämpften erbittert zehn Monate gegeneinander. Es gab auf beiden Seiten 700¦000 Tote und keine Sieger. Verdun gilt seither als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, aber auch als Symbol für die später erwachsene deutsch-französische Freundschaft.