„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Das wusste der bekannte Dichter Matthias Claudius schon vor mehr als 200 Jahren und daran hat sich bis heute wenig geändert. Die Sommerferien sind Anlass für unsere Zeitung, in lockererer Reihenfolge einige Leser erzählen zu lassen, was sie auf Reisen erlebten, was bei ihnen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Frühsommer 1989

Ein denkwürdiges Ereignis, woran sich Elvira und Reiner Howe immer wieder gerne erinnern, liegt lange zurück. Jung verliebt reisten die beiden im Frühsommer 1989 in ihrem VW-Bus der Generation T2 nach Jugoslawien. Auf der Küstenstraße wollten sie bis Dubrovnik fahren. Allerdings wurden sie in dem Kultauto auf den Kopfsteinpflasterabschnitten ganz schön durchgeschüttelt. Das permanente Rütteln könnte denn auch ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass ein Gelenk der Schiebetüraufhängung ihres alten Bullis Schaden nahm. Zwar ließ sich die Tür noch schließen, beim Öffnen rutschte sie jedoch aus der Führungsschiene. Weit und breit fand sich keine Autowerkstatt. Die Verständigung war auch nicht ganz einfach.

Mit diesem VW-Bus der Generation T2 unternahmen Elvira und Reiner Howe viele Reisen durch Europa. Bild: privat
Mit diesem VW-Bus der Generation T2 unternahmen Elvira und Reiner Howe viele Reisen durch Europa. Bild: privat | Bild: Privat

Der Betreiber des kleinen Campingplatzes bei Trogir verwies die beiden in ihrer Not zum nächsten Polizeiposten. Ob man sie dort tatsächlich nicht verstand oder einfach nicht verstehen wollte? „Jedenfalls wurden wir von oben herab behandelt und fühlten uns fast wie Verbrecher. Klar, wir sahen etwas abgerissen aus und ich hatte mich während des Urlaubs auch nicht rasiert“, schmunzelt der heute 55-Jährige rückblickend. Unverrichteter Dinge und entsprechend missmutig verließen sie die Polizeidienststelle. Da fragte ein Mann in ganz passablem Deutsch, was sie denn für ein Problem hätten. Er war eine Zeitlang als Gastarbeiter in Deutschland, die Verständigung klappte in diesem Fall also gut. Als sie ihm ihre Lage schilderten, meinte er, ein Onkel eines Onkels habe eine alte Drehbank zu Hause und könne bestimmt helfen. „Meinte der Mann das ernst? Wollte der uns womöglich nur ausnehmen? Hätten wir hinterher überhaupt noch ein Auto? Diese Fragen gingen uns durch den Kopf, doch wir sahen keine andere Chance, als uns auf das Angebot einzulassen“, erzählen Howes.

Ärmliche Wohnverhältnisse

Also folgten sie der Einladung des Fremden, in dessen Haus sie unmittelbar mit den ärmlichen Wohnverhältnissen des ehemaligen Jugoslawien konfrontiert wurden. Was sie dort erlebten, war eine bis dahin nie gekannte, zuvorkommende und gleichermaßen herzliche Gastfreundschaft. „Wir kamen uns vor wie Snobs“, beschreibt das Paar seine damalige Empfindung. Erst, nachdem sie fürstlich bewirtet worden waren, führte der Fremde sie in die „Werkstatt“, einen halb zerfallenen Schopf. Tatsächlich hatte der dort hantierende ‚Onkel‘ eine Drehbank „made in Germany“. „Zwei Stunden später konnten wir ein handgemachtes, in passendem blau lackiertes Ersatzteil einbauen. Die Tür funktionierte einwandfrei. Das Ersatzteil war das Beste an unserem ganzen Bus“, lobt Reiner Howe die Geschicklichkeit des Mechanikers.

Was sie denn nun schuldig seien, wollte das Paar alsdann wissen. „Nix“ und ein aufgeregtes Gefuchtel sei die Antwort gewesen. 50 Schweizer Franken gaben Elvira und Reiner Howe dem Bastler, dazu ein paar Feuerzeuge, Kugelschreiber und Nylonstrumpfhosen. Das war in jener Zeit, als man die Inflation schon während eines Urlaubs deutlich spürte, viel Geld in Jugoslawien. Für Reiner und Elvira Howe bedeutete der Mann gleichwohl die Rettung ihres Ferienaufenthaltes.

Noch etliche Reisen

Mit ihrem Bulli unternahmen sie noch etliche Reisen und erlebten dabei – dem Alter des Fahrzeugs geschuldet – noch so manche spannende Situation. Sei es, dass Elvira Howe versehentlich mal die Frontscheibe rausdrückte, bei Gibraltar ein Blinkerrelais seinen Dienst versagte, oder ein Blatt im Kühlergrill das Fahrgeräusch des Bulli in eine ungestüme Höllenmaschine verwandelte. Howes fanden immer Hilfe, doch nie wieder derart herzlich und selbstlos wie 1989 in Jugoslawien.