„Ich glaub’s immer noch nicht!“ Das sagt Lydia Eckert, die heute ihren 90. Geburtstag feiert, über ihr hohes Lebensalter. Geschichtsträchtige Ereignisse prägten ihre Biografie. Mit Tatkraft, Zuversicht und einem frohen Wesen indes meisterte die Frau all die schicksalhaften Wendungen in ihrem Leben.

Geboren wurde Lydia Eckert in Polen, und zwar im Landkreis Kalisz zwischen Breslau, Lodz und Posen. Bis zu Hitlers Polenfeldzug war ihre Welt dort mit zwei älteren und zwei jüngeren Brüdern auch in Ordnung. Doch mit dem Beginn des Krieges geriet diese aus den Fugen.

Eigentlich wäre sie lieber Krankenschwester geworden

Nur noch sporadisch fand Unterricht statt und mit knapp 14 Jahren musste Lydia Eckert im Rahmen des Landjahres Hauswirtschaft erlernen. „Ich wäre lieber Krankenschwester oder Köchin geworden, doch ich musste im Heimatort bleiben, um meinen Vater, der Ortsbauernführer war, bei seinen schriftlichen Arbeiten zu unterstützen“, erzählt Lydia Eckert.

Nachdem die deutsche Wehrmacht sich zurückziehen musste, widerfuhren den Deutschstämmigen in Polen schlimme Repressalien. Familienväter wurden in Gefangenenlager verfrachtet oder gleich an Ort und Stelle erschossen. „Es war ein fürchterliches Blutvergießen. Auch uns wollten sie erschießen. Wir standen alle schon an der Wand, Vater, Mutter und meine Brüder. Unser polnischer Nachbar hat uns im letzten Augenblick gerettet“, erzählt die Jubilarin.

Heustock als Versteck vor der russischen Armee

Als die russische Armee durch Polen marschierte versteckte sie sich, mittlerweile 17-jährig, mit ihrer Mutter aus Angst vor den Invasoren im Heustock. „Da wären wir nicht lebend herausgekommen, wenn eine der Bomben, die über uns hinwegflogen, getroffen hätte“, schildert die Frau. Viele seien damals Richtung Deutschland geflohen, auch ihre Sachen seien gepackt gewesen.

Doch die Mutter habe entschieden: Daheim ist Daheim, wir bleiben. In schlaflosen Nächten weile sie mit ihren Gedanken noch oft in der polnischen Heimat, gibt Lydia Eckert zu.

Erst im November 1950, als die letzten Deutschen raus mussten, verließ ihre Familie mit dem letzten Transport Polen. Nach zwei Wochen Quarantäne, einer kurzen Zeit in Friedland und etlichen Wochen in Freiburg kam die Familie nach kurzem Lageraufenthalt in Neustadt 1951 in die legendäre Barackensiedlung nach Bonndorf.

Lydia Eckert arbeitete zunächst im Haushalt eines Neustädter Zahnarztes, danach im Haushalt der Metzgerei Pfendler und anschließend bei Notar Dr. Martin. 1956 bis zur Rente war sie bei Dunkermotoren beschäftigt.

1953 heiratete sie den ebenfalls aus ihrer polnischen Heimat stammenden Gustav Eckert. Mit der Geburt von zwei Söhnen war das Eheglück perfekt. Gemeinsam mit ihren Eltern baute das Paar in der Haarschwärze ein Eigenheim.

Familie ist ihr Ein und Alles

Im Sommer vermieteten sie dort ihre Schlafzimmer an Feriengäste, denn jede Mark wurde dringend gebraucht. Heute teilt Lydia Eckert das Haus mit ihrem Sohn Christoph und dessen Frau.

Die Familie war immer schon ihr Ein und Alles. Sie pflegte die Eltern, den Mann, den sie 1983 verlor, und ihren Bruder, unterstützte Sohn und Schwiegertochter jederzeit, wenn sie als Oma gebraucht wurde. Stolz ist sie auf ihre fünf Enkel und drei Urenkel.