Zwei Bonndorfer haben vor 30 Jahren den Fall der Berliner Mauer hautnah miterlebt. Heute noch bekommen die Beiden Gänsehaut, wenn sie an dieses historische Großereignis zurückdenken. „Ja weeßte denn nich? Die Mauer is offen!“, habe der Taxifahrer gesagt, als sie ahnungslos fragten, wo denn all die Trabbis auf den Berliner Straßen herkämen. Das habe sie elektrisiert. Anstelle der eigentlich vorgesehenen Stadtrundfahrt wollten sie nur noch eines: Zur Mauer.

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Purer Zufall war es, dass Kurt Altmeier und Otmar Weishaar ausgerechnet am 10. November 1989 in Berlin einen neuen Lieferanten von Dunkermotoren besuchten. Mit dem Auto hätten sie dafür drei Arbeitstage einplanen müssen. Zu viel Zeit und zu viele Unwägbarkeiten, zumal Otmar Weishaar schon so viele Horrorgeschichten von Grenzkontrollen gehört hatte und überzeugt war: „Ich hätte dort Schwierigkeiten bekommen, weil ich garantiert irgendeinen blöden Spruch hätte loswerden müssen.“ Also flogen sie mit dem Flieger ab Stuttgart nach Westberlin. 

Kurt Altmeier (links) und Otmar Weishaar erlebten am 10. November 1989 den Mauerfall in Berlin hautnah mit und haben heute noch Gänsehaut bei den Erinnerungen an den damaligen, überschäumenden Freudentaumel.
Kurt Altmeier (links) und Otmar Weishaar erlebten am 10. November 1989 den Mauerfall in Berlin hautnah mit und haben heute noch Gänsehaut bei den Erinnerungen an den damaligen, überschäumenden Freudentaumel. | Bild: privat

Die Nachricht vom Mauerfall war bei ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht angekommen. Das, was Günter Schabowski am 9. November spätabends verkündet hatte, wussten sie ebenso wenig einzuordnen wie der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl. Die Verhandlungen der beiden Dunkeraner mit den Berliner Partnern verliefen zügig. Statt des damals obligatorischen Geschäftsessens, wollten die Bonndorfer die Zeit bis zum Rückflug lieber für eine Stadtrundfahrt nutzen, zumal Otmar Weishaar nie zuvor in Berlin gewesen war. Kurt Altmeier hingegen war Berliner, hatte sowohl den Aufstand 1956 wie auch den Bau der Mauer 1961 hautnah miterlebt. Er arbeitete damals bei AEG in der Ackerstraße, hatte dort während des Mauerbaus erschütternde Szenarien gesehen. „Das Bild einer Frau, die sich aus dem Fenster abseilte, habe ich heute noch vor Augen“, schildert der 78-Jährige. „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass die Mauer jemals wieder fällt. Wir haben gegen den Osten aufgerüstet. Keiner hatte eine Vorstellung von einer friedlichen Wiedervereinigung.“

Und dann dieses Erlebnis vom 10. November 1989. „Die Straßen waren voller jubelnder Menschen. Ständig fiel einem jemand um den Hals, fragte ‚Wo geht‘s zum Ku‘damm?‘ oder ‚Junge, kommste ooch von driieben?‘. Und alle tranken Sekt miteinander“, erinnern sich die beiden Männer an jedes Detail jenes denkwürdigen Tages. „Die Freude war ansteckend, wir konnten gar nicht genug von den Bildern der Menschen bekommen, die ausgelassen auf der Mauer tanzten.“ Nur zu gerne hätten sie diesen überschäumenden Freudentaumel länger genossen und ihren Aufenthalt verlängert. Eine Umbuchung des Rückflugs war zu dem Zeitpunkt aber bereits unmöglich. Sämtliche Flüge von und nach Berlin waren ruckzuck ausgebucht. Während der Heimreise diskutierten sie darüber, ob das nun das Ende der DDR sei. Man war sich nicht einig in der Bewertung der Geschehnisse.

Berlin ist die alte Heimat

Dass Kurt Altmeier ausgerechnet an diesem Tag in seiner einstigen Heimatstadt war, kann er heute noch nicht fassen. Die ersten acht Jahre seines Lebens hatte er in Ostberlin verbracht. 1949 zogen seine Eltern nach Charlottenburg, in den Westen. 1969 zog der Ingenieur mit seiner Familie dann nach Bonndorf. „Da fragten mich noch manche, ob ich aus Ost- oder Westberlin käme“, erinnert sich der einstige Qualitätschef der Dunkermotoren GmbH. „Als ob zu der Zeit irgendeiner aus Ostberlin herausgekommen wäre!“ Etliche seiner Berliner Freunde beschafften sich seinerzeit über ihn und seine Frau mittels einer Zweitwohnung einen westdeutschen Pass, so groß sei die Angst vor den Russen gewesen.