In der Sonntagsmatinee im Bonndorfer Schloss war mit Mirko Bonné ein vielseitiger Schriftsteller zu Gast, der in den letzten Jahren überaus produktiv war. Sein Roman „Lichter als der Tag“ war 2017 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Als Kritiker schreibt er für die FAZ, als Essayist für Literaturzeitschriften. Als Übersetzer ist er renommiert und hat beispielsweise die Werke von John Keats übersetzt. Als Herausgeber hat er jüngst das Jahrbuch der Lyrik 2019 gemeinsam mit Christoph Buchwald herausgegeben.

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In Schloss Bonndorf gab er nun eine dreiviertel Stunde lang im voll besetzten kleinen Saal Kostproben aus seinem jüngsten Gedichtband „Wimpern und Asche“. Anschließend initiierte Kulturreferentin Susanna Heim ein kleines Frage- und Antwortspiel, in welches dann das Publikum miteinbezogen wurde. Gibt es ein Revival der Lyrik? Warum ist das Gedicht nicht tot zu kriegen? An was arbeitet er gerade? Was sind seine Lieblingsdichter? Gibt es eine Regel für den poetischen Prozess bei ihm? Existiert ein Scheidepunkt, an dem sich ein Stoff zu einem Gedicht oder einem Roman entwickelt? Was kann ein Gedicht, was ein Roman?

Thematische Abschnitte

Allein für seine Auskünfte hatte sich das Kommen gelohnt. Die Leseauswahl hatte Mirko Bonné in drei oder vier lose verknüpfte thematische Abschnitte eingeteilt. Da sind einmal Gedichte, in denen eine historische Figur angerufen wird, Schriftsteller wie Faulkner oder Melville, ein Maler wie Dürer, oder ein böser König wie der shakespeare-berühmte Richard III. Des letzteren Skelettreste wurden kürzlich in England unter einem Parkplatz gefunden, und Bonné nimmt diesen Zufallsfund zum Anlass, dichterisch in die Rolle des erinnernden Königs zu schlüpfen und die Zeiten kurzzuschließen. Allein durch archaische Namensanrufung entsteht beim Hörer ein spezifischer Assoziationshof. Dann kamen Landschafts- und Naturgedichte an die Reihe.

Projekt Weather Stations

Mirko Bonné war bei dem Projekt Weather Stations mit von der Partie, bei dem er zusammen mit Autoren aus Australien, Polen, England und Nordirland die literarischen Darstellungsmöglichkeiten der Vermittlung des Klimawandels auslotete. Freimütig erzählt er, dass er nur mitgemacht habe, weil er damit die Möglichkeit hatte, nach Australien zu fliegen. Das titelgebende Gedicht „Wimpern und Asche“ ist Kern dieser Auseinandersetzung, schien ihm dann allerdings mit seinen neun Seiten zu lang fürs Vorlesen. Der Autor empfahl‘s zum Nachlesen für daheim.

Die Stichworte Erinnerung, Abschied und das Verschwinden markierten ein weiteres Themenfeld. Beim sehr schönen „Julita kam durchs Gras, im unsichtbaren Kleid, aus Licht und birnengrün weggeträumtes Kleid“ flatterte dann bei einem Zuhörer zumindest „The Admirable“ des Vladimir Nabokov mit – um mal eine mögliche Assoziationszugabe zu benennen. Mirko Bonné las so ungefähr 15 Gedichte vor, die einen schönen Querschnitt seiner Lyrik der letzten Jahre vermittelten.

Wasserglaslesung

Der Schluss, das bisher unpublizierte Gedicht über einen Sommernachmittag vor 42 Jahren, zeigte dann nochmals die Meisterschaft, mit der Bonné die Atmosphäre, die Aura eines Sommernachmittags in wenigen Sätzen präsent zu machen vermag. Der auf immer vergangene Duft einer smartphonelosen Zeit stieg auf. Insgesamt eine wunderbare Lesung mit Mirko Bonné, die deutlich machte, wie Lyrik essentielle Lebensgefühle verdichten kann. Bonné nannte seine Lesung eine Wasserglaslesung, eine also ohne Schnickschnack, ohne Eventisierung. Für so eine Wasserglaslesung eignet sich der „goldene Saal“ im Bonndorfer Schloss vorzüglich. Man wünschte sich bei einer Lyriklesung zwar manchmal einen großen Saal voll von Zuhörern, aber dieser kleine intime Saal wirkt doch wie für Lyriklesungen gedacht. Man hätte in Bonndorf an diesem Sonntagmorgen zwischen 11.15 und 12.45 Uhr wohl kaum etwas Besseres unternehmen können. Und darf annehmen, dass die meisten Anwesenden das Schloss mit einem von Mirko Bonné geschärften poetischen Blick verlassen haben.