Es ist eine andere Welt. Oben auf dem Berg, wo immer eine steifere Brise weht, als in der restlichen Löwenstadt, zeugt schon das kanadische Blockhaus bei der Dusty Rose Ranch von einem ganz individuellen Stück Erdenglück, mitten im Hochschwarzwald. Hier ist Janine Ketterer groß geworden, quasi auf Pferdes-Rücken, und die junge Westernreiterin hat erneut klar gestellt: Sie hat in der Weltspitze des Westernreitsports ein mächtiges Wort mitzureden.

Janine Ketterer bei ihrem Siegerritt auf Dazeline Olena.
Janine Ketterer bei ihrem Siegerritt auf Dazeline Olena. | Bild: Lux Company

Im Reiterstüble, das unter dem Dach der Reithalle gemütlich eingerichtet wurde, trifft man sich vor, während und zwischen der Arbeit auf der Ranch, auf der rund 40 Quarter Horses leben. Wer die Tür aufmacht, ist willkommen, sieht sich einer kanadischen Welle der Herzlichkeit ausgesetzt. Der Liebe wegen kam Janines Mutter Laura Ketterer einst aus Kanada zu ihrem Mann Joachim nach Bonndorf.

Mit dem Vater bei den ersten Turnieren

Viel zu früh, vor neun Jahren, ist der damalige Gesamtfeuerwehrkommandant verstorben. Hier im Rund, beim munteren Kauderwelsch zwischen Alemannisch und kanadischem Englisch – praktisch ständig sind nämlich Freunde aus der alten Heimat zu Besuch – wird er wieder präsent, als sei er nie gegangen. „Nicht immer, aber sehr oft denke ich an ihn, wenn ich auf Turnieren bin. Mit Papa war ich bei meinen ersten Turnieren überhaupt“, sagt Janine Ketterer bewegt. Und ja, ein Stück der Freude über eigene Erfolge gelte ihm.

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Die heute 22 Jahre junge Janine Ketterer ist Weltranglisten-Erste und damit auch Deutschlands beste Westernreiterin, was Ende Februar in einem Frankfurter Hotel gefeiert wird. Den Welt-Titel bekommt sie erst im November 2019 in den USA. 2017 schon errang Janine Ketterer den Titel „World Champion“ in der AQHA-Jahreswertung, das war mit Mutter Lauras Pferd, Miss Electric Spark. 2018 ist ihr nun dasselbe Kunststück geglückt, mit der zwölf Jahre alten Stute Dazeline Olena. Mit ihr ist sie über viele Turniere an die Weltspitze der Westernreiter (Reining Amateure) geritten.

22-Jährige hat nicht mit dem Erfolg gerechnet

Dazeline Olena ist aus der Zucht der Dusty-Rose-Ranch, Andreas Wasmer, Freund und Förderer der gesamten Ranch-Familie, hat sie mit drei Jahren gekauft, damit sie auf dem Hof bleiben kann. „Das Coolste ist, ich hab mit dem Erfolg gar nicht gerechnet, weil ich im Oktober noch die Fünfte der Weltrangliste war“, erzählt Janine Ketterer. Das Studium, wo noch Turniere sind und wieviel Punkte ihr noch fehlen, brachte zu Tage, dass sie zwölf Punkte bei der deutschen Meisterschaft bräuchte, um den neuerlichen Coup zu landen.

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Janine selbst war zu der Zeit in Texas, um sich auf die World-Show vorzubereiten. Für Andi Wasmer war die Sache klar: „Bist Du sicher, dass das zu schaffen ist?“, hat er gefragt. Janine nahm sich ein Herz und sagte „Ja.“ Also ist sie zurück nach Deutschland gejettet: Ankunft, Frühstück daheim, auf nach Frankreich zum Trainer Morey Fisk, der aus demselben Dorf stammt, wie ihre kanadische Mutter. „Es ist eine Ehre, von ihm trainiert zu werden“, so Janine Ketterer.

Erschwerte Bedingungen bei der Meisterschaft

Zwei Tage später ging es nach Aachen zur Meisterschaft: „Der erste Tag Vorbereitung war eine Katastrophe.“ Am zweiten Tag, als es um Punkte ging, sei sie so nervös gewesen, wie bei den ganz großen Turnieren. „Alle außen herum haben dafür gesorgt, dass alles passt, ich war einfach nicht ansprechbar.“ Erschwerend sei der Startplatz gewesen, Janine Ketterer war nämlich die erste von insgesamt 29 Startern, die jeweils in vielen Turnieren auch viele Punkte gesammelt hatten.

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„Now ist your time to shine“ (Nun ist deine Zeit, zu glänzen), hat sie der Stute ins Ohr geflüstert. „Es war der beste Ritt meines Lebens“, erzählt Janine Ketterer, während ihr noch Monate danach erneut die Freudentränen übers Gesicht laufen. Das ganze Reiterstüble ist ergriffen von diesen Emotionen. „Dazeline weiß das, wenn sie richtig gut ist. Sie ist kein Superstar, aber sie hat ein Riesenherz“, bringt Janine Ketterer hervor. Bis zum Schluss beim Aufruf zu den Siegerehrungen war es spannend. In der Gesamtausscheidung war das Gespann Janine Ketterer/Dazeline Olena schließlich drei Mal auf dem zweiten und einmal auf dem ersten Platz – genug für die Weltspitze. Das Schöne an diesem Titel sei, dass man nicht einmalig top geritten ist, „wir haben vielmehr ein Jahr lang kontinuierlich Top-Leistungen abgegeben“, sagt Janine Ketterer.

Pferde-Therapeutin auf der Dusty Rose Ranch

Fast könnte man vergessen, dass hier eigentlich von einer Heimkehrerin die Rede ist. Rund ein Jahr war Janine Ketterer nämlich in Kanada, hat dort den Chiropraktiker für Pferde abgelegt und ist nun auf der Dusty Rose Ranch auch angemeldet als Pferde-Therapeutin. „Ich gehe mit den Pferden in eine biomechanische Behandlung, schaue mir die Bewegung an, schaue mir an, wo Muskeln fehlen und zeige den Besitzern dann gezielt, wo sie beispielsweise dehnen müssen“, erläutert Janine Ketterer. Schon hat sich ihr Tun international herumgesprochen, möchte man sie für teure Turnierpferde auch über dem großen Teich buchen. Dieser jungen Frau traut man den weltweiten Pferdeflüsterer-Ruf durchaus zu, international und bodenständig, wie sie gleichzeitig ist.

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„Ich glaube ich habe einen guten Weg gefunden, wenn die Struktur stimmt, stimmt der Rest auch“, sagt sie und meint damit nicht zuletzt den allgemeinen Umgang mit den Pferden. „Das Schöne an unseren Derbys ist, dass wir nicht für einen Wettkampf Vollgas geben, sondern es schaffen, pferdegerecht dauerhaft auf einem hohen Niveau zu sein.“

Auch der Bruder ist erfolgreicher Reiter

Hier schließt die junge Frau ihren Bruder Justin mit ein, mit dem sie am liebsten gemeinsam Turniere besucht. „Wenn Justin keine Patzer macht, ist er spitze“, sagt sie über den drei Jahre jüngeren Bruder, der immerhin europäische Spitzenplätze in seiner Altersklasse belegt. Neben all der kanadisch überbordenden Energie, hat er den ruhenden Schwarzwälder Pol eingenommen. „S’goht scho“, meint er zu seinem Part auf der Ranch und gibt schließlich zu, dass der ständige Umgang mit dieser Überfliegerschwester „scho schwierig“ sei. Im Herbst beginnt er seine Lehre zum Landwirt, wobei er sicher viel Nützliches für den eigenen Hof lernen wird. Hilfe wird bis auf weiteres auch nötig sein: „Wir wollen vergrößern – zum Trainingsstall“, verrät nämlich seine Mutter, Laura Ketterer.