Mit dem schriftlich nachweisbaren Gründungsdatum 797 nach Christus im Urkundenbuch zu St. Gallen, einschließlich eines Reihengräberfelds aus dem dritten Jahrhundert, kann sich der Teilort Dillendorf einer besonderen historischen Duftmarke erfreuen. Dass Landstriche, Gebäude-, Straßen-, oder Gewannnamen – mündlich oder schriftlich überliefert – ebenfalls weit ins Dunkel unserer Altvorderen zurückreichen, lässt sich leicht verstehen. Unsere Zeitung beschäftigt sich mit dem gerade in der Bonndorfer Gegend weit verbreiteten Phänomen von Hausnamen. Beispielhaft nehmen wir dafür Dillendorf unter die Lupe.

<strong>Historisch: </strong>Mitten im Ort liegt der Meierhof. Schriftliche Dokumente über seine Besitzer reichen in Dillendorf bis 1600 zurück.
Historisch: Mitten im Ort liegt der Meierhof. Schriftliche Dokumente über seine Besitzer reichen in Dillendorf bis 1600 zurück. | Bild: Erhard Morath
  • Der Meierhof, mitten im Dorf, dessen Bestand sich bis 1600 zurückverfolgen und nachweisen lässt, nahm eine bedeutende Funktion ein. Ob von einem Vogt des Hochmittelalters, von einem fränkischen Majordomus geführt, oder von einem alemannischen Familienoberhaupt gegründet, stets liefen unter dem Dach des Meierhofs die Fäden der Macht und Ordnung zusammen. Und ohne genauer auf den rechtsgültigen Familiennamen im Meierhof, oder Maierhof, zu achten, heißen im Dorf die Familienmitglieder nicht Dietsche oder Engler, sondern Maier-Sigi, Maier-Max, Maier-Rita oder Maier-Line.
  • Die Übertragung: Doch dabei bleibt es nicht. Ähnlich sieht es auch mit anderen Gebäuden und ihren Bewohnern aus. Wirft man einen Blick auf die einzelnen Häuser des Dorfes, fällt auf, dass es kaum ein Anwesen gibt, das keinen Hausnamen hat, der noch bis in die Gegenwart gepflegt und benutzt wird. Selbst den Nachgeborenen der Facebook-Generation sind uralte Hausnamen (noch) bestens vertraut.
<strong>Schmuck: </strong>Von Süden her blickt man auf ein Wohn- und ein Wirtschaftsgebäude. Dort, wo früher eine Mühle mit Mühlrad, Landhandel der Ein- und Verkaufsgenossenschaft, Wohnbereich, Landwirtschaft und Otto Gantert als Bürgermeister mit Familie wohnten, ist der Haus- und Hofname s’Müllers verwurzelt.
Schmuck: Von Süden her blickt man auf ein Wohn- und ein Wirtschaftsgebäude. Dort, wo früher eine Mühle mit Mühlrad, Landhandel der Ein- und Verkaufsgenossenschaft, Wohnbereich, Landwirtschaft und Otto Gantert als Bürgermeister mit Familie wohnten, ist der Haus- und Hofname s’Müllers verwurzelt. | Bild: Erhard Morath

In Wortstämme gegliedert, drängen sich offenkundig viele Handwerks- und Berufsbezeichnungen auf: So gibt es s’Krämers, s’Müllers, s’Schniiders, s’Webbers, s’Gipsers, s’Schmieds, s’Becke, s’Murers, s’Chüefers, s’Glasers, s’Schriiners, s’Roetschriibers, s’Bierwirts, s’Melchers, s’Lädilis, oder (zur Unterscheidung) s’Laders.

  • Auswärtige: Die Lehrerfamilie, Hans-Peter und Elisabeth Asal, die 1960 ins Dorf kam und sich mit Hausnamen konfrontiert sah, staunte vermutlich nicht schlecht, als der Zweitklässler Müller-Rolf eigentlich auf die Anrede Rolf Gantert hätte hören müssen. Niemand im Ort wäre jedoch auf die Idee gekommen, ihn anders als „Müller-Rolf“ zu nennen, genauso wie alle, die in den beiden Familien in der Mülligass (heute: am Burgrain) lebten und arbeiteten. Es waren eben einfach s’Müllers. Auch der Sportvereinsvorsitzende Gantert wurde ganz automatisch, ohne Aufhebens davon zu machen, zum Müller-Manni. Zudem war die Mühle mit ihrem großen Wasserrad, dem Mühlenbetrieb, Ökonomie- und Wohnbereich so gewaltig, dass sich „Müller“ einfacher als „Gantert“ im Gehirnschublädle hinterlegen ließ.
<strong>Nostalgisch: </strong>Neben dem Wohnhaus an der Tillostraße liegt eine Schmiede, wie sie von den „Steinmännern“ betrieben wurde. Von ihnen sprach jeder als Schmied-Juli oder Schmied-Karle. Modernisiert von Karl-Heinz Steinmann, dem Sohn der Familie, ist der Schmiedebetrieb heute vorrangig Hobby eines Ruheständlers.
Nostalgisch: Neben dem Wohnhaus an der Tillostraße liegt eine Schmiede, wie sie von den „Steinmännern“ betrieben wurde. Von ihnen sprach jeder als Schmied-Juli oder Schmied-Karle. Modernisiert von Karl-Heinz Steinmann, dem Sohn der Familie, ist der Schmiedebetrieb heute vorrangig Hobby eines Ruheständlers. | Bild: Erhard Morath
  • Tradition: Große Familien, die über mindestens drei Generationen hinweg im Ort waren, prägten ebenfalls nachhaltig die Bezeichnungen, schlicht, weil die Doppeldeutigkeit bei vielen Nachkommen häufiger vorkam. Wohlgemerkt: Die Besonderheit von Hausnamen erschien den Dorfbewohnern, die täglich damit umgingen, als etwas ganz Normales. S’Becke, beispielsweise hießen eigentlich Dietsche, direkt daneben, s’Schmieds Steinmann – oder s’Webbers ebenfalls Steinmann. Nie kam es jemandem in den Sinn, aufzubegehren oder zu hinterfragen, wenn Zwitgenossen wie selbstverständlich Webber-Günther, s’Schmieds-Elfriede, oder s’Becke-Wilfried in dem Mund nahmen und auch in der entsprechenden Klangfarbe dachten. Und wenn die selbstverfassten Aufsätze, in „reinstem Hochdeutsch“ versteht sich, lokale Bezüge enthielten, wurden auch dort ganz selbstverständlich die alten Hausnamen niedergeschrieben.
  • Heute macht sich der Schreiber dieser Zeilen Gedanken, wenn ein Hausname überhaupt nichts mit der Realität zu tun hat. Unsere einstigen Nachbarn, s’Krämers, waren Landwirte mit Leib und Seele, im Nebenberuf noch Mesner, und hießen Binkert, später Mayer. Krämer – im Sinne von Händler – passte da überhaupt nicht, ganz im Gegensatz zu „s’Bierwirts“. Dort war der Name Passion, schließlich unterhielten „de Marti“ und seine Josefine eine Schankwirtschaft, eine Poststelle, obendrein eine stattliche Landwirtschaft und stellten einst gar den Bürgermeister. S’Bierwirts anstatt Eichkorn passte deshalb exzellent und erklärte sich auch für Neulinge im Dorf, beispielsweise für die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg, wie von selbst.