Zur ersten Literaturlesung im Schloss Bonndorf war mit Monika Maron eine viel diskutierte und streitbare Autorin eingeladen. Einerseits äußert sich Maron als Publizistin in überregionalen Zeitungen wie NZZ, FAZ oder Die Welt in „Meinungsartikeln“ kritisch über aktuelle Themen wie den Islam und die Einwanderungswellen der letzten Jahre.

Andererseits ist Monika Maron seit ihrem Romandebut „Flugasche“ von 1981, der in der DDR nicht publiziert werden durfte, eine gewichtige Stimme als Romanautorin in Deutschland. Für Kulturreferentin Susanna Heim sogar die „wichtigste Stimme in der deutschen Literatur“.

Mitgebracht aus Berlin hatte Monika Maron ihr jüngstes Buch „Munin oder Chaos im Kopf“, einen Roman, der inhaltlich auf mehreren sich spiegelnden Ebenen spielt. Einmal ist da eine als verrückt geltende Opernsängerin, die durch ihre täglichen schrillen Übungen ihre Nachbarn in einer Berliner Nebenstraße terrorisiert. Ohne sanktioniert zu werden.

Zum anderen die Hauptperson, die Journalistin Mina Wolf, die einen Festschriftbeitrag über den Dreißigjährigen Krieg verfasst. Diese zieht sich ob der Störung in die nächtliche Arbeit zurück und tritt mit einem Raben, der sich bei ihr eines Morgens einfindet, in einen Dialog über Gott und die Welt.

Unter anderem wird darin der Dreißigjährige Krieg mit der Kriegslage im Nahen Osten verglichen. Aus diffusen Ängsten heraus eskaliert schließlich die leicht entzündliche Stimmung in der Wohnstraße – in der Lesung natürlich als Appetizer offen gelassen.

Fragestunde unerwünscht

Monika Maron las die Eingangssequenz und die ersten Begegnungen mit dem Raben Munin. Danach stellte Susanna Heim Fragen an die Autorin. Fragen aus dem Publikum waren diesmal nicht erwünscht – warum auch immer.

Aber jeder weiß, dass die anschließende Fragerunde mit Publikum manchmal eine zähe, belanglose Angelegenheit sein kann. So also entspann sich ein kleines abschweifendes Frage- und Antwortspiel im Dialog, das Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Romans gab und ein Meinungsbild der Autorin konturierte.

Kontroverse politische Ansichten

Monika Maron, die dieses Jahr 78 Jahre alt wird, braucht nach eigenem, durchaus humoristischem Bekunden, kein Blatt mehr vor dem Mund zu nehmen, ärgert sich vielmehr und leidet daran, dass nicht noch mehr Bürger in diesem Land ihre Meinung sagen.

Sie bewertete unter anderem die derzeitig grassierenden gendergerechten Sprachregelungen als Sprachverhunzung und sieht in den Universitäten und der öffentlichen Verwaltung die treibenden Mächte dieser Verfehlung.

Sie findet die politische Ablehnung von Obergrenzen für Einwanderung unrealistisch angesichts einer wachsenden Milliardenbevölkerung in Afrika, von denen viele nach Europa wollen.

Sie findet auch die schwedische Aktivistin Greta Thunberg mit der „Fridays for Future“-Demonstrationen albern. „Warum lacht die Republik denn nicht darüber?“, fragte Monika Maron. Stattdessen solidarisiere sich die Bundesregierung damit.

Diese Losesatzsammlung mag hier genügen, um ein Stimmungsbild der Grande Dame der Literatur zu geben. Die sich doch ein bisschen darüber ärgert, dass sie wegen ihrer Meinung in die rechte Ecke gestellt wird. Obwohl sie doch für vernünftiges und rationales Argumentieren plädiert.

Autor und Romanfigur – keine scharfe Trennung

Interessant waren Marons konzeptuelle Auskünfte über ihren Roman. Etwa darüber, wo die Stimme der Autorin, wo die Stimme einer Figur, die eine bestimmte Rolle spielt, im Roman zu hören ist. Gängig ist – nämlich die Unterscheidung von Autor und Romanfigur nach dem Muster: „Das ist doch nicht der Autor, der das meint, sondern die Romanfigur.“ Monika Maron sagt, dass so scharf nicht geschieden werden kann. Denn als Autorin haucht sie ja auch einer unsympathischen oder einer archaischen Figur Leben ein und verantwortet dies.

Die Autorin Maron versteckt sich also nicht hinter ihren Figuren. Vielleicht wäre diesbezüglich eine längere Lese-Passage aus dem Dialog zwischen der Krähe Munin, die aus dem germanisch-mythologischen Repertoire stammt, und der aufgeklärten Großstadtjournalistin Mina Wolf aufschlussreich gewesen.

Denn kritische Zwiesprache mit einem Tier als „altes Ego“ im Roman dürfte subtiler sein als „Meinungsartikel“ für den Tag. Und ein Roman weiß immer mehr als sein Verfasser. Wie auch immer. Monika Maron freute sich, im Schlosssaal zu lesen. Etwa 75 applaudierende Zuhörer waren anwesend, viele ließen sich am Ende Bücher von Maron signieren.