Zur Betriebserkundung der Biogasanlage „Naturenergie Boll“ lud die einstige Führungsriege des Umweltarbeitskreises (UAK) ein. Siggi Duffner, langjähriger Vorsitzender des UAK, blickte bei der Gelegenheit auf die schwierigen Anfänge dieser Anlage zurück. Der engagierte Kämpfer für regenerative Energien dankte Philipp und Michael Käppeler mit ihren Familien, dass sie sich vom heftigen Widerstand nicht hatten beirren lassen, als sie die Anlage 2011 in Betrieb nahmen.

Mit diesem leistungsstarken Motor kann ein Generator immer dann Strom produzieren, wenn er benötigt wird und der Energiebetreiber ihn abruft. Bilder: Martha Weishaar
Mit diesem leistungsstarken Motor kann ein Generator immer dann Strom produzieren, wenn er benötigt wird und der Energiebetreiber ihn abruft. | Bild: Martha Weishaar

Siggi Duffners Zahlenwerk belegt, dass die Energiewende zumindest in Bonndorf und umliegenden Orten mit beachtlichen Erfolgen vonstattenging. Mehr als neun Millionen Kilowattstunden (kWh) erneuerbare Energie werden hier jährlich erzeugt. Davon entfallen 1,275 Millionen kWh auf die beiden Windkraftanlagen, 3,6 Millionen kWh auf Photovoltaikanlagen und 4,14 Millionen kWh auf die beiden Biogasanlagen der Familien Käppeler und Preiser.

Der Anteil des erzeugten Stroms aus Photovoltaikanlagen erhöhte sich binnen der zurückliegenden drei Jahre um eine Million kWh. „Jeder Bonndorfer Haushalt könnte mit dieser Energie drei Elektroautos oder zwei Wärmepumpen versorgen. Dabei muss nicht jeder Haushalt den Strom erzeugen, den er verbraucht. Das kann auch gemeinschaftlich gelingen“, appellierte Siggi Duffner für regenerative Energie.

Strom einspeisen

Zehn Prozent Strom mehr als die 2,1 Millionen kWh, die sie derzeit dürfen, könnten Philipp und Michael Käppeler aus ihrer jüngst modernisierten Anlage generieren. Doch ihre Stromeinspeisung ist gedeckelt. Mit einem leistungsstarken 901-Kilowatt-Motor, der mit Biogas einen Generator antreibt, ist Käppelers Stromproduktion flexibel.

Während die bisherige Anlage im 24-Stunden-Betrieb Strom produzierte, läuft die jetzige nur dann, wenn der Energiedienst sie zuschaltet. Dazu musste der Gasspeicher erweitert werden. Dessen Kapazität reicht für 24 Stunden. „Der Energiedienst bündelt 1000 solcher Anlagen und hat mit 1000 Megawatt mittlerweile eine Kapazität wie das Schluchseewerk“, erklärt Michael Käppeler den 20 Besuchern.

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Das Hauptproblem erneuerbarer Energien ist nämlich, dass bei Sonne und Wind zu viel Strom produziert wird, der nicht gespeichert werden kann und für dessen Abnahme die Energiedienste zeitweilig sogar bezahlen müssen. Spitzenstrom (bei extrem starker Nachfrage) wird hingegen höher vergütet als das Energieeinspeisungsgesetz garantiert. Also macht es sowohl aus ökologischer wie auch wirtschaftlicher Sicht Sinn, Strom dann einzuspeisen, wenn er tatsächlich gebraucht wird.

„Funktioniert wie ein Rindermagen“

Mit der neuen Technik kann die Naturenergie Boll bedarfsgerecht einspeisen und – als nützlichen Nebeneffekt – Nahwärme für den Ort liefern. Die gewonnene Energie besteht aus 43 Prozent Strom und 55 Prozent Wärme. Die Hälfte der Wärme wird für die Erwärmung des Fermenters benötigt, in dem Biogas erzeugt wird. „Im Prinzip funktioniert das wir ein Rindermagen“, vereinfacht Philipp Käppeler diesen Prozess. Die Anlage kommt sogar mit zehn Prozent weniger „Futter“ aus.

Nahwärmenetz

Der in Boll produzierte Strom reicht für die Versorgung von 600 bis 650 Haushalten. Drei Viertel aller Boller Haushalte werden zudem mit Nahwärme versorgt. Drei Kilometer Leitungsnetz mussten dafür im Ort verlegt werden. „Das war eine richtig große Investition. Wir haben das Dorf aber bewusst in unsere Planung einbezogen, weil die Bewohner schließlich auch den Krach während der Ernte erdulden müssen. Mittlerweile stehen die Leute mehrheitlich hinter der Biogasanlage“, sagt Philipp Käppeler. In Zeiten, da nicht oder nur wenig geheizt wird, nutzt man die Abwärme zum Trocknen von Körnermais oder Hackschnitzel.

„Futter“ für die Anlage

Kritisch hinterfragt wurde bei der Gelegenheit, womit die Biogasanlage gefüttert wird. 15 Tonnen Feststoffe werden täglich zugeführt, außerdem sieben Kubikmeter Gülle, informierte Philipp Käppeler. Die Hälfte der Feststoffe macht Mist aus, die andere Hälfte sind nachwachsende Rohstoffe. Von diesen wiederum produzieren Käppelers 70 Prozent selbst. Der Rest wird ab Feld zugekauft. Siliert werden ganze Pflanzen, Getreideschrot wird der Anlage nicht zugeführt.

„Die Energie, die aus einem Hektar Mais gewonnen wird, entspricht 5000 Litern Heizöl“, beantwortet Käppeler die Frage nach der Energiebilanz für die Produktion der nachwachsenden Rohstoffe. „Von der Bodenbearbeitung über die Aussaat bis zur Ernte braucht es, großzügig kalkuliert, 125 Liter Diesel.“ Zu Unrecht seien Biogasanlagen wegen des damit verbundenen Maisanbaus in der Kritik.

„Bei gesunder Fruchtfolge laugt Mais die Böden nicht aus. Außerdem ist Mais trocken- und hitzeresistenter als anderes Getreide. Sein einziger Nachteil ist die Höhe, so dass sich Radfahrer oder Wanderer zwischen Maisäckern nicht wohl fühlen“, konstatiert der Landwirt. Mais werde nicht gespritzt und mit der Neuanpflanzung von Silphie versuche man außerdem etwas Neues. Diese Pflanze verspreche zehn Jahre dauernden Ertrag. Ihre gelben Blüten nützten außerdem den Insekten.

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Michael und Philipp Käppeler halten insgesamt 300 Stück Vieh. Ein nützlicher Synergieeffekt der beiden Standbeine Milchwirtschaft und Biogas sei, dass die Tiere ausschließlich gutes Futter bekommen. Minderwertiges lande in der Biogasanlage, wobei die Verteilung der Nährstoffe eine Kunst für sich sei. Was am Ende des Gärprozesses übrig bleibe, werde getrennt.

Die Feststoffe werden in Ackerflächen eingearbeitet. Dünnflüssige Gülle kommt auf Grünflächen. Diese gelangt bis zu den Wurzeln vor und damit direkt in die Pflanzen. Zwar sei vergorene Gülle aus Biogasanlagen kein Wundermittel gegen das Nitratproblem, dafür könne auf Mineraldünger verzichtet werden. „Seit Jahren müssen wir weder Phosphor noch Kalidünger ausbringen“, sagt Philipp Käppeler.

Weitere Möglichkeiten

Weitere zukunftsweisende technische Möglichkeiten wurden im Kreis der Experten und Besucher in Boll erörtert, so etwa die Betreibung der Traktoren mit Gas oder Power to Gas-Technologie. „Da kann noch viel gehen“, wagt Michael Käppeler einen Ausblick. Dabei ist für den Laien bereits die jetzige Technik der Boller Anlage beeindruckend. Der junge Landwirtschaftstechniker hat sich in sämtliche Details eingearbeitet. Die Modernisierung der Anlage bewerkstelligte er gemeinsam mit Freunden und Verwandten. Im komplexen Zusammenwirken von Anlagenfütterung, Gas- und Wärmespeicherung sowie Stromeinspeisung und etwaigen Störmeldungen spielt freilich die digitale Technik eine zentrale Rolle.