Für die „Generation Smartphone“ ist das Handy zum unverzichtbaren Alltagsbegleiter geworden. Ist ein Leben ohne Handy überhaupt noch möglich? Der 19-jährige Philip Schäuble aus Bonndorf machte den Selbstversuch und schloss sein Smartphone eine Woche lang weg. Neben der Tatsache, dass es überaus schwierig ist, seinen Alltag zu organisieren, kam der junge Mann aber auch zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Ein Tag ohne Handy ist vor allem eines – entspannt.

Wie ist ein Leben ohne Handy?

Nachdem ich die ersten beiden Tage ohne Handy relativ schadlos überstanden hatte, machten sich im Verlauf der Woche überwiegend positive Aspekte dieses Selbstversuches breit. Vereinbarungen wurden verbindlicher, Absprachen genauer und man selbst dachte an mehr Dinge, weil man sie nicht einfach in das Handy zur Erinnerung eintragen konnte. Was sich zunächst vielleicht einschränkend anhören mag, vermindert in Wirklichkeit den Stress enorm. Flexibilität und Spontanität bieten nicht immer Freiheit, sondern in den meisten Fällen auch Stress. Ohne Handy durfte man sich sicher sein, dass Vereinbarungen eingehalten werden. Dadurch lässt sich die Woche viel gelassener planen, weil man wusste, dass man die Hälfte der Planung nicht wieder über den Haufen schmeißen wird.

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Man bemerkt auch, dass man seine Umgebung viel bewusster wahrnimmt. Anstatt sich bei der Autofahrt auf das Handy-Navi zu verlassen, achtet man auf die Ortsschilder. Wenn man in einer Gruppe zusammensitzt, zieht man nicht sein Handy aus der Tasche, sondern beginnt ein Gespräch. Bei Busfahrten kapselt man sich nicht mit Kopfhörern und Musik von der Außenwelt ab, sondern nimmt wahr, was um einen herum geschieht.

Wie wirkt der Selbstversuch auf andere?

Immer wenn jemand in meiner Umgebung sein Handy suchte oder fragte, ob jemand dies oder jenes schnell nachschauen könnte, erwiderte ich nur schmunzelnd: „Ich habe kein Handy.“ Während die Reaktionen zu Beginn der Woche von Unverständnis geprägt waren, wendete sich das Blatt im Laufe der Woche. Je länger der Selbstversuch ging und je mehr Leuten ich davon erzählte, desto öfter hörte ich von anderen den Wunsch, das Handy auch einmal beiseite zu legen. Drei weitere Freunde motivierte dieser Versuch sogar, selbst auch einmal eine Woche ohne Handy zu verbringen.

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Tatsache ist ja, dass vor allem Leute der jüngeren Generation wie ich, unheimlich viel Zeit am Handy verbringen und sich über das Gerät organisieren. Adressen, Bilder, Kontakte, Erinnerungen, Termine, Hausaufgaben, Stundenpläne, ja sogar die Speisekarte vom Restaurant oder Imbiss um die Ecke, all das befindet sich auf dem Handy und wird mit ihm ausgetauscht. Auch die Sozialen Medien nehmen viel Zeit in Anspruch. Ist das Smartphone weg, bleibt einfach mehr Zeit übrig.

All diese Utensilien werden durch das Smartphone ersetzt.
All diese Utensilien werden durch das Smartphone ersetzt. | Bild: Philip Schäuble

In der Woche ohne Handy hatte ich weniger Kontakt mit meinen Freunden als sonst. Spontane Anrufe waren nicht möglich und das Austauschen von WhatsApp-Nachrichten oder das Schreiben in Gruppen ebenfalls nicht. Nichtsdestotrotz hatte ich nie das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Die Möglichkeit, jemanden anzurufen, hat man ja immer noch. Außerdem sieht man Arbeitskollegen oder Mitschüler ja nach wie vor täglich.

Braucht man in der Schule ein Handy?

Die Behauptung, das Handy lenkt vom Lernen ab und verschlechtert die Schulleistungen, möchte ich aber so nicht unterschreiben. Ein Smartphone kann durchaus praktisch sein, um in den Klassenchats Tipps für eine Klassenarbeit auszutauschen, den Vertretungsplan abzurufen, schnell ein Wort in der Wörterbuch-App nachzuschlagen und vieles mehr. Negativ sind aber die ständig auftauchenden Nachrichten und Mitteilungen. Ganz gleich ob im Sperrbildschirm oder als Balken am oberen Bildschirmrand. Das bloße Wissen darum lenkt oftmals ab. Nicht weniger lenkt das Handy im Unterricht ab. Selbst wenn es an den meisten Schulen verboten ist, schaut man dennoch unterm Tisch von Zeit zu Zeit darauf. Meine Freundin erzählte mir, dass sie in der Woche konzentrierter war, weil eben genau diese Ablenkungen wegfielen.

Reisen ohne Handy – geht das?

Die letzten drei Tage meiner handyfreien Woche war ich auf eine JU-Bildungsreise in Warschau. Hier fiel mir besonders auf, wie oft wir gerade beim Reisen auf das Smartphone angewiesen sind. Den Flug kann man am Abend zuvor online einchecken und hat das Flugticket direkt auf dem Handy. Für mich hieß es dieses Mal am Schalter anstehen. Gerade bei einem Gruppenausflug werden Treffpunkte und Uhrzeiten oft in WhatsApp-Gruppen vereinbart. Hier war ich darauf angewiesen, die Informationen von einem anderen Reiseteilnehmer zu erhalten. Unkompliziert den Weg zur nächsten U-Bahnstation nachschauen, ging für mich genauso wenig, wie einen Standort zu teilen, damit man sich wiederfindet. Auch schnell das Handy aus der Hosentasche ziehen und von etwas ein Foto machen, war nicht möglich. Wenn man in einer Runde zusammen saß, stellte ich hin und wieder fest, dass ich der Einzige war, der nicht am Handy war.

Was habe ich in der handyfreien Zeit verpasst?

Am Sonntagabend in Warschau um 21.45 Uhr hieß es nach einer Woche dann: Zurück in die Zukunft! Ehrlich gesagt freute ich mich nicht wirklich darauf, das Handy wieder benutzten zu dürfen. Sowohl ich als auch meine Freundin hatten uns gut an das Dasein ohne Handy gewöhnt und die aus unserer Sicht auffallend stressfreie Zeit sehr genossen. Etwas widerwillig schaltete ich also mein iPhone wieder ein, verband mich mit dem WLAN des Hotels und wartete ab. Sofort prasselten die Nachrichten und Anzeigebalken nur so auf mich ein. Von den insgesamt 348 verpassten WhatsApp-Nachrichten kam der größte Teil aus Gruppenchats. Von den 16 Nachrichten, die direkt an mich gingen, waren nur drei wirklich wichtig. Ich denke, das zeigt ganz gut, wie das Verhältnis von notwendigen und wichtigen Informationen zu vielleicht netten, aber eher unwichtigen Informationen ist.

Wie wichtig ist das Handy für den Alltag?

In Anbetracht dessen würde ich sagen, dass Handy ist zwar durchaus ein wichtiges Hilfsmittel zur Bewältigung des Alltags, aber vor allem auch ein Mittel zum Zeitvertreib. Es liegt letztlich an einem selber, wann, wie und wo man die Funktionen des Smartphones in Anspruch nimmt. Und hier ist, denke ich, vor allem Selbstdisziplin gefragt. Seit ich das Handy wieder benutzte, erwische ich mich oft wieder beim unnötigen Zeitvertreib am Handy. Ich denke, es schadet nicht, einmal bewusst darauf zu achten, wie man das Handy benutzt. Schalte ich es regelmäßig reflexartig an? War es wirklich nötig, das Handy zu benutzen? Warte ich auf eine Nachricht und habe das Gefühl etwas zu verpassen? Stresst mich mein Smartphone gerade? Fragen wie diese stelle ich mir seit dem Selbstversuch häufiger.

Ein Leben ohne Handy – geht das?

Aber dennoch: Trotz der großen Ablenkung, die vom Handy ausgeht, glaube ich, dass es heute nahezu unmöglich ist, für eine längere Zeit ohne Handy auszukommen. Eine Woche ist kein Problem, aber gar einen Monat oder länger ohne Smartphone zu leben, dürfte wirklich schwer werden. Die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen, die alten Telefonzellen müssen nicht mehr aufgebaut werden. Vielmehr sollten wir das Handy bewusst nutzen und uns nicht unreflektiert seiner oftmals unter Stress setzenden Omnipräsenz ausliefern. Die vielen Vorteile eines Smartphones lassen sich so viel besser nutzten.