Eine ungewöhnliche Jubiläumsschrift aus dem Jahr 1930 tauchte kürzlich beim Turn- und Sportverein Bonndorf auf. Zum zehnjährigen Bestehen der Fußballabteilung fasste damals ein unbekannter Autor die Ereignisse jenes ersten „Dezenniums“ zusammen. Rolf Maier erhielt vor Jahrzehnten die Festschrift in losen Teilen von Ferdinand Sigg. Karl-Heinz Strauß machte sich nun die Mühe, die losen Seiten mitsamt Werbeblock zusammenzustellen.

Sehr stolz müssen die Kicker gewesen sein, dass sie bereits zum zehnjährigen Bestehen ihrer Abteilung im Turn- und Sportverein eine Festschrift verfassten.
Sehr stolz müssen die Kicker gewesen sein, dass sie bereits zum zehnjährigen Bestehen ihrer Abteilung im Turn- und Sportverein eine Festschrift verfassten. | Bild: Martha Weishaar

Die dort dargelegte Geburtsstunde des Fußballs in Bonndorf liest sich interessant. Einige Formulierungen klingen in den Ohren des Lesers aus dem 21. Jahrhundert allerdings recht kurios. So schreibt Justizobersekretär Walter in seinem Nachwort, dass es im Vereinssport „keine sozialen Schranken, weder oben noch unten“ gebe. Nach einem generellen Loblied auf den Sport im Allgemeinen fordert der Autor außerdem: „Sport und Turnen muss eine Pflicht des Volkes werden, Regierung und Volksvertretung müssen diese Pflicht organisieren.“

Sport für alle

Sport und Turnen seien das beste Mittel zur körperlichen Gesundung des ganzen Volkes, also müssten Turnhallen und Sportplätze in „reichstem Maße allen Volksgenossen geöffnet werden. Gemeinde und Staat müssen sie freigiebig schaffen“. Walter forderte Sportunterricht für alle Schüler, verbilligte Fahrten zu sportlichen Wettkämpfen sowie eine Unfall- und Haftpflichtversicherung für alle Sporttreibenden. Politische und konfessionelle „Abschließung“ dürfe es ebenso wenig geben wie Klassensport. Vielmehr forderte er „kameradschaftliche Aufopferung des Einen für alle“ und lobte das „charakterbildende“ des Mannschaftssports.

Kritik an der Gründung

Viele standen 1920 der Gründung einer Fußballabteilung im damaligen Turnverein ablehnend gegenüber. „Die Tatsache, dass der Fußballsport die jungen Leute den Straßen und Gassen entzieht, sie auf den grünen Rasen ruft, dort zu gesunden, wahrhaften und charakterfesten Männern heranbildet, belehrte diese eines anderen“, schreibt der Chronist. Gekickt wurde in Bonndorf zwar schon vor dem Ersten Weltkrieg, doch genau der verhinderte eine frühere Vereinsbildung. Erst nach der Heimkehr der Soldaten seien „allenthalben Fußballvereine ins Leben gerufen und der Sportgedanke neu belebt worden“.

Bescheidener Beginn

Am 26. Mai 1920 wurde auf Initiative der Herren Thomas und Fiedler im Bahnhofshotel die Fußballabteilung gegründet, mit eigenem Schriftführer und eigenem Kassierer. Nachdem man anfänglich auf einem unebenen Holzabladeplatz an der Gündelwanger Eisenbahnbrücke kicken musste, fand das erste Wettspiel auf „einer Wiese am Alleeweg“ statt.

Großer Zulauf

Hatte man im Auswärtsspiel noch 0:6 gegen Tiengen verloren, ging die Partie in Bonndorf 3:3 dann unentschieden aus. Die Namen der ersten Kicker lauteten Thomas, Fiedler, Schöndienst, Lüber, Weishaar, Blum, Eisinger, Volk, Müllerleile, Fischer und Mayer. Die Fußballabteilung erhielt einen derartigen Zulauf, dass bereits in den ersten beiden Jahren ihres Bestehens eine zweite und sogar eine dritte Mannschaft gebildet werden konnten. Als „wilder“ Verein hatte man allerdings einige Schwierigkeiten, insbesondere, was Schiedsrichter und die Abmachung von Vereinbarungen mit anderen Vereinen anbelangte. Also trat die Bonndorfer Fußballabteilung 1921 dem Süddeutschen Fußballverband bei. Dieser sei ein „Ruhepol im Wirrwarr der Meinungen“ gewesen.

Erfolge werden gefeiert

1922 stießen August und Ferdinand Sigg aus Jestetten zu den Bonndorfer Kickern. Die Brüder bescherten dem Verein einen Aufschwung. Gleichzeitig stellte die Stadt eine Spielplatzanlage zur Verfügung. Ein Jahr später waren die Bonndorfer Kicker Meister der C-Klasse. Weite Fahrten zu Gegnern im Breisgau strapazierten allerdings die Vereinskasse erheblich. Zur Anschaffung von neuen Toren mit Drahtnetzen lieh die Sparkasse dem Verein 400 000 Mark, die infolge der Inflation gleichwohl nie zurück bezahlt werden mussten. Der Aufstieg in die B-Klasse überforderte die „biederen Schwarzwälder“, auch habe der Kassierer ständig „Questionen“ gemacht.

Jugend bewährt sich

Der Neuzugang des Herrn Walter brachte 1925 sportlichen Aufschwung. Als Spielertrainer führte er, unterstützt von Lehrer Gißler, Gymnastikabende ein und förderte die Jugendausbildung. Die TuS-Sportler heimsten in der Folge auch bei Leichtathletikwettkämpfen Erfolge ein. Die Rückkehr aus der A-Klasse verkleinerte den Aktionsradius der Kicker und brachte diese wieder auf Erfolgskurs. 1926 war Bonndorf Meister. Die Jugend bewährte sich, der Autor der Festschrift bezeichnete es als erfolgreichstes Jahr der Fußballer.

Krise bemerkbar

Die Wirtschaftskrise machte sich in den Folgejahren allerdings auch beim TuS bemerkbar. Der Jugendbetrieb litt, die Chronik berichtet von „ewigen Geldkalamitäten“. 1928 streikte nach etlichen Abgängen gar der Vorstand, der Weiterbestand der Fußballabteilung wurde in Frage gestellt. Erst ein Pokalsieg in Weizen beflügelte den Verein wieder. Als unersetzlicher Mitstreiter erwies sich Ferdi Sigg.