Sie nutzen den Bollenhut in ihrem Emblem. Sie sind hier daheim, seit Jahrzehnten, teils ein Leben lang. Und doch fühlen sie Unterschiede, unnötige in ihren Augen. „Vielfalt in Bonndorf“ heißt ein neuer eingetragener Verein, der sich nun der Öffentlichkeit vorstellte und am 22. April um 11.30 Uhr zur Begegnung in den Bonndorfer Ratssaal einlädt.

Vorsitzende ist Dudu Tekinkaya. Sie und ihre Freunde wollen gewissermaßen die Vielfalt in Bonndorf feiern, mögliche Missverständnisse ausräumen und mit gemeinsamen Begegnungen für mehr Miteinander sorgen. „Jeder hier hat persönliche Gründe für die Arbeit in dem Verein“, verrät die mehrfache Mutter, die hier aufgewachsen ist und Modedesign studiert hat.

Etwas an die Gemeinschaft zurückgeben

„Meine Eltern haben mich tagsüber abgegeben an eine deutsche Familie, während sie arbeiten waren. Und dort bin ich behandelt worden, wie ein eigenes Kind, wie die eigenen Enkel. Dafür möchte ich gerne etwas zurückgeben an die Gemeinschaft“, sagt Dudu Tekinkaya. Sie hat, ebenso wie die anderen Gründungsmitglieder, türkische Wurzeln. Aber genau diese Sichtweise, diese reflexhafte Unterscheidung soll abgebaut werden.

„Wir haben Kollegen, mit denen wir umgehen wie mit Freunden, aber außerhalb der Arbeit bleibt nur ein Hallo und ein Tschüß übrig“, sagt Gülseren Akhaya. Mit fünf Jahren ist sie nach Deutschland gekommen, sie lebt seit 44 Jahren hier. Tragisch und bewegend sind die Bindungen von Deniz Söker an Bonndorf. Die junge Frau und Mutter ist Witwe.

Ihr verstorbener Mann ist der erste türkischstämmige Bonndorfer gewesen, der hier, vor wenigen Monaten erst, in seiner Wahlheimat Bonndorf – nach den Regeln seiner Altvorderen – auf dem Friedhof beerdigt wurde. „Das war ein großer Schritt für die Türken in Bonndorf“, sagt Gülseren Akhay. „Ich bin hier aufgewachsen, fühle mich wohl in Bonndorf und Deutschland“, meint Deniz Söker, die mit dieser Beerdigung diesen großen Schritt möglich gemacht hat.

Den Menschen nehmen, wie er ist

Wichtig sei doch, dass man sich persönlich kennenlerne, den jeweiligen Menschen, wie er ist und ihn nicht nach Äußerlichkeiten beurteile. „Ich will nicht, dass die Leute Abstand halten, nur weil ich ein Kopftuch trage“, sagt sie.

Die jüngste in der Runde, die 25 Jahre alte Sehnaz Koyun, ist hier geboren und aufgewachsen und erinnert sich trotz der freundlichen Grundstimmung an schwierige Jahre, in der Grundschule etwa. Einen Hauch von „Anders sein“ habe sie dort täglich gespürt. Sie ist sich heute noch sicher, dass die Lehrerinnen sie nicht mochten. „Ich bin benachteiligt worden, weil ich Ausländerin war“, sagt die junge Frau mit dem deutschen Pass.

„Jeder Mensch hat von Grund auf ein gutes Herz. Deshalb möchte ich, dass die Menschen in Frieden leben und dafür brauchen wir mehr Austausch“, meint Aydin Ipekli, der einzige Mann in der Vorstellungsrunde und im Übrigen der ältere Bruder der Vereinsvorsitzenden.

Hat er als Mann, zumal als türkischstämmiger, ein Problem, sich der Vereinsvorsitzenden, seiner jüngeren Schwester, unterzuordnen in Vereinsbelangen? Diese zugegebener Maßen vorurteilsbeladene Nachfrage liegt auf der Hand. „Nein, im Gegenteil, ich bin sehr stolz auf meine Schwester, dass sie so etwas aufbaut“, meint er lachend.

Mittlerweile ist die vierte Generation in Bonndorf daheim

Und die packt die Gelegenheit beim Schopf. Sie erzählt von der Zeit, als die Menschen aus Italien oder der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. „Die wollten hier ein paar Jahre arbeiten und sich ein Haus oder einen Traktor verdienen.“ Über 50 Jahre sei das her, längst sei hier die zweite, dritte, vierte Generation daheim. Und im Fall der Menschen mit einem Migrationshintergrund aus türkischen Landen, sei es so eine Sache mit der „anderen oder ursprünglichen Heimat“.

„In Deutschland sind wir für viele einfach nur Ausländer, auch wenn wir hier aufgewachsen sind. In der Türkei werden wir Deutschländer genannt und bekommen auf den Märkten Touristenpreise“, ergänzt Deniz Söker.

Jedenfalls sind es Nachbarschaftsprojekte, Begegnungen, auch beim Fastenbrechen, gemeinsame Fahrten, um nur einige Beispiele aus dem großen Ideenschatz der Mitglieder des „Vielfalt in Bonndorf-Vereins“ zu nennen, die zusammenfügen sollen, was schon längst zusammen gehöre, nämlich die Menschen hier; egal welcher ursprünglichen Herkunft, als Nachbarn und Freunde.

Warum ein neuer Verein, stellt sich die Frage. Schließlich gibt es ja schon einen türkischen Kulturverein und auch die Freunde des Friedens. Die Antwort von Dudu Tekinkaya ist denkbar einfach: „Wir wollen nicht nur für Türken da sein und auch nicht vornehmlich für Flüchtlinge. Wir stehen für alle, die hier leben und wollen alle verbinden.“

 

Die Eröffnungsfeier

Der Verein „Vielfalt in Bonndorf“ lädt alle Interessierten ein zur großen Eröffnungsfeier in den Ratssaal der Stadt, am 22. April um 11.30 Uhr. Neben Musik von einem jungen deutschen Gitarristen und von türkischen Musikern, werden türkische Spezialitäten gereicht, sogar die Rezepte können mitgenommen werden. Die Besucher können Bilder nach einer Wassermaltechnik machen und bekommen viel Gelegenheit zum persönlichen Austausch.