Paddy Tinsley ist das, was man gemeinhin als "eine Type" bezeichnet. Der Ire mit schlohweißer Mähne und urwüchsigem Bart lebt mit seiner Ehefrau Doris Schweizer seit fast zwei Jahren in Bonndorf. Viele Jahre seines Lebens hat Tinsley damit verbracht, sein tägliches Auskommen auf den Straßen des Europäischen Festlands, in den Niederlanden, Frankreich, Belgien und Deutschland zu verdienen – als Musiker.

"Wenn man am Morgen etwas Geld in der Tasche hat, ist doch alles gut", sagt er. Freilich hätten andere mehr Zimmer in ihrer Wohnung als jemand, der heute hier und morgen dort nächtigt. Sie seien aber auch eingepresst in einen Alltag, der weniger dem Leben als vielmehr der Arbeit gewidmet ist. In der Zeit als Straßenmusiker habe er nicht nur bei Freunden übernachtet – oder auch bei Freundinnen – oft sei als Schlafplatz nur noch die freie Natur infrage gekommen. "Im Winter ist das hart. Aber im Sommer kann das schon ein Gefühl der Freiheit mit sich bringen", sagt er. Das schärfe den Blick für die wesentlichen Dinge. "Du lernst dabei, das Leben auf eine andere Weise zu verstehen. Viele Kleinigkeiten, die für andere wichtig sind, sind für mich egal."

Paddy Tinsley (Mitte) musiziert bei der Eröffnung seiner eigenen Ausstellung mit dem Trio Tangled Twiggs, also mit Roswitha Schmidt (links), und Thomas Szejnmann (rechts).
Paddy Tinsley (Mitte) musiziert bei der Eröffnung seiner eigenen Ausstellung mit dem Trio Tangled Twiggs, also mit Roswitha Schmidt (links), und Thomas Szejnmann (rechts). | Bild: Gudrun Deinzer

Paddy Tinsleys Augen leuchten, wie übrigens oft während seiner Erinnerungen, wenn er von den Jahren in Antwerpen erzählt. "In den 80er Jahren waren da überall Musiker, Schriftsteller und Maler verschiedenster Nationalitäten." Es sei die Zeit gewesen, als Straßenmusiker "noch etwas vom Geschäft verstanden". Einem ungeschriebenen Gesetz folgend, habe man sich in einer Zahl und in räumlichem Abstand so niedergelassen, dass auch noch etwas für jeden zu verdienen war. Anders sei das zu Beginn der 90er Jahre nach der Maueröffnung in Freiburg gewesen, als eine Vielzahl von Musikern die Straßen überfluteten. Ausweichtouren führten Tinsley beispielsweise auf die Straßen Lahrs, Offenburgs, Staufens, Pforzheims, Stuttgarts und so weiter.

Paddy Tinsley bei der Eröffnung seiner eigenen Ausstellung mit dem Trio Tangled Twiggs, also Roswitha Schmidt (links), und Thomas Szejnmann (rechts).
Paddy Tinsley bei der Eröffnung seiner eigenen Ausstellung mit dem Trio Tangled Twiggs, also Roswitha Schmidt (links), und Thomas Szejnmann (rechts). | Bild: Gudrun Deinzer

Gegen Antwerpen sei das beschauliche Freiburg im Übrigen zunächst "boring" (langweilig) gewesen – ins Englische fällt Tinsley immer wieder zurück, wenn er nach dem richtigen Wort sucht oder es emotionaler wird. Diese Langeweile indes hat nicht lange angehalten. Dort in Freiburg, in einem Pub, hat er 1992 seine heutige Partnerin kennengelernt. Doris Schweizer war es letztlich auch, die ihn mit nach Bonndorf gebracht hat. "Ich bin hier aufgewachsen und später, als meine Eltern weggezogen sind, war ich immer in den Ferien hier bei meiner Oma", sagt sie und erinnert an das ehemalige Kaufhaus Lüber, aus dem sie stammt. Als Doris Schweizer ihren Paddy kennengelernte, hatte sie ihre erste Ehe, an die sie sich nicht besonders gerne erinnert, hinter sich. Zwei Kinder aus dieser Verbindung zog sie alleine groß, studierte neben der Arbeit für den Lebensunterhalt unter anderem Keltologie im Hauptfach.

Mit ihr gemeinsam bewältigte Paddy Tinsley auch die negativen Auswirkungen seines Vagabundenlebens. Das morgendliche Kleingeld sei nämlich allzu oft in die erste Flasche Alkohol gesteckt worden, bis er sich irgendwann eingestand, abhängig davon zu sein. Ein Irischer Arzt habe ihm zugeraten, das Thema anzugehen, erinnert sich Doris Schweizer fast süffisant. Dieser habe nämlich nichts von Therapien gehalten, umso mehr aber von Valium, das Tinsley dann tatsächlich über dräuende Rückfallkrisen brachte. Seit Jahrzehnten trinkt er nun schon keinen Schluck mehr.

Angefangen hat die Musik-Reise des Paddy Tinsley ganz einfach. In Irland war er "Postboy" gewesen, direkt nach der Schule mit 16 Jahren. Sechseinhalb Jahre später hat die Irische Post ganze 18 Wochen lang gestreikt und Tinsley hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt, seine Gitarre geschnappt und ist Musik machender Weise durch Irland getingelt. Von Anfang an hat er eigene Lieder geschrieben. "Ich habe mich hingesetzt und mit der Gitarre etwas ausprobiert und daraus ist dann meist ein Lied entstanden", erzählt er.

Inspiriert habe ihn der Irische Folk, aber auch Bob Dylan. Spontan kann er sich an zwei Stücke erinnern, die er gezielt, am Tisch sitzend, geschrieben hat. Eines für seine Frau Doris. Derzeit sei er beschäftigt mit einem Musical. Nach dem Tod eines Freundes in Antwerpen habe er damit angefangen. Die Schlüsselszene: Die traurig am Spiegel sitzende hinterbliebene Frau des Freundes. "Ich hoffe, wir schaffen das bald auf die Bühne", sagt er und verrät, dass das vermutlich im Theater eines anderen Freundes in Villingen sein wird.

So sieht Paddy Tinsleys seine Ehefrau Doris Schweizer als Maler.
So sieht Paddy Tinsleys seine Ehefrau Doris Schweizer als Maler. | Bild: Gudrun Deinzer

Viel malt Paddy Tinsley inzwischen in seinem häuslichen Bonndorfer Alltag. "Ich bin Autodidakt, wie eigentlich mit allem in meinem Leben." Mit einem ganz guten technischen Verständnis auch für allerlei Alltagsbasteleien, die im täglichen Leben anfallen, habe er auch eine ganz gute Grundlage für das Malen. "Ich sehe, wie ich etwas drehen muss, damit es richtig ist und wollte immer Malen, hatte aber nie die Chance dazu, jetzt habe ich sie wahrgenommen", freut er sich.

Eine Ausstellung mit seinen Werken konnte er bereits im Bonndorfer Rathaus eröffnen. Und er war wohl der Erste, der seine eigene Musik dazu spielte. Die Motive stammen aus seiner Fantasie, seiner Biografie und von der Wanderschaft. Einige sind auch aus der direkten Umgebung. Und wenn er noch etwas anfangen würde, wäre das Arbeit mit Holz. "Aber ich fürchte, da habe ich lange keine Zeit dazu, ich habe ja die Musik, die Malerei, das Haus, den Garten, meine Frau und den Hund", sagt er und Doris Schweizer lacht herzlich.

Zur Person

Paddy Tinsley, 61, ging im Alter von 22 Jahren aus Irland weg und war Jahrzehnte lang als Straßenmusiker oft mit keinem festen Wohnsitz unterwegs. Seit 25 Jahren übt er seine Künste an der Seite seiner Frau Doris Schweizer aus. Zum Liederschreiben mit seinen beiden Formationen Tangled Twiggs und im Duo mit Brian O’Leary im Liffey-Duo ist inzwischen auch die Malerei hinzu gekommen.