„Niemand wird nicht bewegt von Niemanns Bildern.“ Mit diesem Wortspiel brachte die Kunsthistorikern Bettina Richter aus Zürich in ihrer Einführung „Bewegte Bilder. Illustrationen von Christoph Niemann“ ihren Bilder-Eindruck auf den Punkt. Die teilweise neu gestalteten Räume von Schloss Bonndorf präsentieren in der ersten Ausstellung des Jahres 2019 einen vielfältigen Einblick in das Schaffen des Illustrators, Grafikers und Autors.

Animationen auf Bildschirmen

Vor allem Animationen, die auf Bildschirmen und einer Leinwand zu sehen sind, prägen die Ausstellung. Allein fünf Monitore geben im ersten Eckraum einen schönen Eindruck der Niemannschen Animationskunst. Da werden auf einem Monitor Titelseiten des „NewYorker“ durchgespielt. Auf einem Zweiten sehen wir bewegte Bilder zum Thema Zeit: Vor Großstadt-Kulisse lässt Niemann etwa eine mit wenigen Strichen angedeutete Uhr durch den Fluss laufen wie ein altes Schaufelrad eines Mississippidampfers.

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Auf dem Dritten sehen wir eine Bildgeschichte über eine Reise in die Arktis für das National Geographic. Die Story wird von Aquarellen, unterlegten Texten und Photographien mit darüber gelegten plakativen Strichzeichnungen transportiert. Das funktioniert auf Papier im Magazin, aber noch besser auf einem Bildschirm, da eben die Strichzeichnungen dann auch bewegt werden können. Es ist diese Stil-Mixtur, die den Betrachter fesselt.

In der Animation „Beach“ tauchen plötzlich Blutstropfen auf.
In der Animation „Beach“ tauchen plötzlich Blutstropfen auf. | Bild: Andreas Mahler

Ein Wanddurchbruch hat einen zusätzlichen kleinen Ausstellungsraum im Schloss geschaffen. Darin wird eine Leinwand mit kurzen Animationen bespielt, die auf den ersten Blick in lustiger Form Kritik am kriegerischen Weltgeschehen üben. Ein zeitungslesender Mann beispielsweise steht mit den Füßen im Meer. Urlaubsstimmung ist mit flächiger, farblich reduzierter Graphik geweckt. Doch vom Zeitungsrand lösen sich plötzlich Blutstropfen und färben das Wasser rot. Durch einen animierten Dreh sind Idylle und Schrecken in Eins gefasst.

Verrückte Arbeit

Wie verrückt Christoph Niemann manchmal arbeitet, wird an dem großen Plakat über den New Yorker Marathon deutlich. Er ist ihn selber gelaufen und hat dabei seine Eindrücke gezeichnet, aquarelliert und photographiert. Herausgekommen ist eine Collage mit 46 Bildstationen. Bildwitz und Wortwitz sind mitgelaufen. Man sieht den Künstler als teilnehmenden Beobachter, der natürlich ganz andere Perspektiven hat, als wenn er nur von außen so eine Sportveranstaltung dokumentierte.

Ein live-Bericht vom 6. November 2011 – Christoph Niemann setzte seine Teilnahme am New York City-Marathon künstlerisch um, designed von Ariane Spanier. Die Ausstellung „Bewegte Bilder“ ist im Schloss zu sehen.
Ein live-Bericht vom 6. November 2011 – Christoph Niemann setzte seine Teilnahme am New York City-Marathon künstlerisch um, designed von Ariane Spanier. Die Ausstellung „Bewegte Bilder“ ist im Schloss zu sehen. | Bild: Stefan Limberger-Andris

Niemann arbeitet auch in klassischer Manier. Im Bildzyklus Venedig, der 2017 im "ZEIT Magazin" erschienen ist, aquarelliert er in fast monochromer Weise die Reisestationen und Querelen des Touristen durch und spart nicht mit selbstironischen Anmerkungen bezüglich touristischer Misslichkeiten. Auch hier gilt die Niemannsche Devise: „It’s a thin line between being a decoder and being decoded.“

Digitalisierung öffnet Räume

Bettina Richter verwies auf die Umbrüche in der Kunst vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Zeitschriften, Illustrierte und Plakate schufen damals neue technische Möglichkeiten für den künstlerischen Ausdruck. Damit einher ging eine Absage an das bürgerliche Kunstverständnis mit seinen bevorzugten Bildinhalten aus Mythologie, Bibel und Herrschaftsgesten. Analog ordnet die Kunsthistorikerin die digital animierten zeitgenössischen Arbeiten Niemanns ein. Denn die Digitalisierung erlaubt Produktions- und Verbreitungsweisen, die noch nicht lange durchführbar sind.

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Christoph Niemann nutzt diese technische Möglichkeiten aus. Über Instagram experimentiert er beispielsweise mit Kürzestbildgeschichten und erreicht mit Alltagsszenen und universaler Bildsprache unmittelbare Reaktionen aus dem Internet. Seine Arbeiten brauchen kein exklusives Kunstpublikum mehr. Der Künstler ist nicht mehr verwiesen auf einen nörgelnden Leserbrief auf Magazinpapier, um Kontakt zum Publikum zu bekommen. Für Niemann bieten die sozialen Medien einen positiven Experimentier- und Resonanzraum mit fast unheimlicher Reichweite.

Die Bildergeschichten von Christoph Niemann sind oft ironische Selbstreflexionen.
Die Bildergeschichten von Christoph Niemann sind oft ironische Selbstreflexionen. | Bild: Andreas Mahler

Im Schloss Bonndorf sind längere Bildgeschichten als auch ganz kurze Animationen zu sehen. Letztere könnten Lockmittel für Menschen sein, die ansonsten den Museumsgang scheuen. Susanna Heim, die mit dieser Ausstellung einen ersten eigenen Akzent als Kulturreferentin gesetzt hat, möchte das etablierte Museumsklientel – bei der Vernissage mussten die Letzten stehen – nicht verlieren, aber eben auch neues Publikum dazu gewinnen. Dazu ist die derzeitige Ausstellung mit ihrer digitalisierten Anbindung vorzüglich geeignet. Auf der Internetseite von National Geographic kann sich zum Beispiel jeder Appetit auf die Ausstellung machen. Für ortsnahe Schulen etwa eine tolle Gelegenheit, mal einen Museumsbesuch auszuprobieren.

Eine Ampel mit Gefühlsausdrücken.
Eine Ampel mit Gefühlsausdrücken. | Bild: Andreas Mahler

Christoph Niemann, der 1970 in Waiblingen geboren wurde, in Stuttgart studiert hat, 1997 nach New York ging, um dort zu reüssieren, kehrte 2008 nach Berlin mit Frau und drei Kindern zurück nach Deutschland. Er ist ein Großstadtmensch, bekennt er im Gespräch. Als Graphiker fast ein Chronist von New York. Landrat Martin Kistler nahm diese Großstadtverknüpfung in seiner Begrüßung auf, um einen dankbaren Bindestrich ins vermeintlich idyllische Bonndorf zu ziehen.

Erkennender und Ertappter

Von Niemann selber ist ein Aquarell mit ländlichem, fast einheimischen Sujet zu sehen: Rhein bei Ottenheim. Wer da länger hinsieht, merkt, dass wir auch einen Niemann des ländlichen Raumes bräuchten, der die Absurditäten vor Ort in graphisch reduzierter Geste entlarvt. Und dabei noch ironisch freundlich gestimmt bleibt. Als Künstler gibt sich Niemann oft als Erkennender und Ertappter zugleich. Wir Betrachter auch, wenn denn die Bildidee gezündet hat. Ist das nicht eine schöne Kunstform der Aufklärung?