Herr Scharf, die Werkrealschule hat in diesem Schuljahr weder eine fünfte, noch eine zehnte Klasse. Es gibt schon klassische Werkrealschüler in die Realschule zu integrieren. Was ist Ihre Idealvorstellung von einer Fortentwicklung der Schul- und Bildungslandschaft Bonndorf?

Vor sechs Jahren hat die Landesregierung die neuen Zeichen gesetzt. Das interessanteste Zeichen war der Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung. Das wurde damals tatsächlich heiß diskutiert. Aber wenn die Politik die Schulentscheidung in die Hand der Eltern legt, müssen alle Beteiligten damit umgehen. Ich war sehr überrascht, wie hart und scharf dieser pädagogische Teil diskutiert wurde. Es war damals schon abzusehen und hat sich jetzt auch bewahrheitet: Die Werkrealschule liegt in den letzten Zügen in Bonndorf. Und es ist für mich und unsere Direktoren sicherlich ganz, ganz wichtig, dass die Werkrealschüler, die diese Schule noch besuchen, ihren Abschluss dort machen, hervorragend betreut werden in dieser Ausbildung. Jetzt hat demnach auch die Realschule die Aufgabe, unterschiedlichste Schüler mit unterschiedlichsten Grundschulempfehlungen, die eben nicht mehr verbindlich sind, zu beschulen. Da bin ich gespannt, mit unserem neuen Rektor, wie diese Möglichkeiten aussehen.

Die Realschule wird damit, mindesten hier im ländlichen Raum, von der Klientel her zu einer Gemeinschaftsschule wider Willen. Hat Bonndorf, hat der Schulzweckverband eine historische, nämlich eine echte Gemeinschaftsschule zu gründen, Chance und diese verpasst?

Ich würde nicht sagen, dass die Schulträger etwas verpasst haben. Die Schulentwicklung kommt aus den Schulen und muss von den Schulträgern begleitet werden. Die Zeichen sind vorgegeben, auch jetzt mit Grün-Schwarz und ich gehe davon aus, dass unsere Lehrer die richtige Methodik finden, die Schüler zu beschulen. Denn auch von den demografischen Zahlen her, ist auch unsere Realschule kein Selbstläufer.

Das heißt, wenn das ausgereizt ist, fehlen auf der Werkrealschule die Schüler, aber auch insgesamt werden die Schülerzahlen nicht mehr steigen.

Wir kommen in den weiterführenden Schulen im Vergleich von zehn Jahren von ungefähr 160 Schülern in diesem Jahr auf nicht einmal 100 Fünftklässler. Das heißt, Bonndorf wird immer darauf angewiesen sein, dass Schüler von anderen politischen Gemeinden den Weg in eine gute Schule suchen. Die Erwartungen zu erfüllen, ist die Aufgabe, die nun verstärkt auf uns zukommt.

Da sind wir auch beim Thema Mobilität. Wenn die Schule nicht bei den Menschen ist, müssen die Menschen zur Schule kommen. Sind Sie zufrieden mit den Möglichkeiten, die die Bürger im öffentlichen Personennahverkehr haben?

Traditionell ist der Öffentliche Personennahverkehr in drei Bereiche zu gliedern. In die Schüler, in die Erwachsenen, die das beruflich nutzen und dann auch noch in den Kurgast und in die Einzelfahrten. Natürlich kann man von allem immer mehr haben. Aber ich anerkenne die großen Bemühungen, sowohl von der SBG, als auch vom Landkreis, den Schülerströmen nachzufolgen. Ich hatte damals die Prognose, dass aus 31 weiterführenden Schulen acht Schulstandorte werden. Es kann sich jetzt widerspiegeln, dass es zwischen fünf und neun sind. Das ist ein sehr, sehr langer Prozess, der kommen muss. Hinzu kommt, dass immer mehr Schüler aus dem Landkreis heraus gehen, in den Landkreis Schwarzwald-Baar, den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald und den Landkreis Lörrach und in den Landkreis Konstanz pendeln. Es war immer schon mein Bemühen, vom Landrat zu erbitten, eine Bilanz von Ein- und Auspendlern zu führen. Ich glaube, die Ergebnisse wären für unseren Landkreis katastrophal. Das heißt, uns wird nichts anderes übrig bleiben, unsere Schüler noch weiter aus dem Landkreis herauszubringen in die Nachbarlandkreise und sie fahrplanmäßig zu begleiten.

Das heißt, es ist gar nicht so entscheidend, ob die Schüler die Schulen anderer Landkreise besuchen, es muss vielmehr für sie so bequem sein, dass sie gerne hier wohnen bleiben.

Seit sechs Jahren mussten wir erkennen, dass der Eltern- und Schülerwunsch dem des Kommunalpolitikers vorgeht. Wir sind für unsere Eltern und Schüler da, nicht für Arbeitsbedingungen der Lehrer und nicht für Wünsche der Kommunalverwaltungen.

Kann der Landkreis mehr tun für die Vielfalt der Schullandschaft. Macht der zu wenig?

Diese Frage ist dem Landrat zu stellen.

Wünscht sich der Bürgermeister von Bonndorf, dass diesbezüglich mehr getan wird?

Ich gehe davon aus, dass unser dynamischer Landrat, wenn er die schwierigsten Themen abgearbeitet hat, sofort zu solchen Themen übergehen wird.

Und die schwierigen Themen sind die Spitäler, die viel zu viel kosten, auch die Stadt Bonndorf über die Kreisumlage?

Zum Beispiel. Es werden sehr stark zwei Standorte diskutiert. Ich verstehe die Sorgen und Nöte an der Hochrheinschiene natürlich. Aber zum Schluss muss das auch jemand bezahlen. Und weder das Krankenhaus in Waldshut, noch das Krankenhaus in Bad Säckingen, ist das Krankenhaus der Bonndorfer. Ein Bonndorfer geht nach Freiburg, Villingen, Neustadt, Stühlingen. Unser Rettungsmittel ist immer mehr der Hubschrauber. Nachdem wir vor zehn oder 15 Jahren die Notarztsituation diskutiert haben und damals schon vom Roten Kreuz propagiert wurde, dass es mehr Hubschrauber geben muss, bin ich sehr froh, dass das heute so ist. Mit einem hervorragenden Notarzt in Bonndorf und der richtigen Diagnose und der richtigen Entscheidung, sucht der Notarzt das Krankenhaus, das für unseren Bürger das richtige ist und nicht das, das das politisch korrekte wäre.

Und das liegt in aller Regel nicht im Landkreis?

Das entscheidet derjenige, der die meiste Ahnung hat, also nicht der Bürgermeister, sondern der Notarzt.

Im Rahmen der Infrastruktur ist ein ganz entscheidender Faktor die Versorgung der Bürger mit schnellem Internet. Da ist Bonndorf vorangeschritten. Was waren die größten Hürden?

Ich würde diesbezüglich gerne auf das Stichwort Mobilität zurückkommen. Es wurde in den 70-er Jahren die Schwarzwaldautobahn sehr intensiv und emotional diskutiert. Diese Diskussion will ich natürlich nicht nochmals aufrollen. Aber Bonndorf wurde damals sehr stark von den Autobahnen abgehängt. Nun besteht die Chance, dass wir bei der Datenautobahn wieder die schnellsten sind. Und ich behaupte jetzt frech, dass vielleicht später Datenautobahnen wichtiger sind als andere Autobahnen.

Ist die Bedeutung dessen nicht eigentlich noch viel größer?

Trotz des demografischen Wandels rechne ich in Bonndorf mit weiter wachsenden Zahlen, aber auf den Ortsteilen stagniert die Einwohnerzahl. Wir haben sehr, sehr viele Gebäude in unseren Ortsteilen mit nur einer Person, oder gar Leerstände. Man kann die Gründe dafür sehr intensiv diskutieren. Aber die einzige Möglichkeit, diesen Trend umzudrehen und das Orts- und Landleben wieder interessant zu machen liegt in der Tatsache: Unsere Ortsteile sind künftig besser angeschlossen, als die Bundeshauptstadt. Dann macht es vielleicht allen auch Spaß, im ländlichsten Raum zu leben. Die Diskussion der letzten zehn Jahre wird sich meines Erachtens von der Frage um Schulstandort und Arbeitsplätze verlagern zu der Frage, ob man an seinem Wohnort an der Globalisierung teilhaben, können das auch meine Kinder, oder nicht.

Der ehemalige Wirtschaftsminister, Nils Schmid, ist in der vorherigen Legislaturperiopde einmal fürchterlich abgestraft worden, als er sagte, wenn sich alles nicht rechnet, soll halt Mal so ein Tal zuwachsen. Das war sicher undiplomatisch. Hatte er aber nicht Recht, dass ab einem bestimmten Punkt nicht mehr sinnvoll ist, eine Region aufrecht zu erhalten?

Ich bin genauso undiplomatisch wie Nils Schmidt war. Ich hatte in ein Gespräch mit einem Minister gebeten, ob man Landeszuschüsse auflegt, um Kanäle und Wasserleitungen aus dem Boden herausreißen zu können, damit wenigstens Natur, Natur sein kann. Das ist genau dieselbe Stoßrichtung. Entweder wir schaffen etwas, oder wir müssen überlegen, wie siedeln wir den Wolf an. Ich habe um einige Ortsteile nach wie vor Angst, dass sie derart viele Leerstände bekommen, dass diejenigen, die in diesen Häusern wohnen sich in diesem Ortsteil nicht mehr wohlfühlen. Und der Letzte macht dann das Licht aus.

Rührt daher das Bestreben, Subzentren anzubieten, wie das Gemeindehaus, das in Wellendingen für Wellendingen, Dillendorf und Brunnadern entstehen soll?

Als Holzschläger bin ich selber ein Ortsteilsmensch. Wir möchten dezentralisieren, soweit das überhaupt noch möglich ist. Ich hätte gerne in allen neun Ortsteilen einen Kindergarten und eine Grundschule. Ich versuche derzeit mit dem Gemeinderat zu verhindern, dass alles nach Bonndorf abwandert. Aber es gibt natürlich trotzdem Ortsteile, die werden keinen Kindergarten haben. Das beste Beispiel: Ich freue mich, dass wir in Wellendingen und Gündelwangen einen Kindergarten haben. Bei den Zahlen, die wir haben, müssten wir alle nach Bonndorf schicken. Von den knapp 7000 Einwohnern hat der Ortsteil Bonndorf fast 5000. Ich bin stolz, dass die Gemeinderäte ihre Ortsteile so hoch halten.

Wird es die Außenstellen der Grundschule in Wellendingen und Gündelwanden weiterhin geben?

Es wird das Bestreben sein, Systeme zu entwickeln, mit unserer Rektorin der Grundschule, an so vielen Stellen, wie möglich, Schule stattfinden zu lassen. Wir kommen von Zahlen mit 100 Kindern in den ersten Grundschulklassen und haben nun 50. Die nächsten sechs Jahre werden wir die 50 haben. Wenn ich die Zahl 50 durch drei Standorte teile, komme ich nicht auf drei, vier oder fünf Klassen. Das heißt, es war das Bestreben, mit dem Bürgerhaus andere Möglichkeiten der Beschulung zu finden., der Schule Lust zu machen, auch in einem kleinen Ortsteil zu sein, zum Beispiel in einem Ortsteil Inklusion durchzuführen. Diese Gebäude, das entsteht, ist wirklich ebenerdig. Wir setzten also alles daran, die Lust des pädagogischen Personals so zu fördern, dass sie gerne auf den Ortsteilen bleiben mit den Schulstandorten. Wenn wir nichts tun, sterben zwei Schulstandorte.

Wie ist das mit öffentlichen Gebäuden, die dann möglicherweise unnötig würden, wie die Martin-Gerbert-Schule?

Die Martin-Gerbert-Schule gehört nach wie vor dem Landkreis und ist für eine gewisse Zeit gepachtet. Ich bin gespannt, ob am Ende der Nutzungszeit, wenn der Landrat uns das Gebäude für einen Euro zum Verkauf anbietet, ob wir dieses Angebot überhaupt annehmen. Es wird aber auf die Zusammenarbeit zwischen Schule und Schulträger ankommen, ob wir Konzepte gemeinsam entwickeln können. Aber Sie sehen, der Schulträger hat Lust darauf.

Was macht der Zweckverband?

Ich stehe nach wie vor dazu. Ich würde auch gerne Fehler zugeben. Interessanter Weise passt zwischen die fünf Bürgermeister des Schulträgers kein Blatt Papier. Ich glaube, die Bürgermeister hatten sehr frühzeitig erkannt, dass man sich auf diesen Weg begeben muss. Alles, was man jetzt tut, egal in welcher Form, sprechen wir miteinander ab. Nichtsdestotrotz, auch wenn ich dankbar bin, als starker Vertreter des Schulträgers bezeichnet zu werden, Schule findet in der Schule statt. Wir Schulträger, da spreche ich für alle fünf, wollen die Schule begleiten. Aber bitte ausgerichtet auf das jeweilige Kind und nach den Zahlen. Manche Dinge werden nicht mehr gehen. Aktuell fehlen im Landkreis sehr viele Grundschullehrer. Im nordöstlichen Teil des Landkreises sieht es noch ganz gut aus, weil wir relativ nah an Freiburg sind. Es wird aber nicht so bleiben. Das heißt, man muss Methodiken finden, wie wir gemeinsam auch Grundschulen betreiben, mit weniger Lehrern.

Sie haben einen interessanten Ausflug zu verkehrspolitischen Maßnahmen damals in den 1970er Jahren in Bezug auf eine Schwarzwaldautobahn gemacht. Von den Autobahnen seien wir abgehängt worden, in den 1970er Jahren, von der Bahn auch. Bonndorf ist ein Unterzentrum. Ist es das deshalb, weil es auf sich alleine gestellt funktionieren musste?

Da widerspreche ich nicht. Für den örtlichen Handel ist die örtliche Verkehrsanbindung Gold wert, weil wenig Kaufkraft aus dem Ort abfließt. Für die Industrie ist es eine Katastrophe, dass man von Bonndorf auf die Autobahn fast so lange braucht, wie von der Autobahn nach Stuttgart. Also gibt es wie immer zwei Seiten. Es gibt auch mehrere Scharfs. Mein Opa war für die Bahnstrecke Neustadt Bonndorf zuständig als Gleisführer. Er hätte darauf sicherlich eine ganz andere Antwort gehabt.

Wenn man sich Ortschaften ansieht, die an die Bahn angebunden sind, wie etwa Löffingen, wo man einsteigen kann und schnell und bequem nach Freiburg kommt, und dann deren Ortskern, drängt sich auf, dass diesem Städtle die Bahn nicht nur nützt.

Über die Nachbargemeinde Löffingen möchte ich nichts sagen. Aber es ist glaube ich schwer, im Großraum Stuttgart, Bürgermeister einer 7000-Einwohner-Gemeinde zu sein. Wenn ich dort Bürgermeister wäre, wäre mein einziges Bestreben, einen S-Bahnanschluss zu bekommen und möglichst wenig Infrastruktur auszubauen. In der Großregion Stuttgart merke ich auch, dass die Zusammenarbeit sehr schwer ist. Ich liebe dieses Bonndorf, ich liebe, dass es eine Zentrumswirkung hat.

Zum Thema Bauen: Die Bauplätze sind viel schneller weg, als man das erst einmal gedacht hat. Will das der Bonndorfer Bürgermeister?

Dieser Bauboom ist nur einem einzigen geschuldet und das ist der Niedrige Zinssatz. Ich habe nie gedacht, dass man eine Hausfinanzierung unter zwei Prozent bekommt. Ich darf ja auch Verwaltungsratsvorsitzender einer bekannten Bank in Bonndorf sein. Ich habe wirklich Angst, wenn die Zinsen steigen, ob das, was junge Leute investieren hält. Das heißt, dieser Bauboom ist künstlich. Ich komme von der Mathematik und habe immer gesagt, 10 Prozent sind Zins und Tilgung. Und ich empfehle allen Leuten, die jetzt bauen, den goldenen Zins zu nehmen und sich zú freuen, wenn sie jedes Jahr acht Prozent abzahlen können und nur zwei Prozent Zins zahlen. Dann hätten wir ein wunderbares Wachstum, wenig Ehestreitigkeiten in den Neubaugebieten und zufrieden Bürger. Hier habe ich wirklich eine große Angst, dass einiges schief geht.

Gehen wir zur anderen Seite der Lebensskala, zum Leben im Alter. St. Laurentius hat um die 100 Bewohner. Und um die 100 Angestellten.

Ich würde es eher umdrehen. Als ich angefangen hatte und auch ein Konzept schon von meinem Vorgänger vorgefunden hatte, waren 80 Personen auf dem Campus. Wir haben jetzt auf dem Campus etwa 200 Personen, allerdings in unterschiedlichsten Wohnformen: Im Pflegeheim, im Betreuten Wohnen, in Tagespflege. Sehr frühzeitig sind wir in diese Richtung gegangen und haben sehr stark ausgebaut, ich merke aber, dass wir insgesamt mit diesen 200 Personen überziehen. Für die Region Bonndorf werden wir irgendwann 400 Personen versorgen müssen. Das ist jetzt nicht aus Bonndorf zu denken, sondern mit der Region: Wie bekommen wir die 400 Leute versorgt. Da freut mich jede Bestrebung meiner Bürgermeisterkollegen. Ob die Themen Tagespflege, Gesundheitszentren oder Ärztehäuser sind. Alle solche Bestrebungen sorgen für eine Gesamtversorgung. Wenn wir früher eine Konkurrenzsituation gehabt haben, im Sinne von der Belegung der Plätze, ist jetzt das Hauptproblem, egal in welcher Pflegeform, wo bekomme ich Personal her. Und wenn ich gefragt werde, ob wir mehr Plätze brauchen, muss ich das herumdrehen und sagen, ich hoffe, dass wir die derzeitigen Plätze und das Personal dafür halten können. Es ist auch wahnsinnig schwer, Menschen in diese Ausbildungen zu bekommen. Wir spüren den Trend: Über 50 Prozent der Deutschen Schulabgänger-Jahrgänge studieren. Ich habe einmal gelernt, dass eine gesunde Volkswirtschaft zehn Prozent Akademiker braucht. Also sind wahrscheinlich 40 Prozent der Menschen auf einer falschen Schule. Und es wird die Aufgabe der Politik sein, aber auch der Wirtschaft, das zu regulieren. Man merkt ja erste ‚Ansätze im Handwerk: Da lässt sich wieder richtig ordentlich Geld verdienen. Und das ist der richtige Weg.

Fragen: Gudrun Deinzer