Der Pflege der Mundart galt im Schloss Bonndorf ein besonderes Augenmerk. Eingebettet zwischen Dichtern der Vergangenheit und aktueller Lyrik war die Bühne für alemannische Künstler frei. „Bei meinem Amtsantritt im April 2018 habe ich mir vorgenommen, auch einheimische Künstler zu fördern, indem wir Kulturschaffenden hier Raum und Zeit geben“, erklärte Kulturdezernentin Susanne Heim ihre Beweggründe für die Programmwahl an diesem ersten Lyriktag. Erika Buhr aus Todtmoos, Conrad Schierenberg vom Dachsberg, Markus Manfred Jung aus dem Kleinen Wiesental und Ludwig Kupka aus St. Blasien zeigten Vielseitigkeit.

Markus Manfred Jung
Markus Manfred Jung | Bild: Martha Weishaar

„Mit der Schönheit der alemannischen Sprache kann man alles sagen“, meinte Markus Manfred Jung. Der alemannisch sprechende Heimatdichter verwies darauf, dass Kinder, die Dialekt und Hochdeutsch reden, zweisprachig aufwachsen, was zu einer besseren Entwicklung des Gehirns führe und späteres Fremdsprachenlernen vereinfache. „Unsere Sprache ist in akuter Gefahr“, warnte Conrad Schierenberg. Er sei doppelsprachig aufgewachsen. Die Mutter, eine klassisch gebildete Schauspielerin, habe verlangt, dass er mit ihr Hochdeutsch rede.

Conrad Schierenberg
Conrad Schierenberg | Bild: Martha Weishaar

In Menzenschwand, wo er die Kindheit verbrachte, wurde alemannisch gesprochen. „Es ist wichtig, dass wir beide Sprachen sauber halten und es keinen Mischmasch gibt“, appellierte der 82-Jährige. Ihm gelingt das, doch es scheint zunehmend schwieriger zu werden. „Kinder geben ihren Dialekt beim Einsteigen in den Schulbus ab“, beobachtet Markus Jung. Als Lehrer in Schopfheim hörte er kaum Dialekt, obschon er wusste, dass die Mehrzahl seiner Schüler zu Hause nichts anderes sprach.

Was tun, um den Dialekt zu wahren?

Die zentrale Frage der Kulturdezernentin, was zu tun sei, um den Dialekt zu bewahren, fand eine klare Antwort. „Eine Sprache lebt, solange sie gesprochen wird“, ermutigte Manfred Jung. „Die Sprache wird nur geschätzt, wenn gescheite Leute in dieser Sprache dichten und schreiben.“ Am Beispiel der Schweizer ermutigte eine Zuhörerin, den Dialekt in den Alltag zu adaptieren. Denn die alemannische Sprache habe viel mit bäuerlicher Arbeit zu tun, doch diese Arbeit und dieser Lebensraum seien verloren gegangen.

Bekenntnis von Erika Buhr

„Und wo bleibt die Jugend?“, fragte Ludwig Kupka. Auch er musste mit seinem aus Preußen stammenden Vater hochdeutsch sprechen, durfte nur mit Mutter und Tante Dialekt reden. Das hinterließ Spuren, Kupka spricht und schreibt ausschließlich Hochdeutsch. Derweil bekennt Erika Buhr, dass sie im Alemannischen daheim sei. Ihre Naturverbundenheit und philosophische Betrachtungen drückt die 87-jährige Heimatdichterin in herzerwärmenden Texten aus. Einige wurden vertont, Marianne Höldin singt zum Gitarrenspiel. Mit verschmitztem Humor zeigt Erika Buhr die Kochkünste einer aus dem Norden Zugezogenen auf, die „fünfviertel Stund“ ihr Schüfele kochte und sich am Ende wunderte, dass nur mehr Suppe übrigblieb.

Erika Buhr
Erika Buhr | Bild: Martha Weishaar

Markus Manfred Jung lässt sich in seinem Vortrag darüber aus, ob Mundart „e Sprochfehler“, oder gar Unart ist, die sich später wieder auswächst. Humorvoll tiefsinnig gerät sein Wortspiel über die Quaken am Lachengraben ehe er, am Ende beinahe seiner Heiserkeit unterliegend, im Liebesgedicht „Loss iies goh mitnand“ viel Gefühl preisgibt: „S‘horniglet mi noch der, bis iieni is Herz“.

Erspüren der Vergänglichkeit

Ganz anders hört sich Kupka an, der bei „Mittag auf dem Dorf“ die kleinen Dinge groß erscheinen lässt oder im „Feierabend von der Feldarbeit“ seine Erinnerungen an die Kindheit verrät und das facettenreiche Landleben widerspiegelt. Wenn danach ein Conrad Schierenberg seine Werke in feinstem Hochdeutsch und mit Erläuterungen zum dichterischen Handwerk ankündigt, staunt der Zuhörer, in welch uralemannischem Wortschatz er in seinem Gedicht „vom Alter“ das Erspüren der Vergänglichkeit des Lebens schildert. In wütendem Timbre gibt der Barfüßige die „Worte eines Streitsüchtigen“ zum Besten, ehe er sich verschmitzt in ureigenem Charakter den „chaibe Wiieber“ widmet. Mit den Großen der Dichtkunst, rechnet Schierenberg bei „Shakespeare und Hölderlin“ ab, denn „wenn en Dichter g‘schätzt wird, schriiebt er so, wie gschwätzt wird“.