In wenigen Tagen starten viele junge Menschen in die Berufsausbildung. Die Situation für Schulabgänger ist komfortabel, übersteigt doch die Anzahl der zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze die der Bewerber deutlich. Unsere Zeitung hat bei etlichen Unternehmen nachgefragt, ob dieser bundesweite Trend auch auf Bonndorf zutrifft. Oder konnten hier vielleicht im Gegensatz alle freien Ausbildungsplätze besetzt werden?

Unbesetzte Lehrstellen vor allem im Handwerk

Nein, das gelang auch in Bonndorf nicht. Es gibt noch unbesetzte Lehrstellen. Vor allem das Handwerk hat es schwer, Auszubildende für sich zu gewinnen. Während holzverarbeitende Berufe bei Schulabgängern offenbar gefragt sind, stoßen andere Handwerksberufe auf deutlich weniger Interesse.

Obwohl das Elektrounternehmen Robold wiederholt am HeDu-Ausbildungstag präsent war, fand sich kein Interessent für die Berufsausbildung zum Elektriker.
Obwohl das Elektrounternehmen Robold wiederholt am HeDu-Ausbildungstag präsent war, fand sich kein Interessent für die Berufsausbildung zum Elektriker. | Bild: Martha Weishaar

Daniel Robold würde nur zu gerne ausbilden, hatte jedoch keinen einzigen Bewerber, obwohl seine Firma beim HeDu-Ausbildungstag präsent war. Mittlerweile zieht er sogar in Erwägung, über soziale Netzwerke auf Ausbildungsplätze in seinem Unternehmen hinzuweisen. „Keiner will eine handwerkliche Ausbildung machen, alle wollen Abitur und studieren“, beklagt der Elektromeister.

<strong>Abnehmende Attraktivität: </strong>Harte körperliche Arbeit und schmutzige Hände wollen heute die wenigsten bei der täglichen Arbeit. Daher finden sich auch für den einstigen Traumberuf des Automechanikers nur noch wenige geeignete Bewerber.
Abnehmende Attraktivität: Harte körperliche Arbeit und schmutzige Hände wollen heute die wenigsten bei der täglichen Arbeit. Daher finden sich auch für den einstigen Traumberuf des Automechanikers nur noch wenige geeignete Bewerber. | Bild: Martha Weishaar

Damit spricht er vielen Berufskollegen aus der Seele. Gaby Moser vom gleichnamigen Autohaus bestätigt, dass kaum noch junge Menschen bereit sind, einen Beruf zu lernen, bei dem man sich die Hände schmutzig macht und sich körperlich anstrengen muss. Dabei war Automechaniker noch vor nicht allzu langer Zeit der Traumberuf von Jungen und männlichen Schulabsolventen. „Handwerkliche Berufe werden mittlerweile an den Schulen zu wenig gefördert“, kritisiert Moser. Dieses Jahr startet ein Auszubildender bei Mosers, wird aber das erste Ausbildungsjahr an der Metallfachschule verbringen. Denn die Anforderungen sind in vielen Handwerksberufen gestiegen, auch in der Berufsschule müssen passable Leistungen erbracht werden.

<strong>Interessantes Angebot: </strong>Am Ausbildungstag hatten Mädchen wie auch Jungen Spaß am Stand von Fliesenlegermeister Clemens Podeswa. Für eine Ausbildung hat sich letztlich aber niemand beworben.
Interessantes Angebot: Am Ausbildungstag hatten Mädchen wie auch Jungen Spaß am Stand von Fliesenlegermeister Clemens Podeswa. Für eine Ausbildung hat sich letztlich aber niemand beworben. | Bild: Martha Weishaar

Bei Clemens Podeswa erschien der einzige Bewerber noch nicht einmal zum Vorstellungsgespräch. Auch bei der Fliesenlegerfirma ist es eher die Regel als Ausnahme, dass sich niemand für eine Ausbildung interessiert. Bäckermeister Karl-Egbert Jost hatte noch nicht einmal einen Bewerber, ebenso wenig Installateur Alex Matt. Schon 2016 und 2017 blieben seine Lehrstellen unbesetzt. Alex Matt beschreitet deshalb einen neuen Weg. Ein Flüchtling, der bisher als Bauhelfer bei ihm tätig war, beginnt am 1. September eine Ausbildung. Die Handwerkskammer unterstützt das, organisiert zusätzlichen Mathe- und Sprachunterricht. „Es wird bestimmt sehr schwer werden, denn die Ausbildung des Anlagenmechanikers ist kompliziert“, sagt Michaela Matt. „Aber wenn man es nicht mal probiert, weiß man nie, ob das klappt.“

Flüchtlinge können Lücke in Einzelfällen schließen

Gipsermeister Ralf Indlekofer lässt sich ebenfalls darauf ein, einen Flüchtling auszubilden. Auch Norbert Kromer hatte in den vergangenen zwei Jahren keine neuen Auszubildenden in seinem Bauunternehmen. Dieses Jahr hat er Glück, ein Absolvent mit Fachhochschulreife wird bei ihm eine Maurer- und Betonbauerlehre beginnen. Wie sich die Bewerbersituation für das Handwerk vor dem Hintergrund der Schließung der Bonndorfer Werkrealschule künftig entwickelt, dazu wagt der Maurermeister heute noch keine Prognose abzugeben.

Manche Firmen finden noch geeignete Kandidaten

Es gibt freilich auch Firmen, die ihre Ausbildungsplätze mit geeigneten Kandidaten besetzen konnten. Adrian Dietsche durfte unter drei Bewerbern einen Auszubildenden auswählen. Auch bei Landschaftsbau Woll und Schreinerei Stritt startet jeweils ein Berufsanfänger in die Ausbildung. Ebenfalls zufrieden ist Daniel Müller. Aus sieben Bewerbern konnte die Landmaschinenfirma einen angehenden Land- und Baumaschinenmechaniker auswählen.

<strong>Wahl getroffen: </strong>Ihre Ausbildung in Möhringers Schwarzwaldhotel hat bereits im August begonnen. Natascha Major (von links) will Köchin werden, Luis Kaiser sowie Joscha Tietz Hotelfachmann und Lisa Zelder sowie Elena Sophie Müller Restaurantfachfrau.
Wahl getroffen: Ihre Ausbildung in Möhringers Schwarzwaldhotel hat bereits im August begonnen. Natascha Major (von links) will Köchin werden, Luis Kaiser sowie Joscha Tietz Hotelfachmann und Lisa Zelder sowie Elena Sophie Müller Restaurantfachfrau. | Bild: Martha Weishaar

Gabriele Möhringer vom Schwarzwaldhotel freut sich über fünf Berufseinsteiger. Aufgrund mangelnder Qualifikation mussten gleichwohl einige Bewerber abgelehnt werden. Gerne hätte auch sie zwei Flüchtlingen die Chance auf eine Berufsausbildung ermöglicht. Das scheiterte jedoch an der rechtlichen Unsicherheit über die Bleibesituation der jungen Männer.

Große Unterschiede bei verschiedenen Berufsfeldern

Die Sparkasse, Steuerberatung RTS, Schmidt’s Markt und auch die großen Arbeitgeber wie Hectronic und Dunkermotoren konnten sämtliche freien Ausbildungsplätze besetzen. Dunker gibt auch zwei Flüchtlingen die Chance auf eine Ausbildung. Bei der Fleischwarenfabrik Adler interessierte sich kaum jemand für gewerbliche Berufe wie Fleischer und Fachkraft für Lebensmitteltechnik, während die Stellen für Industriekaufleute und Industriemechaniker besetzt werden konnten.

Charakter kann Ausschlusskriterium sein

Auch Marie-Luise Adler musste sich gegen den einen oder anderen Bewerber entscheiden, wenn diese bereits beim Probearbeiten „Defizite in ihrer Zuverlässigkeit“ zeigten. Die charakterliche Eignung der Berufsanfänger wird höher gewichtet als die fachliche, das bestätigt auch Alexander Ebi. „Mathe kann man lernen, aber einen Charakter kann man nicht verändern“, sagt der Ausbildungsleiter von Hectronic.

Handwerkliche Berufe sollten mehr gefördert werden

Dass anstatt Abitur für alle handwerkliche Berufe mehr gefördert werden sollten, steht auch für Susanne Mutter außer Frage. Zumal viele Handwerksberufe durch technischen Fortschritt einen drastischen Wandel vollziehen. „Ein Textilreiniger muss heute moderne Maschinen bedienen können, anstatt Rüschenblusen perfekt zu bügeln“, sagt die Chefin der Wäscherei Indlekofer. Sie befürchtet, dass „wir alle in naher Zukunft Probleme haben könnten, überhaupt Handwerker zu kriegen“.

Abiturienten werde Studium nahegelegt

Trotz des Überhangs an Ausbildungsplätzen ist es umgekehrt auch für Schulabgänger zuweilen schwierig, eine passende Lehrstelle zu finden. Janina Matt beispielsweise hatte nach ihrem Abitur am Kolleg in St. Blasien ziemliche Mühe, einen Ausbildungsplatz als Notfallsanitäterin zu ergattern. „Wollen Sie nicht lieber studieren?“, sei sie in beinahe allen Bewerbungsgesprächen gefragt worden. „Alle jammern, dass keiner mehr eine Ausbildung machen will. Wenn dann aber jemand mit Abitur eine Lehre machen will, wird er nicht genommen“, ärgert sich ihre Mutter Michaela.