Herr Lennemann, was wird sich für die Energieversorger in den kommenden Jahren ändern, gerade bezüglich Infrastruktur und Datenleitungen im ländlichen Raum?

Zunächst müssen die großen Stromleitungen vom Norden in den Süden gebaut werden, damit der an der Küste erzeugte Strom aus Windkraftanlagen in den Industriezentren im Süden ankommt. Trotz aller dezentraler Erzeugung wird dies notwendig sein, damit die Energieversorgung stabil ist. Aber auch das Verteilnetz muss angepasst werden. Es ist derzeit darauf ausgerichtet, dass Strom in großen Kraftwerken erzeugt und von dort zum Konsumenten transportiert wird. Diese Situation hat sich aber inzwischen geändert und wird sich weiter ändern. Denn durch Photovoltaik und Windkraftanlagen sind die Kraftwerke inzwischen kleiner und dezentral. Der dort erzeugte Strom muss entweder vor Ort verbraucht oder ins Netz eingespeist werden. Dazu muss die Infrastrukturumgebaut werden. Der Strom muss auch in die andere Richtung fließen können. Darüber hinaus müssen Verbrauch und Erzeugung miteinander kommunizieren. Dies wird gewährleistet durch den jetzt beginnenden Einbau der sogenannten Smart Meter. Intelligente Messsysteme verfugen über einen Kommunikationsknoten, auf den verschiedene Stellen zugreifen können. Damit können sie das Netzsystem im Gleichgewicht halten.

Kann der Energiehunger mit erneuerbaren Energien bis dahin wegen des zusätzlichen Bedarfs gestillt werden – Stichwort Elektromobilität?

Wir gehen davon aus, dass dies der Fall sein wird. Die Landesregierung plant, dass bis 2050 rund 80 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden soll. Vor allem in Sudbaden sind wir hier schon sehr weit. Dank der Wasserkraft hegt beispielsweise der Anteil des ins Stromnetz eingespeisten aus erneuerbaren Quellen gewonnenen Stroms schon bei über 50 Prozent. Dazu noch drei Zahlen: Derzeit gibt es rund 45 000 Elektrofahrzeuge in Deutschland. Steigt die Zahl auf eine Million, würde dies einen Anstieg des Stromverbrauchs um 0,5 Prozent bedeuten. Das ist sicherlich schaffbar. Die Erzeugung ist allerdings nur ein Punkt. Damit das Stromnetz stabil bleibt, werden nicht alle Fahrzeuge gleichzeitig laden können. Intelligente Netze müssen und werden dafür sorgen, dass auch hier Erzeugung und Verbrauch im Einklang ist. Diese Kommunikation wird dank Digitalisierung möglich sein.

Der Widerstand gegen Windenergieanlage ist teilweise groß. Ist so die Energiewende überhaupt zu schaffen?

Die Windenergie ist ein wichtiger Baustein der Energiewende. Aber sie ist nicht der alleinige Träger der Energiewende. Obwohl es Vorbehalte gibt, sollten dennoch die wenigen ertragreichen Standorte m der Region genutzt werden. Denn nur im Zusammenspiel der erneuerbaren Quellen (Wind, Sonne, Wasser) und unter der Einbeziehung von Stromspeichern und eines intelligenten Stromnetzes wird es eine stabile Stromversorgung geben. Dies ist nicht eine Frage der reinen erzeugten Menge, sondern des gesamten Energiesystems. Zudem wird die Energiewelt dezentraler werden. Sehr viele Gebäude oder sogar ganze Quartiere werden den Strom, den sie benötigen,selbst erzeugen Photovoltaik-Anlagen, Speicher, Warmeerzeugung und Elektromobiltat werden intelligent vernetzt und zusammenspielen. Darüber hinaus werden diese Systeme in ihre Kommunikation Wetterdaten und Verbrauchsdaten von außen einfließen lassen und so den Stromverbrauch optimieren können. Denkbar sind Zellen (Quartiere oder ganze Ortschaften), die überwiegend den Strom, den sie benötigen, selbst erzeugen und nur selten auf das öffentliche Stromnetz zugreifen, um überschüssigen Strom einzuspeisen oder zu wenig erzeugten Strom zu beziehen.

Und welche Auswirkungen wird die Digitalisierung und der Wechsel zu Erneuerbaren auf die Arbeitsplätze in Ihrer Branche haben?

Wie in allen anderen Branchen auch wird die Digitalisierung gerade im administrativen Bereich die Arbeitswelt der Energiebranche verändern. Routine- und Standardtätigkeiten werden automatisiert werden Algorithmen und Programme werden Aufgaben beispielsweise in der Abrechnung, der Kundenkommunikation oder dem Personalbereich übernehmen. Leichte oder angelernte Tätigkeiten im administrativen Bereich wird es nicht mehr geben Vertrieb und Kundenbetreuung werden nahezu automatisiert laufen. Das heißt, es wird zuverlässige Dienstleistungen aus einem virtuellen Unternehmen geben. Die Mitarbeiter werden über deutlich mehr spezifisches Wissen verfügen. Dies weniger inhaltlich, sondern mehr prozessorientiert. Auch beim Betrieb der Kraftwerke und Netze wird es Änderungen geben. Auch hier werden administrative Tätigkeiten automatisiert und gerade im Netzbereich wird der Anteil der Mechaniker ab und der Anteil der Elektroniker zunehmen. Denn künftig muss nicht nur der Stromfluss aufrechterhalten werden, sondern auch die Kommunikationsinfrastruktur Arbeiten vor Ort werden natürlich nach wie vor Menschen erledigen. Denn kein Roboter kann beispielsweise Turbinen warten oder Freileitungen reparieren.

Fragen: Gerald Edinger

Zur Person

Alexander Lennemann ist Diplom Staats- und Sozialwissenschaftler und seit 2009 Leiter der Kommunikation bei der Energiedienst Holding mit Sitz in Laufenburg. Lennemann spricht sowohl für die Holding als auch für die Töchter NaturEnergie AG, Energiedienst AG und Energiedienst Netze GmbH.