Bonndorf – "Zu dem Interview bin ich wie die Jungfrau zum Kind gekommen", erzählt Mechtild Nägele. Die Gündelwangerin, die auch gleich aufklärt, dass es keinesfalls "Gündelwangenerin" heißt, war in der großen Zentral-Stadt unterwegs, unter anderem "bi dr Ursel". Gemeint ist die Fasnachts-Partnerin seit Jahrzehnten, Boutiquebesitzerin Ursel Nehmer. Die wiederum war aus "der Germania" angerufen worden, dem Restaurant, das allerlei alemannische "Sprüchlii" auf der Speisekarte hat. Denn dort wollte sich ein Reporter von SWR4, Knut Bauer, alemannische Begrifflichkeiten erklären lassen.

Nachdem Ursel Nehmer nicht kurzfristig ihren Laden verlassen konnte, sprang Mechtild Nägele ein und kurzerhand bei der Germania vorbei. Für diesen (den heutigen) Montagnachmittag sollte es nämlich auf SWR4 um Dialekte und deren Abgrenzung gehen. Auf der Suche nach interessanten Gegenden für diesen "Regionencheck", war Knut Bauer unter anderem in Bonndorf. Einen besseren Zufallstreffer, als mit Mechtild Nägele ins Gespräch zu kommen, konnte der Radiomann nicht landen. "Ich interessiere mich schon seit der Kindheit und Jugend für die Alemannische Sprooch", erzählt Mechtild Nägle schließlich im Gespräch mit dieser Zeitung auf dem Sonnenbänkle vor ihrem Haus sitzend. Am Briefkasten prangt das Schild, dass hier auch alemannisch gesprochen werden dürfe. "Was glaubsch, wie oft Wanderer, wenn sie hier vorbeilaufet dazu ein Kommentar ablän?!"

Im Alter von 17 Jahren ist Mechtild Nägele Mitglied bei der "Muettersproch Gsellschaft" geworden, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Alemannische zu pflegen und zu erhalten. "Ich habe schon als Teenie Mundartbücher gelesen und war damit aber wahrscheinlich schon damals ein Exot", erläutert Nägele. Als sie nach einer unbeschwerten Kindheit in Gündelwangen ins fünf Kilometer entfernte Bonndorf gependelt ist, um dort die Realschule zu besuchen, "habe ich einen Kulturschock erlebt".

Erstmals in ihrem Leben sei sie Menschen aus Ewattingen begegnet, das bekanntlich ebenso nur wenige Kilometer von Bonndorf entfernt liegt. "Und ich habe diese Mitschüler einfach nicht verstanden." Dass ihr Lehrer, Jupp Gut, selbst aus hiesigen Gefilden stammend, ihr auch noch dargelegt hat, dass sie mit der kehligen Aussprache ihres Vornamens Mechtild bei weitem nicht der hochdeutschen Aussprachenorm gerecht werde, tat ein Übriges, um den eigenen Dialekt, eben die "Muettersproch" hochzuhalten. Für runde Geburtstage im Freundes- und Verwandtenkreis schreibt sie Mundartgedichte. Für Laientheatersketche schreibt oder übersetzt sie mühelos in Mundart. Gleichzeitig hat sie aber höchsten Wert darauf gelegt, ihren Kindern mitten im Namen kein "ch" zu verpassen, auf dass die kein Problem haben, sich Hochdeutsch korrekt vorzustellen.

"Ich finde, man kann sich im Dialekt viel besser ausdrücken und genau das sagen, was man denkt und fühlt. Denn oft sind die Worte im Dialekt netter, als wenn man die Entsprechung auf Hochdeutsch benutzen würde", meint Mechtild Nägele. So seien es gerade Schimpfworte, die man unbesehen im Dialekt benutzen könne, wie "Schofseckel" oder "Dubel", was den Umgang miteinander natürlich auch entspannt. Mechtild Nägele sagt von sich, dass sie sehr wohl hochdeutsch reden könne. Referenz dafür sind Freundinnen, beispielsweise aus dem fernen Mittelfranken, die sie während ihrer Ausbildung zur Arzthelferin in Freiburg kennengelernt hat. "Die hätten mich ja sonst nicht verstanden."

Im Übrigen sei auch Fremdsprachenlernen, wie Englisch oder Französisch für sie nie ein Problem gewesen, möglicherweise weil sie von frühester Jugend jeweils umgeschaltet hat vom "Reden wie einem der Schnabel gewachsen ist" zum Hochdeutschen. Dennoch hat sie die Ihren einst schon zur Ordnung gerufen: Natürlich gab es bei Nägeles kein Frühstück, sondern man hat "z'Morge gässe". Wenn Sohn Johannes, im Vertrieb beschäftigt, nach Hause kommt und allzu "Kunden-gestelzt" daherredet, ist ihre Aufforderung stets: "Mit dr Muetter kasch wieder normal schwätze." Und wenn die Enkel heute aus dem Kindergarten kommen und mit Hochdeutsch nur so um sich werfen, heißt es: "Bi dr Oma schwätzed mir halt Schwarzwälderisch."

Kein Wunder also, dass ein hochzufriedener Reporter Knut Bauer aus der Löwenstadt wieder abziehen konnte ins ferne Stuttgart. Denn er war hier wirklich fündig geworden. "Es hat mich schon gewundert, dass man in der Gegend in jedem Dorf einen eigenen Dialekt hat", so Knut Bauer gegenüber dieser Zeitung. Bonndorf, Lenzkirch und Löffingen hatte er sich als Drei-Dialekt-Eck ausgesucht. Ursprünglich von der Schwäbischen Alb stammend, hätte er einen Großteil wohl verstanden. Nur die Geschichte mit den "Änewietlern" (siehe Infokasten) hätte sich ihm nicht erschlossen. Um so mehr freute er sich klammheimlich darüber, dass er den Bonndorfern aus Löffingen ein ganz anderes Wort für "de Butter" mitbringen und erklären konnte. Dort hieße das nämlich "Ank".

Alemannisch für Anfänger

"Die Litt äna a de Wuete sin d'Änewietler und selli schwätzed anderscht wie mir." (Die Leute von der anderen Seite der Wutach sind Änewietler und die sprechen anders als wir.) Der "Zieschdig" ist im Hochdeutschen der Dienstag. "Chleferi" wird ein Schlaumeier genannt, der "Gitterlischisser" ist ein Erbsenzähler, der "Huetsimpel" ist auf jeden Fall männlich, und zwar der Simpel, der den Hut aufhat, also ein besonderer, ein Obersimpel. Und die "Schneppere" ist weiblich, wahlweise eine blöde (geschwätzige) Frau oder auch der Mund, der gleichzeitig eine "Schnurre" sein kann. Im heutigen Nachmittagsprogramm ab 13 Uhr sind auf SWR 4 die Beiträge zu hören oder in der SWR-Mediathek.