Traditionell eingeleitet durch die für Bernau komponierte Hans-Thoma-Fanfare, gespielt von Mitgliedern des Musikvereins Bernau Außertal, ist im Bernauer Kurgarten der Natur-Energie-Förderpreis an die aus Waldshut stammende Künstlerin Hannelore Weitbrecht verliehen worden. Gefeiert wwurde zuvor ein ökumenischer Gottesdienst. Neben diesen bekannten Details war vieles anders an diesem 72. Festakt in ununterbrochener Folge mit der Überreichung des inzwischen 13. Förderpreises durch Natur-Energie-Vertreter Edmund Martin.

Naturmaterialien, kombiniert mit Papier, bilden die Grundlage von Hannelore Weitbrechts Arbeiten.
Naturmaterialien, kombiniert mit Papier, bilden die Grundlage von Hannelore Weitbrechts Arbeiten. | Bild: Karin Steinebrunner

Das Hans-Thoma-Fest sei normalerweise ein Höhepunkt für Bernau, erklärte Bürgermeister Alexander Schönemann, mit mehr als 100 Personen auf der Bühne im Kurgarten, von den beiden Musikvereinen, der Trachtengruppe und dem Kirchenchor. In diesem Schicksalsjahr sei das anders, aber gerade jetzt und heute würden Preis und Preisträgerin besser zusammenpassen als jemals zuvor, seien doch die stets präsenten Parameter in Hannelore Weitbrechts Arbeiten „Natur“ und „Ordnung“.

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Corona habe den öffentlichen Diskurs zeitweise vollkommen aufgesogen. Als Reaktion darauf sei aktuell eine Wiederentdeckung der Natur zu erkennen. Andererseits würden die restriktiven Ordnungsmaßnahmen zur Eindämmung des Virus‘ mancherorts schon als „neue Normalität“ gehandelt. Er hoffe jedoch, das Fest in dieser Form werde eine Ausnahmesituation bleiben.

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Eine Ausnahmesituation war es ganz sicher in der Hinsicht, dass erstmals zwei „Neulinge“, Pater Roman und die evangelische Pfarrerin Renate Hartwig, die Messe hielten. Und auch, dass Renate Hartwig in ihrer Predigt direkt auf die an diesem Tag ausgezeichnete Künstlerin einging, war eine Premiere. Sie sprach vom Glauben an den Schöpfergott einerseits, der alles weise geordnet habe, und andererseits von der Sorge um unser eigenes Wohlergehen, die uns veranlasse, in diese Schöpfung einzugreifen. Diese beiden Aspekte sehe sie auch in der Kunst von Hannelore Weitbrecht einander gegenübergestellt. Das Filigrane ihrer Objekte verweise zudem auf die Zerbrechlichkeit der Schöpfung wie der menschlichen Erzeugnisse, mahne zum behutsamen Umgang und rege letztlich zu der Frage an, wie viel Ordnung Gottes Schöpfung vertrage.

Edmund Martin gab seiner Faszination Ausdruck, was alles aus Papier entstehen könne. Kulturwissenschaftler Jürgen Glocker betonte darüber hinaus in seiner Laudatio, wer ein Freund der Natur und zugleich einer der Schönen Künste sei, der sei bei dieser Preisverleihung an der bestmöglichen Adresse. Hannelore Weitbrecht nämlich sei im Umgang mit primären und sekundären Naturmaterialien kreativ, wie kaum jemand sonst.

In ihrer Ausstellung „Zeit der Natur“ erschaffe sie künstliche Gärten, die zu kreativen Spaziergängen einlüden, gestalte aber dennoch keinen „locus amoenus“, keinen Idealort, der Zwischentöne ausblende. Mit ihrer Hinwendung zur Objektkunst zu Beginn der 1990er Jahre habe sie, überspitzt formuliert, die „Landart“ in die Museen und Galerien geholt, habe in Deutschland eine Pionierrolle gespielt, lange vor der Fokussierung auf die Natur.

Weitbrechts Werke, so Glocker, strahlten eine berückende Schönheit, Symmetrie und Harmonie aus. Zugleich aber seien sie von Intuition geprägte künstlerische Zeichensysteme, die Rätsel aufgäben, ohne klare Entsprechung von Bezeichnendem und Bezeichnetem. Aus Naturalien lasse die Künstlerin Artifizielles entstehen, der Abstraktionsgrad lege dabei die Deutung als Metapher nahe, der Assoziationsraum indes sei weit gesteckt. Der Mensch existiere nur als Strippenzieher im Hintergrund, bringe Ordnung in die unendlich große, vor Fülle berstende Dingwelt, ohne dieser Überfülle indes gerecht werden zu können, was letztlich Ordnung als Memento mori erscheinen lasse, als Preis des Menschenmöglichen.

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