Auf den meisten Gipfeln der Alpen gibt es sie: Gipfelbücher. Bergsteiger, die den Gipfel erreicht haben, tragen sich dort ein. Manchmal sind es nur die Namen und das Datum der Besteigung, in den meisten Fällen notieren die Gipfelstürmer noch einen Gruß oder Gedanken, die ihnen durch den Kopf gingen. Was in den Alpen zum normalen Bild eines Gipfels gehört, ist im Schwarzwald selten. Auf dem Herzogenhorn ist das anders: Dort gibt es seit 2006 ein Gipfelbuch.

Bild: Susanne Gilg

Auf 1415 Metern Höhe trotzt der kleine graue Blechkasten Regen, Wind, Schneestürmen und Eiseskälte: Wer den Deckel abnimmt, findet darin ein kleines Notizbuch und einen Stift, mit dem er sich dort eintragen kann. Viele Geschichten, Gedanken, Grüße oder Zeichnungen hat der kleine Blechkasten schon gesehen. Auch traurige Einträge. Wie im aktuellen Buch: „Wichtig ist, dass Du Dich wohlfühlst, dass Du die Natur um Dich herum spürst – dann macht Bergsteigen unheimlich glücklich“, ist dort ein Zitat des Bergsteigers Hans Kammerlander zu lesen – gedruckt auf eine Trauerkarte, die in das Büchlein geklebt ist.

Bild: Susanne Gilg

Sie zeigt ein Foto von Gerhard Kistler aus Neuglashütten, der Anfang Februar im Alter von 67 Jahren gestorben ist. „Er hatte die Idee zu dem Gipfelbuch und hat als Dachdeckermeister den Blechkasten gebaut“, sagt Ines Dangers-Bolder aus Altglashütten, die sich von Anfang an darum gekümmert hat, dass die Gipfelbücher ausgetauscht werden, wenn sie vollgeschrieben sind.

Ines Dangers-Bolder sammelt die Gipfelbücher bei sich daheim.
Ines Dangers-Bolder sammelt die Gipfelbücher bei sich daheim. | Bild: Susanne Gilg
Bild: Susanne Gilg

Sie hat 2004 gemeinsam mit Mitgliedern der von ihr gegründeten Bürger­initiative Herzogenhorn verhindert, dass vom Grafenmatt aus eine Kabinenbahn bis zum Bundesleistungszentrum unterhalb des Herzogenhorns gebaut wird. Eine Bahn, die auch im Sommer hätte fahren sollen. „Für mich war das aus einer tiefen Überzeugung heraus, dass ich da einschreite“, sagt Ines Dangers-Bolder über ihr damaliges Engagement. „Das Herzogenhorn ist mein Lieblingsberg, ich habe drei Jahre lang am Grafenmatt gewohnt und die Ursprünglichkeit der Natur dort kennengelernt.“ In Gerhard Kistler und vielen anderen Hochschwarzwäldern fand sie Mitstreiter, denen das Herzogenhorn und dessen Unberührtheit genauso am Herzen lag. Als Skitourengeher war Kistler häufig in den Alpen unterwegs, auch mit Wanderschuhen und Kletterseil hat er viele Viertausender erklommen – und sich in viele Gipfelbücher eingetragen.

Bild: Susanne Gilg

Auch die Freude, den Lieblingsberg vor der Haustür vor dem Massenansturm, den eine Kabinenbahn mit sich gebracht hätte, war es, das Gipfelbuch zu installieren. 34 Gipfelbücher sind seit der Aufstellung, die 2006 gemeinsam mit dem Schwarzwaldverein Bernau stattfand, gefüllt worden. An Karfreitag hat Ines Dangers-Bolder zusammen mit ihrer Familie das 35. Exemplar auf den Gipfel gebracht. Es ist schon wieder fast zu Hälfte gefüllt. Dass die Menschen durch die Corona-Krise vermehrt vor der eigenen Haustür unterwegs sind, zeigen auch Einträge in diesem Buch: „Haben wir eine schöne Heimat“, lautet etwa ein Eintrag vom Ostersonntag. Oder ein Eintrag vom 2. Juni: „Fünf Freunde im Schwarzwald statt am Gardasee – dank Covid-19. Es gibt schlimmere Alternativen.“

Bild: Susanne Gilg

In jedes Gipfelbuch klebt Ines Dangers-Bolder einen Zettel mit ihren Kontaktdaten. „Ich werde angerufen oder bekomme eine Mail, wenn das Buch voll ist“, sagt sie. „Man kann Abende damit verbringen, in den Gipfelbüchern zu lesen – besonders berühren mich Einträge von Kindern oder Gedanken an verstorbene Mitmenschen“, fügt sie hinzu. „Die Natur verschwindet stumm – verleihen wir ihr Stimme, setzen wir uns für sie ein“, hat sie an den Anfang jedes Buchs geschrieben. „Das ist es, was uns damals angetrieben hat, die Kabinenbahn zu verhindern – es gilt bis heute.“

Bild: Susanne Gilg

In vielen der bald 35 vollgeschriebenen Bücher, die sie bei sich in Altglashütten sammelt, finden sich Dankesworte an die BI, dass sie dafür gesorgt hat, dass die Kabinenbahn nicht gebaut wird. Dass Gipfelbücher mitgenommen werden oder verschwinden, hat sie noch nicht erlebt. Wie das Schweizer Fernsehen 2015 berichtet hat, ist das Verschwinden von Gipfelbüchern vor allem bei weltweit bekannten Bergen wie dem Piz Bernina ein Problem. Auch echte Schätze scheint es zu geben: Mehr als 130 Jahre lang wurde etwa auf dem Piz Vadret dasselbe Buch benutzt.

Bild: Susanne Gilg

Mit so einer Tradition kann das Gipfelbuch am Herzogenhorn zwar nicht aufwarten, wohl aber ein verbindendes Element zwischen Naturliebhabern und Menschen sein, die sich an der Aussicht bis hin zu den Alpen und der Ursprünglichkeit des Bergs erfreuen.