Die Urlaubssaison ist da und zahlreiche Feriengäste sind bereits im Bernauer Hochtal wie im gesamten Südschwarzwald eingetroffen. Auch Hans Thoma war ein großer und begeisterter Reisender. Zwar suchte er, egal wo er seine Zelte aufgeschlagen hatte, immer wieder seine Heimat auf; aber um der Kunst, der Menschen und der Landschaft willen zog es ihn auch in die Ferne.

Die Reisen

Nach Paris etwa, wo er Gustave Courbet und dessen Malerei kennenlernte, nach England und nicht zuletzt etliche Male nach Italien, das nicht erst seit Goethes italienischer Reise das Sehnsuchtsziel schlechthin der gebildeten Europäer und vor allem der Künstler und Schriftsteller war. Das Kunstmuseum in Bernau besitzt nicht nur italienische Skizzenbücher seines Hauspatrons, sondern darüber hinaus ausgearbeitete Italienbilder. Zwei werden derzeit nicht im Magazin verwahrt, sondern ausnahmsweise im Thoma-Bereich des Hauses präsentiert. Es handelt sich zum einen um „Sorrent“ (Öl auf Leinwand, 1880, 37 mal 60 Zentimeter), zum anderen um eine Lithografie, die den Monte Baldo am Gardasee zeigt und sehr frühe Spuren des deutschen Japonismus aufweist.

Arbeit statt Erholung

Freilich suchte Hans Thoma auf seinen Exkursionen in den Süden in erster Linie nicht Erholung, sondern vor allem Arbeit, Zeichen- und Mal-Arbeit vor dem Motiv. So schreibt er während der zweiten Italienreise am 9. April 1880 an seinen Freund Dr. Otto Eiser: „Neapel ist ganz merkwürdig, und der Maler kann hier recht in sein Element kommen; aber er müßte hier lange leben, so lange, bis er ruhig arbeitend über das hastige Skizzenmachen hinauskommt. Sorrent ist schön, und bei der Fülle der Orangengärten meinen wir, hier erst in Italien zu sein. Die Formen der Landschaft sind unglaublich kompliziert in Italien überhaupt und hier nun ganz besonders. Die Berge voll Schluchten, Felsen mit Architektur und Gärten in Terrassen, Höhlen in den Felsen, besonders unten am Meer. Wie angefüllt sieht so ein Stück Erde aus … und der Maler steht fast verzweifelt, so sehr er sich auch anstrengt mit seinem Skizzenbuch.“

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Bei dem Sorrent-Gemälde handelt es sich um eine nahezu monochrome Arbeit, die lediglich von einigen wenigen weißen Kontrapunkten akzentuiert wird. Sie zeigt eine längst versunkene Welt, eine Landschaft, wie wir sie heute wohl kaum noch anzutreffen vermögen: Das ruhige Meer ist einer steilen Felsküste vorgelagert, an der nur eine Hand voll Gebäude auszumachen ist, im Mittelgrund ist ein einsames, kleines Boot angedeutet. Und der Himmel scheint die See zu spiegeln.

Bild zum Träumen

Man gewinnt den Eindruck, dass Hans Thoma absolut keinen Anlass hatte, angesichts der Komplexität der italienischen Landschaft zu verzweifeln. Denn er überführte sie auf gekonnte Weise in Kunst, indem er ihr den Stempel seiner Interpretation aufdrückte. Auf andere Art als Böcklins „Toteninsel“ geriet ihm sein Sorrenter Seestück zu einem „Bild zum Träumen“.