Frau Weitbrecht, man schätzt Sie landauf, landab als prominente Objektkünstlerin. Was hat Sie vor vielen Jahren dazu veranlasst, die Malerei hinter sich zu lassen?

Schon während des Studiums stand ich vor der Entscheidung, ob ich mich langfristig der Malerei oder doch eher der Bildhauerei widmen sollte. Wegen der experimentellen Spontaneität, die die Malerei ermöglicht, habe ich mich zunächst für die Farbe und das zweidimensionale Arbeiten entschieden. Meine großen Bilder, die ich mit selbst hergestellter Pigmentfarbe schuf, besaßen allerdings bereits plastischen Charakter, der durch das Einarbeiten von Papier und anderer Werkstoffe weiter Bedeutung gewann. Anfang der 90er Jahre war dann die Teilnahme an der Kunstausstellung „Garten“ in Stuttgart prägend für das Themenfeld, das mich bis heute fasziniert.

Mit welchen Materialien arbeiten Sie für Ihre Kunstwerke?

Papier ist mein wichtigstes Ausdrucksmittel. Beim Zusammenfügen zahlreicher Papierschichten entstehen dreidimensionale, organisch anmutende Objekte, oft auch in Verbindung mit Materialien aus der Natur, die ich sammle. Samen, Fruchtkerne, Zweige, angeordnet in Papierschichten, stehen symbolisch für Anzucht oder Ordnungsreihen wie in Gärten oder Feldern. Die Beobachtung der Natur und die Erforschung ihrer Formen inspirieren mich. Mir geht es aber nicht um Nachbildungen der Natur, sondern um Kunstformen, die als symbolische Ordnungen zu verstehen sind. Sie stehen für das Wachsen, das Werden im Kreislauf der Natur. Die vielseitige Verwendbarkeit des Papiers zeigt sich besonders in den großen, meist mehrteiligen raumgreifenden Installationen. Wie in einem begehbaren Bild kann sich der Betrachter zum Beispiel in der Installation „Hortus“ zwischen Keimen, Blüten und Blättern bewegen.

Was steht im Zentrum ihrer Arbeit?

Ich will mich nicht auf einen einzigen Gegenstand festlegen. Dennoch liegt es auf der Hand: In meinem Werk steht die Natur im Mittelpunkt. Und da Papier ein Naturprodukt ist, stellt es für mich ein geeignetes Material dar, um Naturthemen darzustellen.

Was heißt das genau?

Die Natur ist für mich Inspiration und Herausforderung zugleich. Dabei setze ich mich nicht nur mit Schönheit und Formenvielfalt auseinander, sondern auch mit Veränderungen in der Natur und deren Folgen. Die Schönheit der Objekte soll zeigen, dass die Natur schützenswert ist.

Ihr Werk scheint in sich selbst zu ruhen. Wie wichtig sind Ihnen die öffentlichen Reaktionen, die Sie mit Ihrem Schaffen auslösen?

Die Fragilität meiner Arbeiten vermag den Betrachterinnen und Betrachtern bewusst zu machen, dass Veränderungen in der Natur auch Gefährdungen und Gefahren bedeuten können. So hat zum Beispiel die Ausweitung von Monokulturen Auswirkungen auf die Artenvielfalt. Zu diesem Thema ist unter anderem die Wandinstallation „Pflanzenversuchsfeld“ entstanden: eine Art Pflanzenlabor, das auf den Einfluss des Menschen und auf die schwindende Vielfalt verweist. Meine Kunst ist durchaus politisch, aber ich bin keine Politikerin. Ich liefere auch keine Thesen oder Handlungsanweisungen. Mir geht es um Formen und Strukturen, um die Poesie des Daseins.

Wir leben inmitten der Corona-Pandemie. Welche Bedeutung hat der Natur-Energie-Förderpreis gerade jetzt für Sie?

Die Pandemie hat, abgesehen von den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen, viele Menschen isoliert und das normale Leben erheblich behindert. Die momentane Situation zeigt mir deutlich, dass nicht nur die Natur fragil und gefährdet ist, sondern alle Lebewesen.

Und der Preis?

(Lacht) Wunderbar! Dass ich den Natur-Energie-Förderpreis in Bernau bekomme, freut mich sehr, zumal ich mich in meiner Arbeit vor allem mit Natur und Ökologie auseinandersetze. Die Auszeichnung bedeutet nicht nur eine Ehre, sondern besitzt zugleich eine finanzielle Seite in einer schwierigen Zeit, in der alle meine Ausstellungen verschoben wurden oder ausfallen mussten. Es gilt die harte Regel: keine Ausstellung, keine Besucher, keine Nachfrage, keine Einnahmen. Jetzt freue ich mich auf die Preisverleihung und auf die Besucher meiner Ausstellung im Hans-Thoma-Kunstmuseum.

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